Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1895)
- Date
- 1895-02-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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234 zurück. Wenn ich nun sterbend vor Hunger mein Haus betrete, finde ich die Vorsäle von Menschen jeden Standes gefüllt, Juden und Ntchtjuden, Reiche und Arme, Freunde und Feinde, Richter und Beamte. Kaum bin ich vom Reitthiere gestiegen, wasche ich mich und gehe zu den Leuten hinaus, um sie zu begrüßen und zu bitten, mich zu entschuldigen und sich zu gedulden, bis ich etwas genoffen haben werde. Dieses gethan, unterhalte ich mich mit den Kranken, verschreibe ihnen verschiedene Receptt und ertheile ihnen Vorschriften, wie ihre Krankheiten zu heilen sind. So wiederholen sich die Besuche bis gegen Abend, zuweilen bis zwei Stunden in die Nacht hinein und noch länger. Dabei muß ich vor Müdigkeit auf dem Rücken liegen und werde so schwach, daß ich kaum weiter zu sprechen vermag. Mit einem Worte: Es kann kein Israelitin irgend einer Angelegenheit sich mit mir unterhalten, ausgenommen am Sabbat. An diesem Tage versammelt sich bei mir die ganze oder wenigstens der größte Theil der Gemeinde nach dem Morgengebete. Ich ordne die Angelegenheiten für die laufende Woche und halte einen Vortrag bis Mittag. Nach dem Mincha Gebet kommen wieder einige, denen ich nochmals Belehrung ertheile. So fließen meine Tage dahin." Unser Weise war bereits 65 Jahre alt, als er diese Schilderung von seiner Thätigkeit entwaif. Man steht mit Erstaunen vor diesem Bilde und weiß nicht, was man mehr bewundern soll. Maimum's unerschöpfliche Tbatkraft oder die peinliche Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten. Und doch war alles dieses, wie er selber in feinem Schreiben versichert, nur ein Theil von dem, was er in der Wirklichkeit leistete. Neben dieser angkstrengten Thätigkeit als praktischer Arzt entwickelte Maimonides am Hofe des Sultan A t a f d h a l eine sehr fruchtbare Wirksamkeit als medicmischer Schriftsteller. Dieser an Geist und Körper schwache Fürst, der cs in seiner Jugend nicht gelernt hatte, die Leidenschaften der Vernunft zu unterwerfen und durch ein üppiges, sittenloses Leben seine Gesundheit zerrüttet hatte, verfiel in eine melancholische Stimmung und wurde von trüben Todesahnungen gequält. Ec ließ daher gleich nach seinem Regierungsantritte an seinen jüdischen Leibarzt Maimonides die Aufforderung ergehen, für ihn eine Gesundheilslehre (Makrobiotik) abzufaffen. Natürlich galt dieser Auftrag von Seiten des egyptrschen Herrschers für unfern Weisen als eine ganz besondere Auszeichnung und er entledigte sich auch desselben mit einer Gcwiffenhaftigkeit und Pflichttreue, wie sie diesem herrlichen Manne unter allen Berhältniffcn eigen war. Er legte in einer größeren Abhandlung, in einem „Sendschreiben an J seinen Sultan," diätetische Regeln und Vorschriften nieder, in denen der unparteiische Leser noch beutzutage Wahrheiten finden wird, welche ein Zeitraum von sieben Jahrhunderten nicht zu entkräftigen vermochte, die vielmehr für die Gegenwart noch immer höchst anwendbar, ja der Beherzigung würdig befunden werden dürfen. 3) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Königsberg, 5. Febr. Ein für Rußland höchst seltenes Ereigniß, welches für Ihre Leser von Interesse sein dürfte, vollzog sich dieser Tage. Im Ctrculär vom Dörptschen Lehrbeztrk wird unter anderem mitgetheilr: „Seine Majestät, der Kaiser, hat allergnädigst „auf Initiative des Herrn Ministers des Innern, „am 10. November 1894 (a. Zt.) dem Vorsteher „der rigaschen hebräischen Gemeindeschule, dem „Hebräer Adolf (Abraham Abel) Ehrlich, welcher „das Berliner Fciedrichsgymnasium avsolvirte, und „ein Doctor-Diplom von der Universität zu Halle „besitzt als Radbtnatscandidaten bestätigt." Es ist, wenn ich nicht irre, seit jeher in Rußland Gesetz. Documente von ausländischen Lehranstalten als völlig ungültig zu betrachten, und werden die Inhaber desselben unter keiner Bedingung selbst zu Privatämtern zugelassen. Hat doch die ganze jüdisch-russische Aristokratie beim Minister der Volksausklärung alle ihre Kräfte umsonst dafür angewandt, um den Rabbiner der Stadt Libau (Curland) Herrn Dr. Ph. Klein in seinem Amte zu lassen! Umso erfreulicher erscheint dieses Ereigniß, da der betreffende Rabbinatscandidat ein Ausländer ist, welchen bekanntlich als Hebräer selbst der Aufenthalt im russischen Reiche nicht gestattet wird. Gs fft, wie man aus vielfachen Beweisen ersieht, die Absicht des jungen Ezaren, welcher auf der Höhe der Bildung steht, auch die Juden als Menschen zu betrachten und sie als solche zu behandeln. -Es weht überhaupt in Rußland eine ganz andere Luft gegen die Juden. Untere Beamten, die sonst sich das Unerhörteste gegen die Juden erlaubten, wagen es mcht mehr ihre frivolen Thaten fortzusetzen, sondern treten jetzt in vielen Beziehungen freundlich gegen die Juden auf. — Nur dem Kenner der Verhältniffe erscheinen derartige Hoffnungen, die die russische Judenheit hegt, nicht, wie die Zeitungen meinen, als „Illusionen", sondern als der Zeit und der regierenden Person ange- 3) Winterwitz in der Einleitung zu der deutschen Uebersetzung. Wien 1843.