Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1895)
- Date
- 1895-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448575--40241-2489146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 geächteten Sklaven trat die Herrlichkeit Gottes in ihrer ungeahnten Machtsülle und hob den Paria aus dem Staube, während seine Tyrannen in dem Meeresgründe ihren Untergang fanden. Diese seitdem in der Geschichte JsraelS unzählige Male aufs neue bestätigte Erfahrung will uns Parafchat Schekalim alljährlich neu zum Bewußtsein bringen. Sie macht uns furchtlos allen Mächten und Majoritäten gegenüber und spornt un8 gleichzeitig an, mit vollem Ausmaß unsere Kräfte, wie unzulänglich ste auch scheinen, als unseren halben Schekel ins Heiligthum zu tragen, um so das Recht einzulösen, in Gottes Welt leben zu dürfen. Diese jüdische Lebensanschauung, welche die Menschen nicht nach ihrer Zahl zählen, sondern nach ihren Leistungen schätzen lehrt, dürfte auch einem sonst dunklen Ausspruch unserer Weisen im Traktat Erubin. Fol. 13b zu Grunde liegen. — ES heißt daselbst: n»:n '«vr rva ipSj nsnöi cm >rw pan un tibm w ioaj sbv mxb nw onow 1S.1 NON hm *n3) Nbro mv reim m«b ib nu O'ivi« c^rpjr 7’ttoyi t^rojra “inr n-üj «Sr )b nu .vryoa rcro» nfr ^>v«i rryo3 rörv' Unsere Lehrer haben gelehrt: Zwei und ein halbes Jahr stritten die Schule Schammat's und Hillel's. Die Einen sagten, eS wäre für den Menschen besser, wenn er gar nicht erschaffen worden wäre und die Anderen sagten, es ist für den Menschen besser, daß er geschaffen worden ist. Sie zählten und kamen zu dem Beschluß: ES wäre für den Menschen besser, er wäre nicht geschaffen worden. Jetzt da er einmal erschaffen ist, prüfe er seine (vergangenen) Handlungen und nach anderen seine künftigen Handlungen." Wir brauchen auf die Schwierigkeiten dieses AuSspruchS nicht erst aufmerksam zu machen; ste drängen sich jedem von selbst auf. Wie ist es möglich, daß unsere großen Meister, über einen Gegenstand auch nur streiten konnten, den Gottes Weisheit durch die That bereits entschieden hat, und wie konnten sie gar schließlich zu einem entgegengesetzten Resultate kommen, als dasjenige, daS in der Existenz des Menschen nun doch einmal als unabänderliche Thatsache dasteht? Beobachtet man jedoch die Tausende und Hunderttausende von Menschen, die geboren werden, leben und sterben, ohne einer höheren Regung fähig zu sein, die ein Spielball ihrer Sinne und Leidenschaften keine Spur eines Fortschritts und einer Vervollkommnung erkennen lassen, so möchte man wohl an der Menschheit irre werden und an ihrer Zukunft und einstigen Vollendung verzweifeln. — Steht man dagegen aus. der großen Masse von Existenzen, die scheinbar ihre Bestimmung verfehlen, einzelne Geister wie Meteore aufleuchten, so söhnt uns diese Thatsache wieder mit der Menschheit aus. Solche das gewöhnliche Niveau wett überragende hehre Gestatten zeigen denn doch, wessen die Menschheit fähig ist und lassen die große, stumpfe Masse als den Stamm begreifen, dessen Blüthe und Frucht eben diese geniale Menschen bilden. In diesem Sinne sagen z. B. unsere großen Weisen w nro «nn L3'rr *w3 daß unser Lehrer Moscheh, die Sechsmalhundert Tausende seines Volkes aufwiegt. Menschen dürfen eben nicht gezählt, sondern müssen gewogen werden. Nicht die Zahl, die Leistung entscheidet. Von der Schule Hillels und Schammais wird uns dagegen berichtet: non hm sie zählten (nicht die streitenden Stimmen, wie man gewöhnlich annimmt, sondern) die Menschen, deßhalb kamen ste zu dem betrübenden Resultate, daß die Schöpfung des Menschen zu beklagen sei. Der Schöpfer des Menschen aber, der seine Menschen nicht zählt, sondern wägt, kommt zu einem andern Resultate. — Es handelt sich somit bei dieser Untersuchung nicht um einen müßigen Streit über Dinge, an welcher keine Discussion mehr ändern kann. Sondern die Consequenz, zu welcher diese Discussion drängt, ist eben der Sporn durch Leistungen zu ersetzen, was die Zahl und die ihr anhaftenden Mängel zu hoffen übrig lassen. Deßhalb klingt diese Dtscusston in die Mahnung aus, die vergangene und künftige That des Lebens einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen, damit ste die Unzulänglichkeit und Mangelhaftigkeit sühne, welche der gezählten Masse anhaften. Wenn daher Gottes Wort uns lehrt, die Menschen nicht nach ihrer Zahl, sondern nach ihrer Leistung zu schätzen, so sagen die Schekalim, welche diese Leistung symboltstren, schon durch ihren Namen (^pr-wägen), daß Menschen nicht zu zählen, sondern zu wägen sind, und daß ihre That und Leistung den Maßstab für dasjenige gibt, was die Gezählten repräfentiren. Dieser Gedanke lehrt uns daher unsere Pflicht treu erfüllen, und unfern Beitrag redlich zu steuern, für die Zwecke und Ziele, die Gottes heiliger Wille uns gesetzt hat. Und wenn dieser Beitrag unserer That auch winzig und hälftig erschiene, im Vergleich zu den uns gegenüberstehenden, imponirenden Massen; auf Gottes Wage wiegt unsere unzulängliche That, wenn ste mit dem vollen Ausmaß unserer ganzen Kraft geleistet worden, schwerer als die Zahl der leistungslosen Massen. Diese pflichttreue That, so klein ste auch erscheint, ste rettet uns von dem Untergang, dem alles verfällt, das leistungslos in GotteS Welt mitzählen möchte. — Es ist der Bei-