Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1895)
- Date
- 1895-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der ganze jüdische Mittelstand, alle Ladenbesitzer muffen also zwei Tage der Woche feiern, und zwar den Verschärfungen des Gesetzes entsprechend in weit strengerem Maße als bisher. Wodurch sollen diese Steuerzahler die empfindliche Einbuße an ihrem Einkommen decken? Es ist klar, daß sie ihren christlichen Berufsgenoffen gegenüber einfach coneurrenzunfähig gemacht werden. Da ferner das Gesetz auch die Lebensmittelverkäufer zur Sonntagsruhe zwingt, so werden dadurch die Aermsten unter den Handelstreibenden, die jüdischen Höcker und Höckerinnen, die oft von ihrem kärglichen Erwerb eine zahlreiche Familie ernähren müssen, betroffen. Was für Verheerungen diese Bestimmung unter diesen ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung anrichten wird, entzieht sich einfach aller ziffermäßigen Berechnunq. Bet Lichte besehen, stellt sich also die ganze mit so vielem Lärm und Triumph verkündete „liberale, von dem Geiste echter Toleranz eingegebene" Begünstigung der Juden als ein leeres Trugbild, eine Illusion, ja als eine arge Heuchlet heraus. Der ganze Kaufmannsstand, ein großer, vielleicht der größte Thetl des Handwerker- und Arbeiterstandes bleibt von der Begünstigung ausgeschloffen, muß vielmehr seine Arbeitswoche auf 4*/* bis 5 Tage beschränken — bei gleichen Lasten zum Wähle des Staates — oder aber ist gezwungen, das Heiligste was er hat, sein religiöses Gewiffen za vergewaltigen — und doch hat man uns in großer Uneigennützigkeit, „mit echt polnischem Edelmuth" eine Wohlthat erwiesen, für die wir selbstverständlich zu tiefem Dank verpflichtet sind! Diesen Dank sollen wir bei der Wahlurne abstatten, wenn der große Tag kommt, da die Gesetzgeber wieder um ihre Mandate zittern. Das Ganze war nämlich michts, als eine mit Rücksicht auf den nahen Kadenzschluß aufgeführte Komödie. Im ganzen Land macht sich auf allen Punkten gegen die Selbstherrltchkeit des Polenclubs, der hauptsächlich die Geschäfte des Feudaladels und des Großgrundbesitz's besorgt, eine energische Bewegung geltend. Die Ruthenen wollen sich nicht mehr knebeln lassen, das Bürgerthum, die Bauern, das Proletariat, mit einem Worte, die ganze Bevölkerung regt sich und droht, den Schlachzizen die seit jeher gehandhabte, ach, so süße Herrschaft zu entw'.nden. Nun bilden die Juden schon nummerisch mit ihren 120/0 einen ansehnlichen Bruchthetl der Bevölkerung, deffen Wahlkraft um so schwerer in die Wagschale fällt, da die Juden als überwiegend Handels- und Gewerbetreibende meist besteuert und als nach dem österreichischen Census meist wahlberechtigt sind. Wird eine Wahlreform — in welcher Gestalt immer — durchgeführt, so steigt die Bedeutung der Juden noch mehr. Daher empfahl eS sich, das Schild der Judenfreundlichkeit auszuhängen, um sich im Voraus der jüdischen Stimmen zu versichern. Man warf uns also einen Knochen hin, in der stillschweigenden, übrigens nicht so ganz stillschweigenden — Voraussetzung, daß wir uns am Tage des Gerichtes dankbar zeigen werden. Es mußte jeden Kenner der Lage komisch anmuthen, zu hören, wie der Aba. So ko lowki in hochpathetischem Tone im Abgeordnetenhause verkündete, daß der von ihm vertretene Polenclub gnädig geruhe, zu bewilligen, daß ein paar Kategorie» von jüdischen Handrve kern am Sabbat ruhen dürfe, «lediglich geleitet von den Traditionen altpolnischer Toleranz in Religionsangelegenheiten." Vor den Wirkungen dieser „Toleranz" müffen sich die Juden in Acht nehmen. Es wird Pflicht des Herrn Dr. Byk sein, sich mit seinem Erfolge nicht zufrieden zu geben, sondern unablässig darauf zu dringen, daß die berechtigten Jntereffen seiner jüdischen Wähler entsprechend berücksichtigt werden. Nur durch langsames aber planmäßiges Arbeiten kann eine Minorität, wie die Juden es hierzulande sind, etwas erreichen. Dazu ist vor allen Dingen Wachsamkeit und weises Wirtschaften mit den eignen Kräften nöthtg! Auf einen Punkt möge mir gestattet sein, die allgemeine Aufmerksamkeit zu lenken. Von allen 17 Kronländern des österreichischen Staates, genießen nur zwei, Galizien und Bukowina, die mehrerwähnte Begünstigung. Viele Redner, vor allem der Handelsminister und der Referent der Vorlage haben betont, daß von den anderen Ländern ein diesbezüglicher Wunsch nicht laut wurde. G.bt eS in den übrigen Kronländern keine Juden, oder haben diese, etwa aus eigner Machtvollkommenheit den Sabbat bereits abgeschafft? U. a. w. g. Zeitnugsuachrichte« ««d <korrefpo«de»ze». Deutschland. Frankfurt a. M, 30. Jan. Am 22. d. Mts. hielt der hiesige Verein Mekor-Chajim seine jährliche Generalversammlung ab. Der Jahresbericht des Vorstandes verzeichnet eine weitere Zunahme von Mitgliedern — der Verein zählt deren heute 133 — und coustatirt den regelmäßigen und guten Besuch der wöchentlich sechs Mal ftattfindenden tmjrr, von welchen je 2 auf *opa, .wo und kommen. Den Dozenten des Vereins, den Herren Gerson Posen, Dr. I. Bondi und Julius Hirsch wird der Dank des Vorstandes für ihre hingebende Lehrthätigkett ausgesprochen, ebenso den-