Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1895)
- Date
- 1895-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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231 derselben auf eine Zeit zu verschieben, wo sie noch frisch sei und auch einen Genuß von dem Anblick der Kunstschätze habe. Der Baron willigte ein, und um sich auszuruhen, ging man in ein nahes Cafs und betrachtete von da aus den vorbeifluthenden Menschenstrom. Dabet konnte man sich gemächlich unterhalten und Herr von Gilsa war erfreut, in Anny eine so tntereffante, geistreiche und gebildete Dame zu finden. Die Rede kam auch auf Willy, und da der Baron zu discret war, zu fragen, wie weit sie mit ihm gekommen sei, erzählte ihm Anny ihre Erlebniffe während deS gestrigen Tages. Aufmerksam hörte er zu und war ganz empört, als er von dem wenig zarten Auftreten Gretas erfuhr. Er pflichtete Anny in ihrem Urtheil über dieses Mädchen bet und es war ihm unerklärlich, wie Willy seiner Schwester so etwas halte bieten lasten können. Er hatte nach allem, was er gehört, wenig Hoffnung, daß ihre Mission gelingen werde, doch wollte er sie nicht entmuthigen und schwieg. Ehe man es gedacht, war der Morgen vorüber und Anvy begab sich in das schon gestern von ihr besuchte Restaurant, um zu Mittag zu speisen. Der Baron nabm auf ihre Einladung an dem Mahle theil und wie er wiederholt versicherte, schmeckte es ihm ausgezeichnet und hatte er sich in langer Zeit nicht so gut unterhalten wie heute. Auch heute erregte Annys Erscheinen in dem gut besuchten Restaurant Aufsehen und gar mancher heiße Blick galt dem hübschen Mädchen, welches mit seinem Begleiter sich angelegentlich unterhielt. Plötzlich hielt sie mitten in der Unterhaltung inne. Sie hatte am Nebentifche den Namen ihres Bruders nennen hören und lauschte jetzt auf das, was man sich dort erzählte. Man sprach von einem Sensationsprozeß, der am heutigen Tage zu Ende gegangen sei und bei welchem Willy, der einen der ersten Anwälte Berlin vertreten hatte, durchseine Plaidoyers Aufsehen erregt und seinen Klienten vor schwerer Strafe und Ehrverlust geschützt habe. Ein Student, der auch dabei saß, sagte: „Es ist schade und sehr zu bedauern, daß so ein tüchtiger Mensch ein so elender Character ist, der einer schönen Larve zu lieb unsere Religion verlassen und ins andere Lager übergegangen ist. Schweigen Sie von solchen Menschen; sie sind schlimmere Gegner als die Radauanttsemiten. Aus diesen Menschen entstehen die Hamans, die Israel vernichten wollen. „Aber," fragte einer der Umstehenden, „ist der junge Mann denn wirklich ein getaufter Jude?" „Ob er getauft ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er Jude ist und wie ein Ntchtjude lebt. Man sagt, die Regierung wolle ihn, weil er eminent tüchtig ist, veranlassen in das auswärtige Amt einzutreten und habe ihm, wenn er sich taufen lasse, die schönsten Präpositionen gemacht." „Nun?" fragte man gespannt; und einer der Herren sagte: „Er hat die Propofitionen doch mit Entrüstung zurückgewiesen!" „Nein," sagte wieder der erste junge Mann, „er hat sich Bedenkzeit ausgebeten." Anny wurde es heiß und kalt zu Muthe, als als sie solche Worte hörte. Das Blut stieg ihr ins Gesicht und der Baron sagte: „Sind Sie nicht wohl, mein Fräulein? Nein, Sie haben sich heute zu viel zugemuthet. Morgen werde ich vernünftiger sein und meinen Wagen nehmen." Anny konnte nichts mehr essen und sie war froh, daß daS Menu zu Ende war. Der Baron sah ihr an, wie unbehaglich es ihr im Zimmer wurde und er verließ deßhalb bald mit ihr die Restauration. Anny trieb es nach Hause und sie war froh, als man endlich das Hotel erreicht hatte. Der Baron verabschiedete sich und versprach, am folgenden Morgen sie mit seinem Wagen abholen zu wollen. Für den Mittag und Abend stellte er sich auch zur Verfügung, aber Anny dankte ihm und sagte, sie erwarte Willy. Auf ihrem Zimmer angekommen, legte Anny ihre Stratzentoilette ab und zog ein elegantes Hauskleid an. Dann schrieb sie ihrem Vater. Ihr Bttef war noch nicht zu Ende, als der Kellner hereinkam und ein Btllet brachte, welches soeben beim Portier für sie abgegeben worden war. Anny öffnete es rasch. Es enthielt nur wenige Zeilen, aber diese erschütterten sie so, daß sie sich auf das Sopha fallen ließ und bitterlich weinte. Willy hatte an diesem Morgen sein erstes Debüt, und wie wir schon gehört haben, hatte er wiederum Glück gehabt. Sein Name war in aller Mund. Die Rede, die er heute gehalten hatte, ein Muster der Rhetorik und juristischen Scharfsinns hatte ihm große Ehre eingebracht, denn sein Klient, dessen Sachen nicht besonders günstig standen, war kostenlos freigesprochen worden. Außer der Ehre hatte sie ihm aber auch ein glänzendes Honorar eingetragen, so daß Willy in jeder Hinsicht zufrieden sein konnte. Noch an demselben Tage erhielt Willy von einem älteren College», dem Justizrath M den Vorschlag, sich mit demselben zu associren und derselbe stellte dem jungen Manne so glänzende Bedingungen, daß er die Sache des UeberlegerrS werth hielt.