Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1895)
- Date
- 1895-02-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448576--40279-2489185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 Morgen. An diesem Tage erschien Freiherr von Gtlsa und theilte ihm mit, daß Anny und deren Vater 'nur auf sein Telegramm warteten, um ihn nach Hause zu holen. „Das ist mir nicht angenehm," wehrte Willy. „Ich habe so lange Jahre jeden Verkehr mit diesen Goldmenschen vermieden, daß mich ihre Güte jetzt fast erdrückt." „Ja. Sie haben schlimm an diesen Goldmenschen gesündigt," entgegnete ernst der Freiherr „und Sie werden lange Zeit gebrauchen, um das, was Sie gefehlt, wieder gut zu machen. Aber man verzeiht Ihnen gerne und ist glücklich, wenn Sie der wieder werden, der Sie als Knabe waren." „O," sagte Willy, „auch ich wäre glücklich, wenn ich wieder so werden könnte, aber Herr Baron, das Paradies, das man stch durch eigene Schuld zerstört hat, öffnet sich einem nie wieder. Die strafende Stimme des Gewissens, einmal geweckt, verstummt nie wieder. —" „Aber Sie sprechen ja, als ob Sie einen Mord begangen hätten, der nie zu sühnen ist. Sie haben ja doch nur Unrecht gcthan, sehen Sie dieses Unecht ein und bestreben Sie sich, dasselbe nicht wieder zu thun. Das ist doch Alles, was Sie thun können. Kirchenstrafen und Ablaß gibt es ja im Judenthum, so viel ich weiß, nicht." „Sie können, weil Sie selbst nicht Jude sind, die Größe meiner Schuld nicht ermessen. —" „Sie haben genug dafür gebüßt. Die Krankheit, die Sie durchgemacht und die Sie fast an den Rand des Grabes gebracht hat, ist Sühne genug für Ihr Vergehen. Als moralisch und religiös Neugeborner dürfen Sie ganz mit der Vergangenheit brechen." „Wie kann ich das? Ich bin gebunden, habe einem Mädchen die Treue gelobt, die Ehe versprochen; ich kann nicht wortbrüchig werden, obschon ich gestern von der Mutter diesen Absagebrief erten habe." Und Willy zeigte dem Fretherrn den Brief der Mutter Gretas. Dieser las ihn durch und sagte: „Nun, dann ist die Sache in Ordnung, das Weitere überlassen Sie mir. Der Name von Toussaint ist mir nicht unbekannt, und wenn die Damen die find, die ich in ihnen vermuthe, wird stch ihre frühere Braut wohl zu trösten wissen." Willy blickte den Fretherrn fragend an. Dieser lächelte und sagte: „Ich wollte weder Ihnen noch dem Fräulein zu nahe treten, aber nach dem, was Sie unter den Brief ihrer Mutter geschrieben hat, dürfen Sie sich beruhigen: B'hüt Dich Gott, es wär' so schön gewesen, b'hüt Dich Gott, es hat nicht sollen fein. Daraus spricht eine Resignation, die Ihnen alles sagt." Willy mußte dem Freiherrn beistimmeu. Erbat ihn also, seine Angelegenheiten bet Toussaint zu ordnen und Anny zu telegraphrren, daß er sie erwarte. Der Freiherr versprach, das zu besorgen und verabschiedete stch alsdann. Jetzt erst fühlte sich Willy wieder beruhigt und glücklich. Er hatte mit einer sündhaften Vergangenheit gebrochen und sah heiter uud getrost einer besseren Zukunft entgegen. # , Die Depesche des Freiherrn hatte Anny in einen Rausch von Entzücken versetzt. Willy kommt wieder, wollte wiederkommen! Sie hatte das Versprechen, welches sie der Mutter auf dem Todenbette gegeben, gehalten, hatte den, den sie wie ihre« wirklichen Bruder zu lieben vermeinte, vor dem Verderben gerettet und dem Vater, dem lieben, guten Vater eine Stütze für seinen Beruf errungen. Sie hatte in dem Kampfe mit Greta gesiegt. Dankbar blickte sie zu Gott, der für sie gekämpft. Kaum hatte Anny die Depesche gelesen, da ging sie mit Fanny daran, das Zimmer ihres Bruders in Ordnung zu bringen. Sie war fo aufgeregt darüber, daß die Freundin sie öfters neckte, wenn sie etwas nicht schön und gut genug machen konnte. „Wir wollen ihm sein Heim so gemüthltch machen," sagte Anny, „daß er die Fremde bald vergessen soll," und Fanny lächelte über den lobevswerthen Eifer der Freundin, die als Ursache dieses Eifers etwas Anderes alS schwesterliche Liebe zu erkennen vermeinte. Anny ließ sich ihre Freude nicht verringern, und als zu Mtttag der Vater aus der GerichtSsttzung nach Hause kam, eilte sie ihm mit der Depesche entgegen und rief: „Er erwartet uns, Väterchen, Willy ist genesen und will zu unS zurückkehren." „Boruch hatow wehametiw, gepriesen sei der Allgütige, der Gutes erweist," sagte der Anwalt, indem er seine Tochter umarmte und auf die Stirne küßte. Nun wurde berathen, wer nach Berlin reisen und Willy holen solle. „Selbstverständlich kannst Du das nur thun," sagte der Anwalt zu seiner Tochter, „denn ich kann in den nächsten Wochen unmöglich abkommen und es kommt auch Dir zu, die Freude zu genießen, Deinen wiedergewonnenen Bruder nach Hause holen zu dürfen." Anny zierte stch auch nicht lange. Sie packte rasch ihr kleines Kofferchen und fuhr am folgenden Morgen ab nach Berlin. Vom Bahnhofe auS telegraphirte sie dem Freunde ihres Vaters, Herrn von Gilsa, uud als des Abends der Zug, mtt dem sie reiste, in den Bahnhof der Frtedrichstraße einfuhr, da stand dieser schon sie erwartend auf dem Perron.