Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1895)
- Date
- 1895-02-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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281 WWWWWWWWWNW oberungszüge in Gebiete, die bislang vollkommen fraglos bischöfliches Machtbereich bildeten. Fürst Alois Liechtenstein, der oberste Führer der «Christlich- Sozialen," ging gegen den erklärten Willen des Linzer Bischofs Doppelbauer nach Linz, um dort eine Zweigparthei zu gründen. Fürst Liechtenstein wandte sich an den Kardinal Rampolla, um die Erwirkung des päpstlichen Segens für sich, seine Partei und sein Streben. Als Grundlage des letzteren bezeichnete er die Encyclica „Rerum Novarum“, und Rampolla, anstatt den Wiener Nuntius Agliardi zu befragen, wie es sich mit der Sache eigentlich verhalte, ließ sich irreführen und sandte dem Fürsten Liechtenstein schlankweg den telegraphischen Segen des Papstes. Darob gewaltiges Triumphgeschrei bei den «Christlich-Sozialen," und sie hatten auch guten Grund dazu. Konnten ste doch nun behaupten, daß der Papst auf ihrer Seite stehe, ihnen gegen die Bischöfe Recht gegeben habe. Es war in der That ein seltsames Schauspiel: Papst Leo auf der Seite der demagogischen Radau-Antisemiten und im offenen Widerspruch mit den Bischöfen! Wie ernst diese merkwürdige Erscheinung aufgefaßt wurde, beweist die Reise des Prager Kardinal-Erzbischofs Grafen Schönborn nach Rom. Diese Romfabrt hat den Zweck, von dem schlecht tnformirten Papst an den besser zu informirenden zu appelliren. Und der Erfolg hat stch mindestens zum Theil bereits eingestellt. Die Wiener „Politische Korrespondenz" wurde in den Stand gesetzt, zu erklären, daß der Papst den Antisemitismus und die famosen „Christlich-Sozialen" durchaus nicht etwa unterstützen wollte, daß auch das Telegramm Rampollas an den Fürsten Liechtenstein keineswegs in dem Sinne gedeutet werden dürfe, wie dies die «Christlich-Sozialen" thun, und daß Kardinal Schönborn in Rom vollkommen beruhigende Aufklärungen über die Stellung des Papstes jenen demagogischen Umtrieben gegenüber erhalten werde. Wir unsererseits, so schreibt das „Berliner Tageblatt", dem wir diesen Bericht entnehmen, find auf Grund vorzüglicher Mittheilungen in der Lage, den Bericht der Wiener „Politischen Korrespondenz" zu bestätigen. Es dürften in naher Zukunft Kundgebungen erfolgen, welche keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß Papst Lro XHL weder das Treiben der österreichischen „Christlich Sozialen" im Allgemeinen, noch das der Antisemiten überhaupt billigt. Papst Leo hat stch bereits wiederholt gegen die Antisemiten erklärt, und es ist wahrscheinlich, daß er dies bald wieder in nachdrücklichster Weise thun wird. Zu diesem Behuke hat Kardinal Graf Schönborn seine Fahrt nach Rom unternommen, wenngleich es ihm in erster Linie nicht speziell um die Zurückdrängung des Antisemitismus als solchen, sondern um die Bekämpfung der „Christlich- Sozialen" zu thun war. Und bet dieser zuvörderst im Dienste des Episkopats freigewählten Kommission hat Kardinal-Erzbischof Graf Schönborn, wie wir annehmen dürfen, zugleich im Sinne des Ministeriums Windischgrätz und des Ministers des Aeußern Grafen Kalnocky gehandelt. Die den Vatikan aufklärenden und pazifikatorischen Tendenzen dienende Thättgkett des Prager Kardinals in Rom findet die volle Zustimmung und die Billigung aller leitenden Stellen in Wien." Rußland. (') Moskau, 8. Februar. Sie haben kürzlich in einer Korrespondenz aus Krakau erwähnt, daß im Königreiche Korea, um da8 sich jetzt der ganze chinesisch-japanische Krieg dreht, nur ein einziger Jude, Herr Jsak Steinböck aus Galizien lebt, der in der Hafenstadt Chelmulpo ein bescheidenes Gasthaus unter dem Namen „Hotel de Korea" besitzt. Nach Berichten, die hier auS der sibirischen Hafenstadt Wladtvostok eingetroffen sind, schlägt der jetzige chinesisch-japanische Krieg; Herrn Steinböck ganz gut an, und ist er nahe daran, der koreanische Rothschild zu werden. Chemulpo ist nämlich auch der Hafenort der koreanischen Residenzstadt Seoul und wimmelt es dort nicht i nur von japanischen und koreanischen Soldaten, | sondern auch von Vertretern europäischer und ame- - nkanijcher Geschäftshäuser, die den Japanern die i Kriegmaterialien liefern. Wer nun einen guten i Tropfen, sei eS Wein, Rum rc. trinken will, \ geht ins „Hotel de Korea," da Herr Steinböck! auch für einen wohlgefüllten Keller gesorgt hat. Aber auch die Küche des Herrn Steinböck läßt sich nicht spotten, und ist sie jedenfalls b<ffer als die Küche der Koreaner. -¥• Vermischtes. *4- Aus Schwabe«. (Unlieb verspätet). Wenn es als löbliche Sitte gilt von hinnen gegangene hervorragende Fromme und Gelehrte als treffliche Vorbilder, als Leuchten der Zeitgenossen in Nachrufen zu feiern, nicht zur Huldigung entschwundener Größe, auch nicht allein zur Würdigung bedeutsamer ja unsterblicher Verdienste, sondern in Beherzigung der Tendenz n:ra) pns "DT durch Vorführung des Musterlebens und Charakterisierung depflichtgetreuen Wirkens der Entschlafenen Begeisterung für einen Gott geheiligten Wandel wachzurufen und zur Nachahmung anzuspornen, so wird von diesem Gesichtspunkte betrachtet, das Gedenken einer mit herrlicher Tugenden geschmückten, und weithin ehrenvoll bekannten npiy an dieser Stelle sicherlich am Platze sein. Eine solche np“i3 war die vor kurzem verstorbene Frau Therese Ettenheimer rry, die Gattin des vor