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Der Israelit · 1895-02-14 · Heft 13 (14.2.1895) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 13 (14.2.1895)
Date
1895-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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UMWWWWWUIM 245 zeit eines jeden organischen Wesens eine Epoche gebe, die man gemeinhin mit dem sehr treffenden Ausdruck „Sturm- und Drangperiode" bezeichnen dürfe. Einen solchen Moment könne man selbst bei dem Entwicklungsgänge der Pflanzen wahrnehmen; es fei dies der Anfang ihrer Blüthezett. Bei den höheren organischen Wesen sei dies mehr in die Augen springend. Die Erfahrung hat es uns aber gelehrt, daß dieser Naturprozeß mehr als bet den einzelnen Individuen, sich bet verschiedenen Geistesrichtungen der von der menschlichen Gesellschaft getroffenen Institutionen geltend macht. Männer, die einen großen Hang zum Schematisiren bekunden, hatten nicht wenig Lust auch von einer Sturm- und Drangperiode des Judenthums zu sprechen, dabei vergeffend, daß das Judenthum keine menschliche, sondern eine göttliche Institution ist, geschaffen von dem heiligen Willen Gottes zum Wohle und Heile der nach Erlösung von den Banden geistiger Knechtschaft schmachtenden Menschheit. Kann man nun von einer Sturm- und Drangperiode im Judenthum nach Gesagtem gemeinhin nicht sprechen, so darf man doch diesen Ausdruck auf das Bestreben gewisser jüdischer Kreise, jüdischen Einrichtungen nämlich die Zwangsjacke der Reform anzulegen, mit Recht anwenden, um gleich dieser Richtung gleichsam das Stigma des Kainszeichens auf die Stirne zu prägen. Wir bezeichnen also die Zeit der Reformbestrebungen im Judenthum, namentlich im deutschen Judenthum als Sturm- und Drangperiode schon deswegen, weil wir der festen Ueberzeugung find, daß so wenig eine Zeit, welche das charakteristische Zeichen des Stürmens und Drängens an sich trägt, lang anhalten kann, so wenig können die Rcformbestrebungen, welche sich zur Schädigung des gesetzestreuen Judenthums geltend machen, von längerer Dauer sein. Ueberbleibsel dieser Abfallszeichen im Judenthum können zwar nicht mit der Wurzel auSgerottet werden, wie es das Beispiel von der Beschneidung des Gebetbuches für Westfahlen und der lächerlich pedantische Versuch, den man in seiner Selbstgefälligkeit als den ästhetischen Empfindungen entsprechend darftellt, zu verbieten, daß man den ri'^v über den Knieen trage, zur Genüge zeigen. Im Großen und Ganzen aber hat sich wenigstens für Deutschland diese Zeit überlebt. Die jüd. Gemeinden kommen endlich zur Einsicht und kehren mehr oder weniger den jüd. oder besser gesagt den nichtjüdischen Reformbestrebungen den Rücken, um zum wahren, gefttzestreuen Judenthum zurückzukehren. Hat es in Deutschland zu dämmern begonnen und sangen daselbst die Vorstände der jüdischen Gemeinden an Vernunft anzunehmen, so beginnt für das österreichische Judenthum eine neue, aber wenig erfreuliche Aera. Wenn ein Vorsteher einer jüd. Gemeinde Oesterreichs einen Reformjünger aus Breslau oder aus der Anstalt für Wtssenschaft des Jndenthums zu Berlin zum Rabbiner seiner Gemeinde machen kann, glaubt er, das Judenthum nicht nur aus aller Gefahr gerettet, sondern gar glücklich gemacht zu haben, trotz vieler Streitigkeiten. die gerade in jüngster Zeit zwischen Rabbiner und Gemeinde bezeichnter Institute ausgebrochen sind. Was also in Deutschland der Vergangenheit angehört, steht in Oesterreich in voller Llüthe da. Ja, gar nicht lange her ist es, da hat mich ein Vorsteher einer jüd. Gemeinde Oesterreichs mitleidsvoll belächelt, als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß es sich doch nicht schicke an Samstagen uud sonstigen jüd. Feiertagen im heiligen Gotteshause nichtjüd. Damen jüd. Gebete mit Orgelbeglettung singen zu laffen. Um so angenehmer muß es dagegen ein von der Heiligkeit des Judenthums durchdrungenes und überzeugtes Herz berühren, eine Thatsache konstatiren zu können, daß in Böhmen in dieser Begehung ein Schritt zum Bessern geschieht und der Geist des gesetzestreuen Judenthums dort seinen Einzug zu halten beginnt. Daß die ehrwürdige jüdische Gemeinde Prags stets darauf gesehen hat ihre religiösen Jntereffen nur einem Rabbiner mit ausgesprochener orthodoxer Gesinnung anzuvertrauen, ist allbekannt. Diesem ganz entgegengesetzt handelten aber die jüd. Gemeinden in den Böhm. Provinzstädten. Seit neuerer Zeit jedoch haben wir auch da ein Hinneigen oder gar eine Rückkehr zum gesetzestreuen Judenthum zu verzeichnen. In Nachod beziehungsweise Marienbad wirken die Brüder Dr. Goitein, Söhne des frommen und gelehrten Rabbiners zu Hegyöß Vk’it 'vi vj;"vir>r'v als Rabbiner und die religiösen Einrichtungen, die diese beiden Rabbiner in ihren G metnden getroff n haben, legen goldenes Zeugniß für ihre strengreltgiöse Gesinnung ab. In Schüttenhofen, wo seit Jahren Rabbiner wirkten, die sich offenkundig zur Reform extremster Richtung bekannten, wirkt seit einem Jahre Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Josef Wo hl st ein ein Mann von tüchtiger talmud. Gelehrsamkeit und bewährter orthodoxer Gesinnung. Sein erstes Augenmerk richtete er auf die noTW, daß sie umin rno rwvrpn vor sich gehe. Auch in Neubhdschow wurde vor vier Monaten ein Rabbiner gewählt, der der Richtung deS gesetzestreuen Judenthums angehört. Der im jugendlichen Alter von 24 Jahren stehende Neubydschower Rabbiner, Herr Dr. Felix Kanter ist ein Schüler des berühmten und weitbekannten Talmudisten Rabbi Moscheh Lapidos. Daß in den

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