Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1895)
- Date
- 1895-02-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448576--40277-2489183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
305 haben noch nicht einmal eine streng kritische TextauSgabe deffelben zu Stande gebracht. Der Anfang dazu ist freilich jetzt gemacht in dem Werke dieses Russen — wie heißt er nur — Rabbinowitz, ganz richtig; aber auch nur der Anfang, denn sein Werk ist bis heute nur in wenigen Traktaten erschienen. So lange dieses Werk, das eine Vergleichung aller Lesarten und eine kritische Würdigung derselben möglich macht, nicht vollständig erschienen ist, kann man sich auf die Lesarten des Talmud in sprachwissenschaftlichen Fragen nicht berufen." So urtheilte vor Jahren ein Gelehrter in Orientalibus vom Standpunkte seiner Wissenschaft über dieses Werk. Wie die eigentlichen Talmudgelehrten von ihrem Standpunkte dasselbe bewerthen, kann man im ersten Bande des Q’-ibid ’pnpn Nachlesen, wo gleich am Anfänge die Gutachten der größten Talmudgelehrten der Jetztzeit abgedruckt sind. Angesichts solcher Zeugnisse ist cs überflüssig, ein Wort zum Lobe desselben htnzuzufügen. Die geplante Publikation des hiesigen Vereins dürfte schon aus dem Grunde einem erhöhten Interesse begegnen, weil r^>in 'dö in den Talmudschulen und auch sonst wohl am Eifrigsten unter allen nirooo „gelernt" wird. Es wäre sehnlichst zu wünschen und von allen Kennern mit Freuden zu begrüßen, wenn dieses verdienstliche Unternehmen zu Stande käme. N. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 16. Februar. Im Verein „Oesterreichische Union" hielt vor einigen Tagen Dr. Heinrich Sieger einen Vortrag, welcher sich vornehmlich mit der Erörterung der Stellung des Coalitions-Ministeriums zum Antisemitismus und der sich immer mehrende» Ausschreitungen desselben befaßt. Nach einer Besprechung der politischen Verhältnisse im Allgemeinen und Darstellung der Thätigkeit der Coalitions Regierung gelangte der Redner zur Frage des Antisemitismus. Tausende von Bürgern, sagte er, treue llnterthanen werden von einer wüsten Bande unaufhörlich beleidigt, verhöhnt, beschimpft, verfolgt, verleumdet, in ihrer Existenz und in ihrem Gewerbe geschädigt, ja noch mehr, in ihrer körperlichen Integrität bedroht. In zahllosen Versammlungen werden die wüstesten Hetzreden gehalten, die wildesten Volksleidenschaften aufgestachelt, Haß und Verfolgungswuth sind in die geheiligten Räume der Schule und Gerichtssäle eingedrungen. (Rufe: Sehr richtig!) Das Wort, welches ein geistvoller Dichter, Gutzkow, seinem Urtel Acosta in den Mund legt, es ist heute ein furchtbar wahres Wort geworden: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude." (Rufe:«So ist eS!) Ein katholischer Priester scheut.sichInicht, in der Kirche die schändlichsten Hetzreden über daS Judenthum zu halten, durch Schulkinder Schundgedichte vertheilen zu lassen, um die Bevölkerung gegen die Juden aufzuwühlen. Wie wäre es wol gewesen, wenn es etwa einem jüdischen Priester eingefallen wäre, im Gotteshause gegen ein'anderes Religions-Bekenntniß so zu sprechen? Ein tieftrauriges Bild findet man im Gemetnderathe. An Stelle sachlicher Erörterungen find wüste Hepphkpp-Scenen getreten. In der Schule hat sich leider eine Spccialitat herausgebtldet, der antisemitische Lehrer, der in allen Volksversammlungen in der wüstesten Weise gegen die Juden hetzt und dem die Jugend und mit dieser die Zukunft des Staates anvertraut wird. Wenn man auf den Landtag blickt, sieht man, wie ein edler Priester, Rector Müllner (Beifall), der es gewagt hat, verdienstliche Leistungen jüdischer Lehrer zu erwähnen, mit blutigem Schimpf und Hohn belohnt wird. Uud erst in den jüngsten Tagen tritt ein Individuum dort auf, welches in seinem ganzen Leben nichts Anderes aufzuwetsen vermag, als die Fälschung einer Stampiglie (lebhafter Beifall), und wagt es, zu sagen, das gottverfl ... G:stndel. das Judenthum, es muß ausgerottet werden. (Rufe der Entrüstung.) Und nichts ist bisher gegen dieses Treiben geschehen. Die Regierung hat es bis jetzt unterlassen, ein entschiedenes Wort über das schändliche Treiben dieser Gestnnungscauaille, wie ste Mommsen genannt hat, auszusprechen. (Lebhafte Rufe: Leider!) Dies ist umso unbegreiflicher, als die gekennzeichnete Rotte Korah's beim wüsten Racenkampse nicht stehen geblieben ist, sondern die staatlichen Einrichtungen untergräbt, die Beamten und den Staat selbst besudelt und beschimpft, vor keiner Autorität im Staate Respcct bezeigt und den brutalsten Terrorismus nach allen Richtungen übt. Aber nicht nur die Regierung, sondern auch die liberalen Abgeordneten, mit wenigen rühmlichen Ausnahmen, haben diesem Treiben gegenüber bisher geschwiegen. (Rufe: Leider!) Redner erklärt schließlich, daß er kein Gesetz gegen den Antisemitismus verlange, sondern nur strenge Beobachtung und Wahrung der bestehenden Staatsgrundgesetze. England. 8o«dou. In der jährlichen Generalversammlung des Ruffo - Jewtsh Kommites 5 wurde die überraschende Thatsache festgestellt, daß die Einwanderung der russischen Juden im Januar erheblich stärker war als im Vorjahr. Ste bewegte sich im ganzen Jahre 1894 in sehr.bescheidenen Grenzen. Allgemein rühmte man den erzieherischen Einfluß, den die Abendschulen auf die russischjüdischen Einwanderer ausübten.