Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1895)
- Date
- 1895-02-21
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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299 haben. Mit tonenden Phrasen sein Zwitterjudenthum verhüllen, verabscheuen die Orthodoxen und Reformer — Ehrlichkeit ist interconfesstonell. Wenn Jemand wie Herr Dr. Maybaum, die Frechheit hat z. B. einer CD'1? nplpl Kiduschin zu geben, und dann in einer der vorliegenden Predigten über die Mischehen sich ereifernd, fragend auSrusl: „Wisset Ihr, m. A. woran es liegt, daß manche unserer Söhne bei der Wahl ihrer Lebensgefährtinnen das religiöse Bekenntniß derselben nicht beachten?" so mochten wir dem Frager antworten: DaS haben diese Söhne von ihrem Seelenhirten gelernt, oder hätten eS doch von ihm lernen können. Wenn der Hirte selber von Gott verbotene Ehen vollzieht, warum sollten die Schafe das nicht ihm nachthun dürfen? Daß die ganze SammluuA arm an eigentlichen Gedanken oder an sinnigen Erklärungen ist, hat unS nicht überrascht. Es gehört ein solcher Aufwand von Kraft dazu, zwischen Abfall und Treue, zwischen Lüge und Wahrheit sich geschickt hindurch zu balanciren, daß für alles andere nicht viel Zeit und Muße übrig bleibt. Das schlechte Deutsch stellten wir auf Conto des ehemaligen Eisenstädter Bochurs. Herr Dr. Maybaum hat den kühnen lyrischen Sprung von dem Eisenstädter Bochurat bis zum Berliner Rabbinat übrigens so leicht und gewandt vollzogen, daß er kaum hier angestellt, schon vor mehreren Jahren die Kühnheit hatte, in einer seiner Predigten die Wirksamkeit seines Lehrers, Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer, in einer wenig verschämten Weise zum Gegenstand feiner Angriffe zu machen. — Schade, daß diese Predigt nicht in der vorliegenden Sammlung vertreten ist! — Aber bei einer so gründlichen Metamorphose hätte man wenigstens etwas befferes Deutsch verlangen dürfen, als es einige wenige unS beim Durchblättern gerade auffallende Kraftproben verrathen z. B- (S. 3) „Die ganze, große Aufgabe menschlicher Kultur und Gesittung ist in diesen Worten be schlossen/' „Heute nun erlabten wir uns an der herrlichen Gestalt des Patriarchen" (S. 16.) „So laßt uns denn heute jenen Zügen zuwenden, die uns den Weg zu dem angedeuteten Ziele a u f z e i g e n. (S. 31.) „Kein Weib fremder Geartung könnte ihn trösten." (S. 62.) Jn der hohen Meinung, die Herr Dr. Maybaum von seiner Homiletik hat, wird er dieses alles und noch ein reiches Bouquet ähnlicher Stilblüthen für den Ausbund höherer homiletischer Weisheit ansehen. — Wer Freund von solchen Schnitzern und ähnlichen Extravaganzen ist, dem seien die Maybaum'schen Predigten bestens empfohlen. Preuß Dr. med. S. in Berlin, der Arzt in Bibel und Talmud. Eine historische Studie. Separatabdruck aus Virchow's Archiv für pathologische Anatomie rc. Bd. 138. 1894.) Daß obengenannte Arbeit in Virchow's Archiv erschien ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wenn man einerseits bedenkt, von welcher Wichtigkeit gerade in unserer Zeit die richtige Werthschätzung des Talmud in nichtjüdischen wissenschaftlichen Kreisen ist und anderseits nicht unbekannt ist mit den falschen ja oft gehässigen Urtheilen, die in medizinischen Handbüchern speciell über die Talmudlehrer als Mediziner gefällt werden') Dann wird man dem Referenten zustimmen, wenn er behaupiel, daß Herr Dr. P. sehr weise gehandelt hat seine 1) Ex g. verweise ich auf Gerh. RohlfS Archiv für Gefch. der Medizin Bd. VIII (1885) S. 120. „Schwer zu sagen ist was, in den mediz. Ansichten der Juden überwiegt der kraffeste Aberglaube oder der wüste Unsinn." Was Baas, I H. in seinem Grundriß der Geschichte der Medizin Stuttgart 1876 über die greisen (!) Rabbinen und deren „ganz besondere Vorliebe" schreibt, verbietet der Anstand hier herzusetzen. Studie in einer wissenschaftlich so hochstehende« Zeitschrift wie VirchowS Archiv zu veröffentlichen. Und daß ein Virchow die Arbeit abdrucken ließ, zeugt für ihren wissenschaftlichen Werth. Die Arbeit wird jedenfalls dazu beitragen da» Ansehen unserer Talmudlehrer zu erhöhen- „Zwar ist, wie der Vers, sagt, die Anzahl der über die biblisch-talmud. Medizin veröffentlichen Arbeiten keine ganz geringe" „aber die meisten davon, die das Feld überhaupt bebaut haben, sind nicht Aerzte sondern Theologen oder Philologen gewesen." Herr Dr. Preuß nun, ein wiffenschafttich tüchtiger Mediziner — trotz seiner Jugend ist er seit Jahren fleißiger Mitarbeiter wifsenschl. mediz. Zeitschriften — und wie die vorliegende Arbeit zeigt im Talmud genügend versirt, um nach den Origi nalq uellen arbeiten zu können, hat eS sich zur Aufgabe gestellt, die Talmudifche Medizin wiffenfchaftlich zu bearbeiten und zwar zunächst in Einzeldarstellungen — eine Arbeit ASkora erscheint demnächst im Jahrbuch für Kinderheilkunst (Prof. Heubner), andere werden bald folgen — die uns vorliegende sendet er als ProdromoS voraus und sicherlich werden sowohl Talmudgelehrte alS Mediziner seinen Publicationen mit Spannung entgegensetzen. Der Verf. bietet unS in seiner Schrift eine historische Studie, er läßt nur die Thatsachen reden und keine Behauptung wird aufgestellt die nicht aus Orginalquellen gründlich belegt werden kann „und wo die Quellen zu sparsam fließen um ein klares Bild zu ermöglichen und man durch Dermuthungen eine Verbindung herzustellen gezwungen ist, da soll man nicht das Produkt des eigenen Geistes für historische Ueberlieferung auSgeben" (S. 362». Im fünf Capiteln behandelt der Verf. sein Thema; eine kurze Inhaltsangabe dürfte dem Leser wohl erwünscht sein. Im ersten Capitel das Arbeitsfeld des Arztes. Derselbe „behandelt nicht nur innere Krankheiten, einschließlich der Gemüthsleiden, sondern auch Augen- und Zahnerkrankungen. In sein Gebiet fällt auch die Chirurgie tu ihrem ganzen Umfange." (265) „Die Amputation erkrankter Gliedmaßen, die Abtragung gangränöser Theile geschieht durch ihn". Auch bei gynäkologischen Leiden wird er consultirt und auch mit der Geburtshilfe hat er sich wahrscheinlich befaßt. Häufig wird von ihm die rituelle Circumciston vollzogen. „Demnach entspricht der Begriff des rofe durchaus dem des Arztes im modernen Sinne." Er ist auch wie überhaupt im Altrrthum sein eigener Apotheker. „Bon Spezialisten erfahren wir nur, daß im Tempel für den Priester Ben Achija für die Darmkrankerr angestellt war, Militärärzte werden nirgends erwähnt, während die Römer jener Zeit zweifellos Militärärzte befaßen, was ja schon daraus zu ersehen ist, daß R. Jochanan b. Saccai von VeSpasian Aerzte für R. Zadock erbat. (Gittin 56 b.) Wichtig ist, daß obgleich auffälligerweise auS Gemeindemitteln besoldete Aerzte, wie wir sie bei den Egyptern, Griechen, Galliern und Römern antreffen, nicht erwähnt werden, derjenige welcher die ärztliche Praxis berufsmäßig auSüben wollte, einer Approbation der Behörde bedurfte. I» Rom galt in dieser Zeit bekanntlich jeder Arzt, der sich dafür auSgab." Im zweiten Capitel wird die Frage behandeltwer war Arzt? Der Verfasser weist die Behauptung Friedreichs und Israels „daß die Heilung die Funktion des Priester» als des Vermittlers zwischen Gott und den Menschen" gewesen sei. alS unhaltbar zurück und zählen auch weder König Salomo noch die Propheten zu den Aerzteu. Im Talmud werden nur 4 Männer mit dem ausdrücklich n Titel „der Arzt" erwähnt: TudoS oder Theodoras, Tobija, Bar Gernti und Minjomi oder Binjamin. Rach der L A. des R. Chan zu Pef. 52a wäre noch ein sonst unbekannter Arzt Bar Nathan zu erwähnen. Aber der Talmud berichtet noch von Andern, die sonst als Talmudlehrer figurtren, daß sie Aerzte gewesen seien, so R. Jochanan, R. Abahu, R. Chtja, R. ChiSda wahrscheinlich auch R. JSmael, alle aber überragt der