Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1895)
- Date
- 1895-02-21
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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SBer jL&vaelit Central-Organ für das orthodoxe Judeuthum. SI. F-br. I8S-.I MM«. Wrilrzr LN Kr. K. lR-». Literarische Berichte. 8. Auf dem historisch-biographischen Felde der jüdischen Litteratur macht sich in den letzten Jahren eine rege Tätigkeit geltend. Zu den besten Erzeugnissen dieser Art gehört die von Rabb. Dr. Samuel Back soeben erschienene Biographie des ,R Melke be« Baruch aus Rothenburg" eine „Gedenkschrift zur 600. Jahreswende seines Todes", von welcher der erste Band vorliegt (I. Kauffmann, Frkf. a. M.), der Leben, Wirken und Schicksale dieses durch seine Gelehrsamkeit so hochbedeutenden und durch sein tragisches Geschick so sehr betrauerten Rabbi schildert. Der zweite Band, dessen Erscheinen in nahe Aussicht gestellt ist, wird die Schriften R. Meirs besprechen und einige Excurse bringen. Die Vertrautheit des Verf. mit seinem Gegenstände, die gewissenhafte DurchsorschunZ des weitschichtigen Materials, ein scharfer Blick und glückliche Kombinationsgabe haben es ihm ermöglicht ein wirklich vorzügliches und die Leser befriedigendes Werk zu liefern. Manche falsche Vorstellungen weiß er glücklich zu beseitigen, manche dunkle Punk e aufzuhellen. Durch die Entzifferung des Gedenksteins R. Meirs in WormS sind die Daten seiner Verhaftung, seines Todes und des Begräbnisses festgelegt, aber das der Geburt ist noch nicht aufgehellt, hier sind wir auf Vermuthungen angewiesen, und ein sicheres Datum wird wohl nicht gefunden werden können; das aber dürfen wir sagen, daß die Argumente, welche der Verf. für ein höheres Hinaufrücken des Geburtsjahrs R. Me'irS beibringt, durchschlagend sind, und das Jahr 121b als das seiner Geburt anzunehmen der Wahrheit sehr nahe zu kommen scheint. Die bekannte Sage (Ascheri giebt es auch nur als eine Sage aus), daß R. Meir seit seiner Erhebung zum Rabbinat seinen Vater nicht mehr besuchte und auch dessen Besuch nicht wünschte, die man vielfach als eine pietätslose Ueberhebung R. Meirs ausgelegt hat, erklärt der Verf. sehr natürlich als gerade ein Zeugniß für die Bescheidenheit R. Me'irS, der von seinem Vater keine Ehrenbezeugungen entgegennehmen wollte. Daß diese Erklärung nichts Gekünsteltes hat, ersteht man, wenn man, wie es der Verf. thut, den Bericht Ascheris (Kidduschin I, § 57) im Zusammenhänge liest und die Parallelstellen richtig vergleicht und nichts auSläßt, wie es Grätz gethan. Ob aber daS Ganze nicht in das Gebiet der Mythe gehört, wie R. Ahron Worms glaubt, ist zu erwäge«. Mir scheint es fast so: Ascheri behandelt es als eine Sage: rcy nDN, obwohl er als der Schüler R. Mr'irs sich größere Gewißheit hätte verschaffen können, andere erzählen diese Thatsache von R. Me'ir Abulafia Halevi, man sieht also, daß die Gewißheit überall fehlt, und da darf man es wohl als eine Mythe ansehen, mit der man ja gern große Leute auSstattet, namentlich, wenn es sich um eine solche handelt, die durch ihre Seltsamkeit den großen Mann etwas pikant erscheinen läßt. — Daß R. Meir von Kaiser Rudolf zum Reichsrabbiner ernannt, oder von den Gemeinden dazu erwählt worden sei, dafür liegen, wie der Verf. behauptet, kein Beweise vor; die Hauptstelle, welche man für diese Annahme heranzieht, ist mißdeutet worden, wie der Verf. trefflich nachweist, indem man ein Pronomen, das sich auf das Subject des Hauptsatzes, das für R. Elieser aus TocqueS steht, auf einen Zwischensatz bezog. R. Meir wurde kraft seines Wissens und seines Charakters zur freiwillig anerkannten Autorität, ohne daß eine officielle Prägung ihm dieses Ansehen verleihen mußte. Interessant sind die Untersuchungen deS Verf. über den Amtssitz R. Me'irS, die ihn zu dem Resultate führen, daß er am längsten daS Rabbinat zu Rothenburg an d. Tauber innegehabt, daß aber dieses weder fein erstes, noch sein letztes Rabbinat gewesen ist. So geistreich aber auch die Untersuchungen des Verf. über die Gründe der Verhaftung R. Meirs sind, so müßten diese doch noch durch kräftigere Argumente gestützt werden, ehe man die so einfache Erklärung aufgiebt. daß der Kaiser die beabsichtigte Auswanderung seiner Kammerknechte aus Furcht, dadurch an seinen Einkünften zu leiden, bestrafen und verhindern wollte. Einige kleine Bemerkungen seien hier gestattet: das ^"nnn nu (S. 45) ist nichts anderes als eine heizbare Stube; in den gewöhnlichen Wohnungen war nur ein Zimmer des Hauses heizbar. Zu dem in der Futznotiz (S. 22) angeführten Responsum: 'uv’IN nanOD ist zu vergleichen 0r Sorua I, 221, wonach R. Jizchak daS warme Bad nach dem Tauchbad ausdrücklich gestattet. S. 36, Rote 1, Abs. 3 möchte ich statt JnmUB lesen Jnun»»Q. Marienburg ist erst 1274 als Festung im strategischen Interesse von den Deutschherrn angelegt worden, er ist nicht anzunehmen, daß damals Juden dort wohnten, noch weniger, daß ein "lynn nu dort gewesen sei, während Magdeburg, wie ja aus vielen Anfragen von dort an R. Me'ir hervorgeht, damals eine angesehene jüd. Gemeinde hatte. Was das Responsum über die auf Bäumen wachsenden Vogel betrifft, so scheint der Verf. im Recht, daß dies nicht R. Meir, sondern R. Jsaac Or Sarua angehört, aber dieser Nachweis ist weder eine Ehrenrettung für R. Meir noch eine Verunglimpfung für R. Jfaac, denn eine wissenschaftliche Anschauung, die man, und scheine str auch uns noch so absurd, mit der ganzen gebildeten Welt und den hervorragenden Männern der Wissenschaft aller Kreise theilt, kann Einem nicht als Leichtgläubigleit oder Thorheit angerechnet werden. Daß aber die Anschauung von dergleichen aniamlischen aus Urzeugung hervorgegangenen Existenzen eine allgemeine war, werde ich gelegentlich Nachweisen. — Die vorliegende Schrift ist aber überdies so vorzüglich, daß man dem 2. Bande mit Spannung entgegenzusehen berechtigt ist. — An diese Biographie eines hervorragenden Rabbiners des Mittelalters reihen wir die eines nicht minder hervorragenden Rabbiners derMischna-Perioden, die der „Rabbi Simon den Jochai," bearbeitet und nach den Quellen dargestellt von Dr. Louis Lew in. (Frankfurt a. M. I. Kauffmann.) Der Verf. bemüht sich mit Erfolg uns ein lebensgetreues und lebensvolles Bild dieses großen Tanaiten zu entwerfen. Wir lernen ihn sowohl in seiner lehrenden als in seiner politischen Wirksamkeit kennen. Denn die Zeit, in welcher R. Simon lebte, war eine schwere und