Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-02-18 · Heft 14 (18.2.1895) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 14 (18.2.1895)
Date
1895-02-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448574--40227-2489131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

265 Fürstbischof der Krakauer Dtöcese ernannte Prälat Puzyna, empfing gestern zahlreiche Huldigungs- Deputationen, darunter den Vorstand der Krakauer isr. Cultusgemeinde. Der Cultus-Prästdent, Dr. Leon Horowitz, hielt eine Ansprache, in welcher er hervorhob, die Vergangenheit des Fürstbischofs gewähre eine Bürgschaft des Fortbestehens ungetrübter Harmonie zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung Krakaus. Der Fürstbischof erwiederte, er werde ein Wächter sein des katholischen (?) Grundsatzes der Nächstenliebe, die sich nicht auf eine Religion, sondern auf alle Menschen beziehe. Er hoffe, die Deputation werde in derselben Weise wirken, damit keiner, was ihm nicht lieb ist, einem andern zufüge. Von der Ermordung des hiesigen Advokaten, Dr. Hermann Isidor Rothziegel. haben Ihre Leser bereits Kenntniß, da doch der Mord nicht nur in Wien förmlich das Tagesgespräch bildete, zumal es in den ersten Tagen der Sicherheitsbehörde nicht gelingen wollte, das Mysteriöse des Falles zu lüften. Und doch sehen wir uns veranlaßt, auch in einem speziell jüdischen Interessen gewidmeten Blatte mit der Affaire uns zu beschäftigen. Bekanntlich war das Opfer ein gewesener Jude, und der Mörder ist ein gewesener Christ. Oder sollte das erstere nicht allgemein bekannt sein? Aufrichtig gesagt, bis zur Beerdigung des Ermordeten wußten wir auch nicht, daß der Verstorbene getauft war und wir erfuhren dies erst am israelitischen Friedhofe aus dem Munde des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann. der in seiner Grabrede erwähnte, der Verschiedene sei zu ar nicht sein Glaubensgenosse, er hätte aber dem Bruder gegenüber geäußert, daß er zum Judenthume zurücktreten werde. Der Mörder seines Chefs, Solltcitator Gustav Etchtnger, ein in den Dreißigern stehender Mann, hat eine höhere Bildung genoffen, absolvirte mit gutem Erfolge die Militär-Akademie und war früher aktiver Artillerie-Offizier. Als Oberlieutenant war er eine Zeit in der galizischen Festungsstadt Przemysl in Garnison. Hier lernte er ein noch blutjunges jüdisches Mädchen Rabtnowttsch, Tochter eines ziemlich wohlhabenden Vertreters einer Assekuranz Gesellschaft kennen, in die er stch sterblich verliebte. Das Mädchen erwiederte die Zuneigung, dessen Vater aber wollte natürlich von der Sache nichts hören. Da ging das Liebespaar bei Nacht und Nebel durch, und jetzt mußte der Hintergangene Vater nolens volens in eine Heirath willigen, aber unter der Bedingung, daß Eichtnger zum Judenthume übertrete. Dieser Bedingung kam er nach, die Ehe wurde vollzogen, aber ohne Wissen der Militärbehörde, da das junge Paar die für einen Offizier vorgeschriebenelEaution nicht erlegen konnte. Schließlich aber bekam -das Commando Wind, und Eichtnger mußte den Dienstlsqutttiren. Der Mensch hat also eine romantische Vergangenheit, und die Umstände, unter welchen er dem Untersuchungsrichter das Geständniß abgelegt hat, sind auch intereffant. Obwohl unter dem Verdachte, den Mord begangen zu haben, in Untersuchungshaft gezogen, konnte die Behörde gar keine Beweise gegen ihn auftreiben, so daß das Publikum ihn für schuldlos hielt. Da eröffnete ihm der Untersuchungsrichter, daß auch seine Frau, der Mitschuld verdächtig, sich in Haft befinde. Er erblaßte, wankte und bekannte stch zur gräßlichen That, damit seine Frau nur enthaftet werde, da ste von nichts eine Ahnung habe. Letzteres ist auch wirklich wahr und befindet stch die Frau nur deshalb noch immer im Jnquisitenspttal.wetl man fürchtet, ste könnte einen Selbstmord begehen. Als man ihr nämlich mittheilte, ihr Mann habe den Mord eingestanden,raufte ste stch das Haar, geberdete sie sich wie rasend, fiel aus einer Ohnmacht in die andere, so daß selbst die Gerichts- Personen stch der Rührung nicht erwehren konnten. Eichinger ist jedenfalls ein psychologisches Räthsel, er hat ein ausgeprägtes Gefühl und beging dennnoch einen Mord und wie es scheint, nicht in einer momentanen Aufwallung, sondern mit Ueberlegung, um zu stehlen. Frankreich. Paris, 19. Schewat. Wenn unsere begründete Aussicht auf dauerhafte Befferung der hiesigen religiösen Verhältnisse sich mehr und mehr verwirklicht »i-; tcoit in nächster Zukunft, sowohl der Fremde als auch der Pariser nach den Mühen des Tages eine Stätte findet, wo er einer frommen Gewohnheit folgend im Freundeskreise in den eltsäischen Gefilden des Talmud und der Halachä stch ergeben kann, so wird der „Israelit" auch einen guten Thetl an den dazu gegebenen Impuls beanspruchen dürfen. In der That hat mein Weckruf in Nr. 100 des Israelit v. I. die erste günstige Wirkung gehabt, diejenigen unserer Brüder, die das Andenken ihrer frommen Eltern als Muster für ihre eigene Lebensrichtung stets vor Augen haben, wie von einem tiefen Schlafe aufzurütteln; ringende Geberden behufs Vergewisserung, es sei traurige Wirklichkeit und kein Traumgebtlde, daß ste von dem Wege, den ihre opferfreudigen Eltern ihnen gezeigt, abgewichen und somit das Prinzip der Vererbung unseres heiligen Vermächtnisses zu verletzen drohen, beweisen uns zur Genüge, daß ein aufrichtiger Appel, gerichtet an Söhne frommer Väter nicht vergebens ist, weil er ein verborgenes Echo der Lehren theuerer Lippen in den Herzen wachruft, s ^Es ist indessen das allgemeine Schicksal Mer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.