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Der Israelit · 1895-02-11 · Heft 12 (11.2.1895) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 12 (11.2.1895)
Date
1895-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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230 größen umbuschen; vielleicht wird ihn eine solche Enquete das Gegentheil lehren. Um hier die Wahrheit zu finden, braucht man kein Gelehrter, braucht man nur kein Antisemit zu sein. Wer aber dieser Gesinnung ein frommes, ans Thierschutz und Humanität gewobenes Mäntelchen umhängt, der darf sich nicht wundern, wenn er wenig Beachtung und Achtung für seine Expektorationen findet. > Vermischtes. >4- (Ein evangelischer Pfarrer über den Antisemitismus.) Man schreibt auS Znaim: Der hiesige, allgemein geachtete evangelisch« Pfarrer Herr Carl Rolf ist zum Pfarrer für die evangelische Gemeinde in Baden nächst Wien ernannt worden. Zur Charakterisirung dieses wahrhaft edlen Priesters mögen einige Worte dienen, welche derselbe vor mehr als zehn Jahren gesprochen. „Ich begreife nicht," sagte Herr Pfarrer Rolf, „wie der Verkünder der chritzl. Lehre von der alle Menschen umfassenden Gottesliebe der abscheulichen Botschaft von Glaubens- und Racenhaß das Wort reden kann. Ein Mann, der solches thut. gleicht fürwahr demjenigen, der Wasser predigt, aber selbst ausschließlich Wein trinkt. Man nennt den Antisemitismus eine Krankheit der Zeit. Ich möchte ihn eine Modethorheit nennen. DaS Kokettiren von mitunter ganz ungebildeten Leuten mit social-politischen Reformen ist an und für sich lächerlich, aber ungemein berückend. DaS Kleontenthum tritt in verschiedenen Formen auf. Die neueste ist der Antisemitismus, den zu bekämpfen in erster Linie Pflicht aller christlichen Priester sein müßte. Die Consequenzen der antisemitischen Lehre sind vor Allem ein Aufgeben deS ChristenthumS, das ja nach Dühring's Ansicht nichts denn ein verwässertes HebräiSmuS sein soll. Die Culturgeschichte aller europäischen Völker wäre, vom antisemitischen Standtpunkt aus betrachtet, eine große Komödie der Irrungen, die christliche Idee eine Farce,das Wort der Erlösung ein eitel Ding und keine taube Ruß werth. Das Wiedereinfuhren des Wodancultus mag in der Fastnacht wohl am Platze sein. Ernste Männer, denen es um die siltigende Kraft der christlichen Idee zu thun ist, werden auf Wodanspässe nicht eingehen. Daß der Staat den destructiven Bestrebungen des AntisemiiiSmuS im ureigensten Interesse steuern muß, liegt auf der Hand." Den Badenern ist zu diesem Priester nur zu gratulieren. Ztzenilletorr. Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. lS.) (Alle Rechte Vorbehalten. „@o, und Du meinst, daß wir Dich so leicht aufgeben würden? Da irrst Du; ich werde alle Mittel versuchen, um Dich selbst gegen Deinen Willen vor dem Unglück zu bewahren, in das Du Dich zu stürzen gedenkst." „Das ist ja sehr nett von Dir, meine Anny, aber Du wirst Deine Machtlosigkeit bald einsehen und damit zufrieden sein, daß Dein Herr Papa nur eine Tochter besitzt." „Mein Herr Papa besitzt einen ungerathenen Sohn, der hier vor mir steht, und eine Tochter, nur eine Tochter, die es sich zur Lebensaufgabe machen wird, diesen Sohn vor dem Unalück, das ihn bedroht, zu bewahren. Wenn Du Dich nicht frei machen willst, so wird jene Dich frei geben, denn nach ihrem Benehmen von heute Morgen heirathet sic nie einen Juden. Hier lies den Brief des Vaters und sage mir dann, ob Du so viel Liebe und Güte von Dir weisen, einen solchen Vater der Stütze berauben kannst, die Du ihm sein solltest." Anny gab ihm den Brief zu lesen; mit gerunzelter Stirne fing er an, aber je weiter er las, um so mehr glättete sich feine Stirne. J-tzt ging ein verräterisches Zucken über sein Antlitz, seine Augen wurden naß und als er geendet hatte, gab er den Brief zurück und sagte: „Du hast Recht; eines solchen Vaters bin ich nicht werth. Das ist zu viel Selbstverleugnung, eine zu hohe Seelengröße. Er hat sich in mir getäuscht, ich bin nicht daS, wofür er mich hält — ich bin Acher, ein Anderer." Anny mochte reden so viel ste wollte, Willy war von dieser Meinung nicht abzubringen und verließ, in seinen Zweifeln erschüttert, spät am Abend die Schwester. Anny gab Willy noch nicht auf. Mit der ihr eigenen Zähigkeit hielt ste an dem einmal gefaßten Plane fest und es war spät nach Mitternacht, als sie von vielem Denken ermüdet, ihr Lager aufsuchte. Am andern Tage erschien Herr von Gilsa schon .früh im Hotel, um Anny abzuholen. Er brauchte nicht lange zu warten, und blendend schön wie der junge Tag trat Anny ihm entgegen. Sie reichte ihm die Hand, die er galant küßte, und dann erkundigte er sich, wie ste geschlafen habe. „Gut, Herr Baron," sagte Anny, „wie die Jugend schläft." Anny wartete noch die erste Post ab, die ihr einen Brief von Fanny brachte, dann trat ste, von Herrn von Gilsa begleitet, ihre Wanderung durch die Hauptstadt an. Anny war keine Kleinstädterin, trotzdem staunte sie und war ganz geblendet und verwirrt von dem Lärm und dem Äerkehr, der in den Straßen der Retchshauptstadt wogte. Nach einzigem Zögern nahm sie den Arm, den Herr von Gilsa ihr in kavaliermäßiger Weise anbot und setzte so an der Seite des väterlichen Freundes ihren Weg fort. Sie hatte nicht genug Augen, um all die Dinge zu sehe«, auf welche ste ihr Begleiter immer wieder von Neuem aufmerksam machte, und als man endlich an die Nationalgallerie kam, da war sie schon so müde, daß ste den Baron bat, den Besuch

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