Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1895)
- Date
- 1895-02-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Einer der ersten, der von der Krankheit befallen wurde, war Willy. Er hatte mit Greta und deren Mutter und Schwester eine Segelparthie auf der Spree gemacht und lag am folgenden Morgen schwerkrank im Bette. Der herbeigeholte Arzt machte, als er den Kranken sah, ein sehr ernstes Gesicht und ordnete die sofortige Ueberführung in das Krankenhaus, die Jsoltrung der Hausleute zur Beobachtung und die Desinfection der ganzen Wohnung an. Starr, wie gelähmt, hörte Frau von Toussaint die Anordnungen des Arztes an, bis sie endlich die Frage herausbrachte: „Es ist doch nicht die Cholera, Herr Doktor?" „Was denn sonst?" fragte der Arzt; „allem Anscheine nach haben wir es mit einem Falle echter Cholera asiatica zu thun." Als ob der Todesengel schon hinter ihnen stände, sprangen die drei jetzt von der Nähe des Kranken hinweg und zogen sich unter Heulen und Schreien in ihr Wohnzimmer zurück, woselbst sie bewacht wurden und welches sie nicht verlassen durften. Sie schimpften und schalten und ratsonnterten auf den Juden, der ihnen die Cholera ins Haus gebracht hatte und drängten, daß derselbe nach dem Krankenhause überführt werde. Auf Veranlassung des Arztes wurde Dr. Pretorius davon benachrichtigt, daß Willy erkrankt sei, und daß man in der Krankheit die astatische Cholera vermuthe, welche Bermuthung freilich erst durch die bakteriologische Untersuchung festgestellt werden müffe. Willy lag bewußtlos und in Krämpfen in der Cholerabaracke. Ein Wärter pflegte ihn und die Aerzte fanden sich jede halbe Stunde ein, um nach seinem Befinden zu sehen. Er bot das Bild eines Schwerkranken. Die Damen von Toussaint küm-; werten sich nicht mehr um ihn. Die Angst, angesteckt zu werden, hatte selbst die Liebe aus Gretas Herz verdrängt. Sie weinte freilich noch sehr lange, aber ihre Thränen galten nicht dem kranken Willy, sondern der Zertrümmerung ihres Traumes von einer goldnen Zukunft, im Falle Willy der Krankheit erliegen würde. Nachdem die vorgeschriebene Beobachtungszeit verflossen war und die Damen von Toussaint nicht erkrankt waren, wurden sie entlasten und durften sich wieder frei bewegen. Trotzdem wurden sie von Jedermann gemieden, so groß war die Furcht vor der Ansteckung. Als die Nachricht von Willys Erkrankung Anny traf, war sie sofort entschlossen, nach Berlin zu reisen, um Willys Pflege zu überwachen, aber ihr Vater aab es nicht zu. „Was kannst Du ihm helfen?" fragte er, „höchstens daß Du Dir die böse Krankheit auch holst und dadurch mir doppelte Angst bereitest." „Aber Vater," warf Anny ein, „Willy liegt krank unter fremden Menschen. Das ist ein schreckliches Loos. Ich fürchte mich nicht vor Ansteckung und deshalb kannst Du mich getrost reisen lassen." „Ich laste Dich nicht reisen. Soll ich mein einziges Kind einer solchen Gefahr unnütz aussetzen? Ich selbst würde krank werden aus Angst, daß Dir etwas zukommen könnte. Nein, meine Anny, ich selbst bedarf Deiner und kann Dich nicht entbehren. Ich will Herrn von Gilsa schreiben, daß er sich um Willy kümmern möge, daß ihm nichts, gar nichts fehle, daß alles aufgeboten werde, um ihn zu retten. Daß ich aber erlaube, daß Du Dich auch der geringsten Gefahr anssetzest, das hat Willy weder um Dich noch um mich verdient." (Fortsetzung folgt.) Der „I8raelit" erschein: wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis deS Jahrgang? für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch ftttt Duchhandel M bestehen bet E. F. Klei nach er, Leipzig, Koßpiatz IS. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut CourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deuischland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Et»e Rstckfendrmg von au die Redactio» eiugesaudten Maunseripteu findet nicht statt, man bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Copie zurückzubehalten. Inhalt <Ha«Ptblatt): Leitender Artikel: Die Wahrhaftigkeit und die Ethik des Judenthums. Von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). — Zeitungsnachrichten und Correfoondenzen: Deutschland: Frankfurt am Main. BreSlau. Straßburg i. E. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Aus Böhmen. — Frankreich: Paris. — Vermischtes. — Feuilleton: Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger (Fortsetzung:. Inhalt -er erste« Betlager Leitender Artikel: Maimontdes als medizinische Autorität. Von vr. I. Münz in Bereut. (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Frankreich: Paris. — Marocco: Tanger. — Vermischte-. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Würzburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Vermischtes. — Literarisches. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschatt in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.