Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1895)
- Date
- 1895-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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247 „Deine Schwester? Du darfst Anny heirathen; kein Gesetz kann Dir es verbieten." „Darf man seine Schwester heirathen?" „Dann wäre auch ich 'Deine Schwester, denn Du lebst jetzt fünf oder sechs Jahre in unserem Hause. Sie liebt Dich, das glaube ich Dir, sonst wäre sie Dir nicht hierher nachgereist. Aber ich liebe Dich auch und so leicht gebe ich Dich nicht auf. Wir werden also um Dich kämpfen und es wird sich zeigen, wer Siegerin in diesem Kampfe bleibt." Greta hatte mit großer Erreguug gesprochen; wie sie so blitzenden Auges vor Willy stand, war sie wunderbar schön. Willy betrachtete sie mit Wohlgefallen, dann trat er näher, nahm ihre Hand und sagte mit leiser, zärtlicher Stimme: „Du bist eine kleine eifersüchtige Närrin!und Deine blinde Eifersucht läßt Dich Dinge sehen, an die sonst kein Mensch denkt. Komm, laß jetzt diesen fruchtlosen Streit und vergälle mir die Stunden nicht, die ich bei Dir sein kann. Ich habe mich so darauf gefreut, denn um drei muß ich wieder fort." „Du willst wieder .fort? Wohin willst Du?" „Ich habe Anny versprochen, um drei Uhr bei ihr zu sein." „Dachte ich mirs doch; aber Du wirst nicht hingehen; Du wirst bet mir bleiben und ihr unter irgend einem Vorwände abschreiben." Willy wollte anfangs nichts davon wissen und wies diese Zumuihung mit Entrüstung zurück. Aber Greta drang so sehr in ihn und hörte nicht auf mit Bitten und Schmeicheln, bis Willy nachgab. Er schrieb ein paar Zeilen an Anny und schickte dieselben mit einem Dienftmann ins Hotel. Für Anny war diese unerwartete Absage sehr unangenehm. Sie hatte von dem ungestörten Beisammensein mit Willy gehofft, daß es genügen werde, ihn zu bestimmen dem Rufe des Vaters und dem ihrigen Folge zu leisten, und ijetzt blieb er fort. Daß seine Entschuldigung nur ein Vorwand sei, hinter dem Fräulein von Toussaint stecke, ahnte sie sofort. Anny blieb also zu Hause und benutzte die Zeit um Briefe zu schreiben. Gegen Abend machte sie bei einer Familie, an die sie brieflich empfohlen war, einen Besuch und sie wurde von den Töchtern sofort dazu eingeladen, den Abend bei ihnen zu verbringen. Anuy nahm die Einladung^ohne Ziererei an und verbrachte einige angenehme Stunden in dem trauten Familienkreise. Es war gegen Mitternacht, als sie von ihren. ■.neuen Bekannten begleitet ins Hotel zurückkehrte. Während der folgenden Tage gelang es Anny nicht, Willy zu sprechen. Die Woche neigte ihrem Ende zu, und da sie ihren Vater über " Sabbat nicht allein lassen wollte, reiste sie am Donnerstag Abend, , ohne Willy noch einmal gesprochen zu haben, nach j Hause. Sie wurde mit Freuden von ihrem Vater empfangen und nur der Gedanke störte ihr Sabbatj vergnügen, daß sie Willy nicht aus der Gefahr! halte retten können,^in der seine Seele schwebte. j Es war ein abnorm heißer Sommer geworden i und die Städter flüchteten aus den glühenden! Straßen der Stadt in die angenehme Kühle des; Waldes, an die Ufer des Meeres und auf die Gipfel der Hochgebirge, ohne jedoch der furchtbaren j Sonnengluth entgehen zu können. Die sengenden? Strahlen der Sonne zogen alle Feuchtigkeit aus der Erde, Wälder und Wiesen verdorrten und für; das Vieh mangelte es an Futter. Bäche und Flüsse { hatten einen so niedrigen Stand erreicht, daß die - Fische aus denselben verschwanden, Menschen und Thiere verschmachteten und ein azurblauer, durch! kein Wölkchen getrübter Himmel wölbte sich über! der Erde. In den Gotteshäusern flehten die Gläuj bigen Gott um Regen an, aber es schien, als ob ihr j Gebet keine Erhörung finden sollte, denn nach 'Die j vor trafen die Glutstrahlen die lechzende Erde. Das war ein Wetter für die Feinde der Menschen, die in Millionen und aber Millionen Schaaren, dem! menschlichen Auge unfichtbar, ihr Dunkelleben in der Tiefe führen. Und in unheimlichen Mengen krochen , sie. aus ihren Schlupfwinkeln hervor und füllte« j die Ströme und Flüsse an, und alle Menschen, die j von bcm vergifteten Wasser tranken, wurden frattf I und die meisten starben. Jene entsetzlichelKrank- | heit, die im fernen Jndi n ihre Heimath hat, brach in Deutschlands erster Handelsstadt aus und forderte j Tausende als Opfer. Obschon diese unglückliche j Stadt alles Mögliche that, diesen unheimlichen Feind i zu bekämpfen, vernichtete er täglich über' tausend Menschenleben und ohnmächtig standendie Menj schen der göttlichen Strafe gegenüber, Ezba elokim | hi, sagten die Kinder Israels wie einst Pharao . und sie thaten Buße und warfen sich vor Gott! nieder, weteozer.hamagefoh, daß die Plage aufyöre. — Auch nach Berlin waren einzelne Cholerafälle verschleppt worden und mit Angst und mit Sorge sahen die Bewohner der Reichshauptstadt r den täglichen Berichten des kaiserlichen Gesundhetts-! amtes, welche die Zeitungen regelmäßig brachten, j entgegen. Man war im Essen und Trinken so vorsichtig, daß man lieber hungerte und durstete! als irgend etwas genoß, von dem man nicht j sicher wußte, daß cs rein sei. Und diese Vorsicht j trug ihre guten Früchte. Trotz der großen Nähe i des furchtbaren Choleraherdes kamen in Berlin nur j vereinzelre Fälle vor und die Krankheit nahm keinen! epidemischen Charakter an.