Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1895)
- Date
- 1895-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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226 fie die Schafe von den Böcken und erklären den Juden, die an der Sitte der Väter hangen, ihre Sympathie und den modernen Juden den Kampf. Aber wenn die ultima ratio dann lautet: Aufhebung der Emancipation der Juden, dann gilt dies selbstredend für alle Juden, die alten, wie die modernen. So heiß ist die Liebe der Konservattven für die alten Juden nicht, daß sie ihre Scheidung von den Reformjuden auch dann noch aufrecht erhalten sollten. — Zur Sache selbst, können wir hier nur wiederholen, was wir bei ähnlichen Kundgebungen mit aller Entschiedenheit betonten: Unser Blatt verttitt ausgesprochener Maßen die Interessen deS orthodoxen Judenthums und bekämpft feit feinem Bestehen ohne Unterlaß und ohne Rücksicht das Reformjudenthum in allen seinen Richtungen. Man w^rd uns daher gewiß keiner Voreingenommenheit für das Reform judenthum zeihen. Aber dieses Unterfangen, angesichts der bevorstehenden, vollständigen Bankerotterklärung deS Antisemitismus, denselben auf das Conto der Reformjuden zu stellen, tragt seine ganze Unwahrhaftigkeit und Unmöglichkeit so offenkundig an der Stirne, daß sie auch das blödeste Auge erkennen muß. Juden und Namenjuden oder Reformjuden mögen hinsichtlich ihrer religiösen Anschauungen betr. der Verbindlichkeit ihrer Satzungen, wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein sich gegenüber stehen, hinsichtlich dessen, worum es sich hier handelt, in der Erfüllung ihrer socialen Pflichten, ihrer Zugehörigkeit zum großen, gemeinsamen Vaterlande, ln ihrer unwandelbaren Treue zu ihrem Landesfürsten, in allen diesen Momenten existirt keinerlei Unterschied zwischen dem orthodoxen und dem Reform Juden, ja nicht einmal zwischen Juden und Nichtjuden. Wir bestreiten daher unseren reformjüdischen Brüdern ganz entschieden die Ehre, von den Antisemiten allein als haffenswerth hingestellt zu werden. — Wir glauben übrigens, daß die Antisemiten diese Ausrede selber für nichts anderes als ein Feigenblatt um ihre Blöße ansehen. Wie könnte es auch anders sein. Das was man heute verschämt „Antisemitismus" und „Antisemiten" nennt, nannte man in früheren Zeiten Judenhaß und Judenfeinde saus xdrass. Erst als man sich dieser Flagge, welche die Contrebande, die sie deckt, gleich auf den ersten Blick verräth, doch zu schämen anfing, machte die Noth erfinderisch und man ersann die harmlosere, weil fremdartiger klingende Bezeichnung. In der That aber hat es Antisemiten gegeben, lange bevor eS Reformjudeu gab. Reformjuden gibt es erst seit wenigen Decennien, aber JudenfeindeZschon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden. So verlogen nun dieses ganze Gerede auch sein mag, so enthält es doch für unsere reformjüdischen Brüder ein bedeutsames Memento. — Wenn dieselben auch hinsichtlich ihres politischen und socialen Verhaltens sich ruhig mit allen Angehörigen aller Confeffionen messen dürfen, so liegt doch in diesem kränkenden Vorwurf des zur Neige gehenden Antisemitismus eine schwerwiegende Mahnung für das Reformjudenthum und seine Wortführer. Diese haben doch die Parole ausgegeben, man müsse eine jüdische Sitte, eine Eigenthümlichkett des Judenthums nach der anderen zu Gunsten der Gleichstellung und Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern preiSgeben; wenn erst die religiösen Schranken und Scheidewände von uns abgetragen seien, dann würden stch auch unsere Mitbürger beeilen, die socialen und politischen Mauern und Schlagbäume zu entfernen, und wie die Redensarten alle hießen. Und nun, nachdem man mehr als ein halbes Jahrhundert in diesem Sinne gelebt und gewirkt hat, nachdem man bereits alles so radikal reformirt hat, daß von dem alten Judenthum kaum etwas übrig geblieben ist, jetzt zetern die Judenfeinde: Nicht die orthodoxen, die Reformjuden find es, denen unser Kampf gilt. Aus dieser Lüge könnte das Reformjudenthum eine große Wahrheit lernen, die mit allen ihr anhaftenden, trüben Erfahrungen nickt zu theuer bezahlt wäre, wenn sie richtige Würdigung und Beherzigung fände. — Wir haben bereits wiederholt auf die vielfachen Anzeichen hingewiesen, welche einstimmig bekunden, daß diese Erkenntntß bei den Bekennern des Reformjudenthums stch langsam aber sicher Bahn bricht und daß sie nicht die letzte Veranlassung des Stillstandcs und offenkundigen Rückganges des Reformjudenthums ist. Es ist begreiflich, daß in Zeiten, in welchen ein solches Odium auf dem Reformjudenthum lastet, sich Niemand offen zu demselben bekennen will und daß für einen Ausbau oder auch nur eine Fortsetzung des Reformwerkes gegenwärtig die denkbar ungünstigste Zeit ist. Es ist deshalb ungemein charakteristisch für die mangelnde Kenntniß unserer Zeit und dessen, was sie fordert, wenn man gerade gegenwärtig durch Einführung neuer Reformen dem Antisemitismus Handlangerdienste leistet, wie dies z. B. der Verband jüdischer Gemeinden Westphalens zuthun den Math hat. Die verantwortungsschweren Bedenken, welche jüdtscherseits gegen dieses Vorgehen geltend gemacht wurden, scheinen in den maßgebenden Gemeinden nicht die volle, gebührende Beachtung gefunden zu haben. r ZI Wielleicht bewirkentzdiese sehr deutlichen Zaun-