Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1895)
- Date
- 1895-02-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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235 messkne Fortschritte in der Ctvilisatton; — hoffentlich bestätigt sich unsere Ansicht. B. B. Marburg. Wie sehr durch jüdische Antisemiten Antisemitismus veranlaßt wird, beweist ein Vorfall, der in hiesigen studentischen Kreisen erzählt wird. Ein an einem der hiesigen Universt'älsinstitute z. Z. arbeitender Herr, dessen Name aus Rücksicht auf seine Familie nicht genannt werden soll, bat sich bei feint n Commilitonen als Sohn eines Pfarrers eingtführt und durch sonstiges Benehmen den Eindruck hervorgerufen, selbst Antisemit zu sein — bis er nunmehr durch frühere Mitschüler als Jude rccognoscirt ist. Daß ein solches von religiöser Verwahrlosung und sittlicher Verworfenheit zeugendes Benehmen in weiteren Kreisen das Judenthum zu discreditiren und besonders die jüdischen Studirende, deren Stellung gegenwärtig auf allen Universitäten eine exponirte, zu schädigen geeignet ist, bedarf keiner Ausführung. — England. , London, im Schewat. Im „Jewish Chro- Nicle" vom 18. Januar erschien ein Artikel, der nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig läßt. Derselbe nimmt Bezug auf die Predigt des Chief Rabbi, die derselbe am r:n mr in der Hamstcad Synagoge gehalten hat und wie folgt lauttt: „Die Orgel in der Synagoge." „Die Freunde und Gegner der Orgel würden gut thun, sich von der Verwirrung frei zu halten in welcher Hoffnung und Befürchtung ihre Gedanken zu fesseln scheinen; das Judenthum auf dem Continent hat die Einführung der Orgel überlebt, das Judenthum hier vermag ohne eine solche seinen Fortschritt zu bewerkstelligen. Die Wahrheit ist, daß die Orgel aufgehört hat ein Schlboleth oder Banner zu sein; dieselbe wird von der jetzigen jüdischen Generation nicht mehr als das Symbol und Zeichen der Reform angesehen; der Kampf wird, so hoffen wir, ohne bittere Erregung ausaekämpst und der Steg errungen ohne Trennung. Im Vergleich zu anderen Reformen sinkt die Orgel ganz an Bedeutung. In derselben Synagoge, in welcher der Chief Rabbi am vorigen nur sich gegen die Orgel aussprach, ist ein gemachter Chor von Herren und Damen.*) Auf dem Continent ist ein gemischter Chor etwas ebenso Seltenes, als eine Orgel etwas Allgemeines ist. Noch mehr! Der Etnwand gegen einen gemischten Chor ist moralischer Natur, der Einwand gegen die Orgel im neunzehnten Jahrhundert dagegen nur ein ritualer. Somit ist England — und selbst der innere Kreis der United Synagogen — bereits weiter fortge- *) In mehreren hiesigen Synagogen ist seit einiger Ze.t schon ein gemischter Chor von Herren und Damen eingeführt. \ schritten auf dem Wege der Neuerung als viele Gemeinden auf dem Continent, welche schon im Fortschritte begriffen waren, ehe wir hier daran dachten, damit zu beginnen. Ferner, Dr. Adler selber hat ein schönes englisches Gebet für den Sabbatmorgen-Gottesdienst verfaßt?) während die Barkeley Street Gemeinde es bis jetzt abgelehnt bat, ein englisches Gebet einzuführen und deren Synagoge ist mit einer Orgel versehen." „Wir wiederholen, der Gebrauch der Orgel hat aufgehört eine Prinzipienfrage zu sein. Gewiß ist dieselbe nicht des Kampfes werth in dem Sinne, wie solches bet verschiedenen anderen Neuerungen der Fall war und noch ist. Vielleicht sagen wir dies, weil wir denken, daß die Vortheile, welche wir durch die Einführuna der Orgel zu erwarten haben, nur wmige sind. Aber in einer Sache find wir sicher! Diejenigen, welche mit der Aufstellung der Orgel Vorgehen zum Trotz, wenn auch gegen einer noch so kleinen Minorität der respeetiven Gemeinde, versetzen dem wahren Fortschritt einen verderblichen Schlag." „In England wenigstens bedeutet Fortschritt freundschaftliches und stetiges Avanciren. Lastet diejenigen, welche die Orgel beführworten, vorerst die Einmüthigkeit ihrer Syiagogengenoffen gewinnen, dem natürlich eine völlige Zustimmung der Vorstände vorauszugehen hätte. Gelingt ihnen dies, so erreichen sie widerstandloS ihr Ziel. Bis jetzt ist es denselben noch nicht gelungen, eine solche lokale Einmüthigkeit zu bewerkstelligen, und daher rathen wir ernstlich zur Vorsicht und U Verlegung." Commentar überflüssig. Vermischtes. Eisenach. 10. Febr. Am 6. d. M. hielt Herr Hadra in der Vereinigung für jüd. Geschichte und Literatur einen Vortrag „lieber die allgemeinen Gedanken des Gerechtigkeitsgefühls bei den Juden", in Anschluß an LessingS Lustspiel „die Juden" in scharfsinniger wohldurchdachier Rede. Nach Beendigung seines Vortrags wurde demselben allgemeiner Beifall gespendet. Uffheim. 4. Febr. (Verspätet eingeschickt.) Unsere israelitische Gemeinde wurde am 8. Januar schmerzlich heimgesucht. Herr Isaak Frank, unser Vorbeter und Religionslehrer, welcher diese Dienste während 58 Jahre in unserer Gemeinde versah, wurde nach einer zweitägigen, schmerzlichen Krankheit von dem Irdischen in das Jenseits abgerufen. Durch diesen Tod hat unsere Gemeinde seine kostbarste Perle verloren. Sämmttiche Gemeindeglieder sind seine Zöglinge. Er war der Vater, der Ratgeber eines Jeden, auch in allen Angelegenheiten, sei es bei Freude, sei es bei Leid war er 1) In den meisten Westend Synagogen ist dieses englische Gebet eingeführt. 2) Die hiesige officielle Reformgemeinde.