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Der Israelit · 1895-02-11 · Heft 12 (11.2.1895) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 12 (11.2.1895)
Date
1895-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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229 und unbefangen zu prüfen, anstatt ihr blindlings zu folgen. Jetzt, wo der Antisemitismus durch seine Führer in Verruf zu kommen beginnt, beweist es wenig „deutsche Treue", ihn wieder fallen zu lasten. Uns ist der radicale Antisemitismus eines Ahl- Wardt lieber, als der Antisemitismus conservativer Prägung. Ein offenes Visier ermöglicht wenigstens eine kundige Abwehr des Angreife s. England. London. (Ein jüdischer Antisemit.) Ich habe Ihnen schon früher einmal über einen Mediciner I. Lawrence-Hamilton berichtet, der durch eine leidenschaftliche Agitation gegen das Schächten sich bemerklich zu machen sucht. Man legt den Expectorattonen dieses Herrn hierzulande, wo die ersten Koryphäen der Wissenschaft überaus günstige Urtheile über das Schächten abgegeben haben, wenig Gewicht bei. Einige deutsche Lchierschutz-Veretn-Zeitungen, welche mir von Deutschland zugegangen sind, scheinen jedoch den genannten Herrn ernst zu nehmen, weshalb ich zur Charakterisirung seines Kreuz;ugs gegen das Schächten, mir folgendes anzumerken gestatte: Herr Lawrence-Hamilton bekennt sich als Jude, aber seine Kampfesweise steht derjenigen der Antisemiten so ähnlich wir ein Ei dem anderen. Er schreibt z. B.: „Einige Juden in Großbritannien, unter welchen zu meinem größten Bedauern auch das klerikale Element vertreten ist, haben ausgesprengt, die Bewegung gegen das Schächten wäre eine antisemitische Verfolgung der jüdischen Raffe und der jüdischen Religion." Wir können dem Herrn versichern, daß dieser Vorwurf älter ist als die schriftstellerische Thättgkeit der heutigen Gegner des Schächtens und daß er zuallererst nicht von einem Juden, sondern von unverdächtigt christlicher Sette ausgesprochen wurde und zwar schon vor 40 Jahren. Als man damals das Schächten in London ebenfalls zum Gegenstände einer gerichtlichen Anklage zu machen suchte, die Klage aber vom Lordmayor, nachdem ihre ganze Absurdität dargethan war, abgewiesen wurde, schloß ein hiesiges Blatt seinen Bericht über diesen Vorgang mit der Bemerkung : „Alles in Allem, die eingeleiteten Verfolgungen „der jüdischen Schächter sind von Umständen be- „gleitet, welche den beunruhigenden Verdacht „nicht unterdrücken lassen, daß religiöse Vorm- „theile dabei zu Grunde liegen mögen. Sie „haben allzusehr den Anschein, nichts l anderes „als ein Versuch zu sein, unsere jüdischen Mtt- „bürger aus kleinlichen undMnhaltbaren'Gründen „Vexattonen auszusetzen. Zur Zeit Chaucer's „wiegelte man die Menge^gegenIdte Juden auf, „indem man sie beschuldigte,^Kinder zu schlachten"; „es ist eine traurige Abnahme erfinderischer Phan- „taste, daß man gegen sie keine schrecklichere Beschuldigung heraufzubcschwören wußte, als daß „sie sich grausam gegen die Ochsen zeigen." (D. N. vom 17. Okt. 1855). Wer dem fachmännischen Urtheil des 'Herrn Lawrence-Hamilton Bedeutung beilegt, welche Bedeutung muß ein solcher erst^den^Gutachten der ersten englischen Chirurgen, Anatomen und Physiologen beilegen, die sich alle zu Gunsten des Schächtens ausgesprochen haben. Man brauchtMr die Namen List er in London, Foft er und Macalister in Cambridge zu nennen, um Herrn Lawrence vielleicht selber das Bekenntniß abzuringen, daß seine wissenschaftliche Befähigung es nicht allein sein kann, welche ihn zur Gegnerschaft gegen das Schächten geführt hat, — darüber braucht kein Wort verloren zu werden. Merr Lawrence meint ferner, daß die orthodoxen Juden nur einen Theil der englischen Juden bilden. Die meisten Juden, die: hierzulande nur koscheres Fleisch essen, seien arm und melsterMseien es unwissende und unglückliche fremde Juden, deren Gegenwart auf unserem überfüllten Arbeitsmarkt sehr wenig wünschenswerth sei. Ist es nicht merkwürdig, daß ein Herz, welches so warm für Ochsenliebe schlägt, so kalt und hart gegen die primitivsten Regungen von Menscheu- Ite&e istNach Herrn L. braucht man nur arm, unwissend, unglücklich, fremd und t last not leastorthodox zu sein, um den schnödesten Religions¬ und Gewissenszwang ertragen zu müssen, nur damit die lieben Thtere angeblich nicht gequält werden. — „I ch erachte es für eine schwere Ungerechtigkeit, die Juden in dieser Hinsicht d er Thierquäleret zubeschuldigen," schreibt Sir Joseph List er in seinem Gutachten über das Schächten vom 15. Januar 1894, und ein jüdischer Arzt hat die Stirne seine Volks- und Glaubensgenossen dieser Ungerechtigkeit zu zeihen! Während die Zeitungen erst kürzlich Berichte über den wohlthäligcn Einfluß veröffentichtcn.. den die eingewanderten russischen Arbeiter auf' die Herstellung billigerer Erzeugniffe ausüben, hat der Jude Lawrence den Muth gelegentlich seiner Schächtcampagne auch nach dieser Seite hin seine Brüder zu discredttiren. — Wenn Herr L. aber wirklich glaubt, daß in London nur arme Juden auf koscheres Fleisch rcflectiren, so möchten wtr ihm rathen sich einmal in den Küchen unserer ersten Finanz-

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