Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-02-14 · Heft 13 (14.2.1895) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 13 (14.2.1895)
Date
1895-02-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448573--40210-2489113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XXXT1. Jahrgang. Erste Beilage M M 13 des „Israelit". Leitender Artikel. Hlniuioniöcfi als mdiMislye Aatüritiit. Von Dr. I. Mü«z in B er ent. (Fortsetzung.) Mit besonderem Nachdrucke hebt unser Arzt in seinem diätetischen Sendschreiben den Gedanken hervor, daß die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper ein gar zu mächtiger sei, als daß die Zerrüttung der Geisteskräfte ohne Einfluß auf die körperliche Gesundheit bleiben sollte. Zur Erhaltung der Gesundheit und zur Erlangung eines hohen Alters sei daher vor allem Stttenreinheit und geistige Thättgkeit die erste Bedingung, da hingegen ein leichtsinniger Lebenswandel den Menschen frühzeitig in das Grab stürze. Der Mensch müsse vor allem darnach streben, Herr seiner Leidenschaften und Triebe zu werden, um die volle Freiheit und Selbstständigkeit über sich selbst zu erlangen. „Aber nur diejenigen", sagt Maimuni unter anderem, „die es sich zur Aufgabe gemacht, moralische Grundsätze aus der Philosophie und der Religion zu schöpfen, eignen sich diese Selbstbeherrschung und Geistesstärke an; das find die wahren Helden, da weder Glück noch Unglück eine auffallende Aenderung in ihrem Seelenleben hervorbringt. Und je mehr moralische Grundsätze der Mensch besitzt, desto weniger sind die Wechselgeschicke des Lebens im Stande, ihn zu beirren. Erreicht er eines der größten Güter der Welt, was die Philosophen jedoch nur scheinbare Güter nennen, so wird er es nicht überschätzen, sondern in seinem wahren Werthe betrachten. Und wird er von einem zeitlichen Unglücke hetmgesucht, was die Philosophen jedoch nur scheinbares Unglück nennen, so zittert und bebt er nicht, sondern wird es mit Gleichmuth ertragen." Unser Arzt und Philosoph warnt den Fürsten vor Ueppigkeit bei festlichen Gelagen, ebenso wie vor allzugroßer Anstrengung und Abspannung der Kräfte und führt den Ausspruch des Hippokrates an: „Wir erhalten unsere Gesundheit, indem wir uns vor Uebersättigung hüten und jede übermäßige Anstrengung vermeiden." Maimonides giebt daher die gesunden Nahrungsmittel und auch die Zubereitung vieler Speisen an und fügt ein Verzeichniß von verschiedenen Arzneimitteln hinzu, die der Sultan in gewiffen Krankheitsfällen gebrauchen möge und die zum Theil in der königlichen Medicamentenfammlung stets vorräthig sein sollten. H-ZMit souveräner Selbstständigkeit wagtet es Maimonides einem Fürsten, in dessenMähe jedermann zitterte, von besten Laune seine Existenz abhängig war, auf seine Fehler aufmerksam zu machen und ihm sein Sündenregister vor Augen zu halten, um ihn eines Befferen zu belehren. Maimuni wollte nicht nur den Leib, sondern auch den Geist heilen, nicht nur Arzneimittel für den Körper, sondern auch Balsam für dasGemüth bereiten, um den gesunden Kern mit einer gesunden Hülle zu umgeben, das Ewige und Vergängliche harmonisch zu verbinden. So schließt er auch sein Sendschreiben mit den schönen Worten: „Gott verlängere in seiner Gnade die Tage meines Herrn, befestige seine Gesundheit und gewähre ihm die Glückseligkeit hier und dort nach dem Wunsche seines Dieners Moses den Mainmn."*) Ungefähr in derselben Zeit schrieb unser Arzt eine andere medkcinische Arbeit im Aufträge seines Fürsten. Es ist dies eine Abhandlung über A stma, an welchem Uebel der Sultan gelitten haben soll. Diese Schrift besteht aus 13 Abschnitten, welche wiederum in kleinere Paragraphen zerfallen, und enthält manche sehr intereffante Mittheilung. Im neunten Paragraphen des letzten Abschnittes legt unser Arzt das bescheidene Geständniß ab: Glaube nicht, wenn du diese Worte lesen wirst, daß ich gerade der Würdige bin, dem man Seele und Körper zur Behandlung anvertrauen soll. Ich rufe den Himmel zu meinem Zeugen an, daß ich wohl mir bewußt bin, zu den Unvollkommenen in dieser Kunst zu gehören, die im Gefühle ihrer Schwäche es ängstlich aufgeben, das Ziel zu erreichen. Aber ich kenne mich auch ohne Zweifel wett bester, als ich andere kenne, und habe daher zu meinen eigenen Kenntnissen mehr Zutrauen, als zu demjenigen, der auf einer tiefer» Stufe als ich steht. Und ich rufe ferner den Himmel zu meinem Zeugen an, daß ich dieses Geständniß nicht etwa ablege aus Bescheidenheit oder nach Art jener Tugendhaften, die über ihren Mangel an Wissen oder Thaten 1) Das arabische Original dieses diätetischen Sendschreibens hat sich in der Bodlejana zu Oxford erhallen. Die hebr. Uebersetzung von Moses ibbu Tibbon wurde zum ersten Mal 1519 in Venedig veröffentlicht. Von neuem abgedruckt in Cherem Chemed III. S- 15. Die lateinische Uebersetzung ist zuerst 1525 in Lion und dann an mehreren anderen Orten erschienen. In der Wiener Bibliothek befindet sich eine andere lateinische Uebersetzung, die der bereits oben genannte Johann von Capua verfaßt und dem Papste Bonifacius VIII. gewidmet hat. Im Jahre 1813 erschien in Wien vou Winternitz eine sehr mangelhafte deutsche Uebersetzung dieser medicinischen Schrift Maimnni's. Vgl. Steinschneider'- ausführliche Recension, Oesterreichifche Blätter für Literatur u. Kunst 1845 Nr. 12 und Nr. 14 und hebr. Bibliographie 1871 S. 76.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.