Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-02-21 · Heft 15 (21.2.1895) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 15 (21.2.1895)
Date
1895-02-21
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448575--40261-2489166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

298 ernst-ewegte; eS war die Zeit, in welcher noch einmal der alte jüdische Makkabäermuth erwachte, der mit Todesverachtung seine Freiheit und den Platz seines HeiligthumS sich erkämpfen wollte. Bar Kochba, anerkannt von dem ebenso patriotischen wie römerhassenden R. Akiba, hatte die Fahne des Freiheitskampfes erhoben, mutzte aber nach löwenmuthigem Widerstande dieses Unternehmen mit dem Leben und dem endlichen Untergang deS letzten Restes der jüdischen Freiheit büßen. Unsägliches Unglück war die Folge, die edelsten Männer, wie R. Akiba, R Chuzpit, R. Jehuda ben Baba, R. JSmael u. s. w. hauchten ihr Leben unter Henkershand aus, da war eS nun R Simon ben Jochai, der Lieblingsschüler R. AkibaS, welcher als einer der Ersten Israel sein geistiges Erbe rettete. Auf diesem bewegten historischen Hintergründe schildert der Berf. daS Leben dieses bedeutenden Mannes in gefälliger und anziehender Sprache. Daß die sehr bemerkenswerthen gelehrten und kritischen Bemerkungen in das Parterre der Noten verwiesen wurden, und so den Leser in dem Zusammenhang der Darstellung nicht unterbrechen, gereicht dem Buche nur zum Vortheil. Der Verst. hat sich mit dieser seiner Erstlingsarbeit recht vorthkilhrft in die litlerarischen Kreise eingeführt. — Einem schlichten Manne, dessen LebenSgeschichte in mehr als einer Beziehung hochinteressant ist, dem Kämmerer zu Nikolai, Joseph Steblicki, setzt Dr. Louis Neustadt ein ehrendes Denkmal in einer kleinen Schrift, die den Namen ihres Helden als Titel führt (Breslau 1894.) Ohne Wissen seiner Familie, unbeeinflußt von irgend einem Menschen trat dieser Mann im August 1785 aus innerer Ueberzeugung und aus reiner Liebe zum Judenthum in dasselbe über. Dieser Uebertritt veranlaßte einen regen Schriftwechsel zwischen der Oberschlesischen OberamtS-Regierung und dem Justizministerium in Berlin, da man sich in dem Dilemma befand, ob man die Josephinische HalsgerichtSordnung, welche den Abfall mit Lebens- oder Leibesstrafe ahndet, und die in Schlesien noch Geltung hatte, anzuwenden habe, oder aber, ob der Abfall nach der unter Friedrich d. Gr. gewährten Glaubensfreiheit straflos ausgehen müffe. Von Berlin rescribirte man, daß die Untersuchung niederzuschlagen sei und die Bestrafung unterbleiben könne. Die finanzielle Frage wegen des Judengeldes, und ob der Proselyte an seinem bisherigen Aufenthaltsort zu dulden sei, sei der Entscheidung des Finanzdepartements überlassen. Die Regierung zu Breslau entstbied zu Gunsten des Proselyten mit dem Verlegenheitsbehelf, daß der St. ..wahrscheinlich am Verstände krank" fei. Daß dies aber nicht der Fall war, geht aus der fruchtbaren Thätigkeit bervor» welcher dieser Mann als Gemeindevorsteher, zu dem ihn seine neue Glaubensgenossen erwählten, entfaltete. Das Verdienst des fleißigen Vers ist es, aus schwer zu beschaffenden Gerichtsakten die geschichtlichen Thatiachen festgestellt und aus einem Wust von Legenden, die sich um diesen Proselyten gebildet, den historischen Kern herauSgeschält zu haben. — Dem Jahresberichte über das von Rabb. Dr. Jung in Ungarisch Brod gegründete-Privat- Gymnasium geht eine historische Abhandlung „Die Verheerung von Ungar. Brod durch den Kuruzzen- Ueberfall vom 14. Juli 1683" aus der der Feder deS Prof. Dr. David Kaufmann (Ung. Brod 1894) voran. Wie alles, was von dem bewährten Verf. stammt, zeichnet sich auch diese Abhandlung durch schone Form und Gründlichkeit aus. Erschütternd ist es zu lesen, wie die wilden Horden Tölöky's in der mährischen Landstadt gewüthet, und wie sie die blühende jüdische Gemeinde mit raubthierartiger Wutb verwüstet haben. Kein Alter, kein Geschlecht, kein Stand wurde geschont, in der Synagoge wurden beim Frühgebet die Wehrlosen überfallen und mit den raffinirtesten Martern zu Tode gequält. Dieses fast vergessene Blatt aus dem LeidcnSbuche der Juden in vorliegender Abhandlung der Zukunft erhalten zu haben, ist eine That, für welche wir dem Berf. dankbar sein müssen. — Zu den werthvollsten Schriften der mittelalterlichen hebräischen Liiterainr gehören die Ergänzungen (Haschlamah) des R. Meschullam Bedarest zu den Werken Alfassis. Bis vor 10 Jahren waren die Werke dieses Gelehrten nur dem Namen nach bekannt, sie fristeten ihr Dasein nur im Dunkel der Bibliotheken biS I. Lubetzki in Paris im Jahre 1885 das Sepher Haschlamah zu Baba mezia und im Jahre 1887 Großberg das zu Taanit und Megillah edirte. Jetzt hat M. Schocher ni3"Q 'DD no^ncrn '□ (Berlin 1893) herausgegeben, das in H. Brody, der es mit einer trefflichen deutschen und hebräischen Einleitung versehen, einen gewissenhaften Bearbeiter gefunden hat. Herr Schocher hat mit großem Kostenaufwande dieses Werk herausgegeben, und es ist zu wünschen, daß ihm auch die Anerkennung und der Lohn seiner Mühen werde, indem die Freunde der jüdischen Litteratur dieses Werk ihren Büchereien zuführten Dasselbe ist direkt vom Verleger zu beziehen, dessen Adresse wir hier mittheilen: M. Schocher, hebr. Buchhändler, Berlin, Weinmeisterstraße Nr. 2. — Als Vorläufer eines größeren Werkes „EthikdesTalmuds" von Dr.Salo. Stein (Frankfurt a. M. 1894. I. Kauffmann) kann der vor uns liegende Band betrachtet werden, welcher die Werke, die der Verf. für seine Arbeit benutzt hat, nach Inhalt und Stoff rubricirt. Die Aufzählung der Werke, Schriften und Aufsätze füllt 138 Seiten aus, ein fast vollständiges Repertoire, das als Nachschlagebuch zu empfehlen ist. — Eine neue hebräische Monatsschrift D’DDrO "ijn rru, redigirt von Rabbiner Leop. Landsberg und herausgegeben von Salomon Leuchter erscheint zu Szeghalom-Neuhäusel. Dieselbe bringt schöne wissenschaftliche Aufsätze, Kritiken und Bemerkungen und sei hiermit den Freunden der jüdischen Litteratur empfohlen. — Predigten und Schrifterklärungen von Dr. S. Maybaum, I. und II. B. Mose. Berlin 1894. B. WeiSstock'S Buchhandlung. Selbst auf die Gefahr hin, daß man meiner Recension Voreingenommenheit nachsagt, will ich gestehen, daß sie fertig war, bevor ich das Bändchen geöffnet hatte. Wenn man den Vogel an seinen Federn erkennt, warum soll man dann nicht auch einmal die Federn nach dem Vogel, und die Predigten nach dem Prediger beurtheilen? — Den Prediger kennt man, wenigstens hier in Berlin. Giebt er sich wie er ist d. h. als ein unreinsten Wassers, dann hat man an dem Autor reichlich genug. Blasen seine Predigten aber eine andere Tonart, sind sie Feigenblätter, um die Blößen bundesbrüchiger Allüren zu verhüllen, dann sind sie noch widerlicher. Wer wird das lesen wollen??ruil TiD’ Tß ’D Auf Grund dieser und ähnlicher Erwägungen wollte ich das Buch ungelesen recensiren. Wenn ich füglich mich doch eines Schlechteren besonnen und das Bändchen von Anfang bis Ende durchgelesen habe, so will ich den Leser sofort beruhigen, daß er keinen Auszug des Gelesenen zu befürchten hat. Die Kunst mit vielen Worten nichts zu sagen, und den Leser über die eigentliche Farbe des Predigers bei allem feierlichen Pathos völlig im unklaren zu lassen, besitzt der Autor in hohem Grade. Die Virtuosität geht so weit, daß man ruhig sagen kann, wenn man da, wo dar Wort Judenthum vorkommt, Christenthum oder Islam setzte, so könnte diese Predigten jeder Pfarrer in jeder Kirche und jeder Derwisch in jeder Moschee ebenso gut und ebenso schlecht wie ein Rabbiner in einer Synagoge Hallen. Vor mehreren Decennien hat das zum guten Ton gehört. Die Kanzel des Reformjudenthums that sich was darauf zu gute als „Mädchen für Alles" zu figuriren. Das hat heute aufgehört. Heute will man gerne Farbe bekannt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.