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Der Israelit · 1895-02-04 · Heft 10 (4.2.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 10 (4.2.1895)
Date
1895-02-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MWWWM 191 Greta spitz, „das zu entscheiden muß ich Sie bitten, mir zu überlassen. Ich habe gethan, was mir Recht deuchte und was ich das Beste für Willy hielt. Kümmern Sie sich nicht weiter darum, ich werde dieserhalb schon mit Willy fertig werdend Willy erhob sich jetzt und stellte sich mit blitzenden Augen vor Greta. Seine Stimme bebte vor verhaltenem Grimme und er sagte: „Gewiß hast Du Unrecht gethan und thust eS jetzt noch. Ich bin kein Schulbube, daß ich Deiner Bevormundung bedarf und erwarte so viel Achtung von Dir, daß Du mit meiner Schwester in anständiaer Weise sprichst." „Es bedarf Deiner Ermahnung nicht. Die Art und Weise, wie ich mit dem Fräulein spreche ist die Art, wie ich verkehre mit — einer Judendirne." Willy stieß einen Schrei der Wuth aus, sprang auf Greta zu, faßte sie an der Hand, daß sie es schmerzte uud rief: „Greta! nimm dieses Wort zurück — oder es scheidet uns für immer." „Chockirt Dich dieser Ausdruck — ich habe Dirne in gutem Sinne gemeint — so will ich's zurückaehmen und sagen Judenmädel," erwiederte sie gedehnt. Diese Ehrenerklärung, fast noch kränkender als die ursprüngliche Beleidigung trieb Willy das Blut in die Wangen. Er bot Anny den Arm und sagte: „Komme, Anny, mit in mein Zimmer, dort bist Du vor den Beleidigungen dieser Wahnsinnigen geschützt, ich werde Dir Genugthuung verschaffen." Arm in Arm verließen die Geschwister den Salon, woselbst Greta schäumend vor Wuth zurückblieb. Als Willy und Anny allein waren, war es auch mit Annys Haltung zu Ende. Thränen entstürzten ihren Augen und ihr schönes Haupt schüttelnd, sagte sie: „Willy, so bin ich noch nicht beleidigt worden. Keinen Augenblick bleibe ich langer unter einem Dach mit dieser Person und hoffentlich besitzest auch Du so viel Ehrgefühl, daß Du nicht länger bei Leuten wohnest, welche mich so tödtlich beleidigt haben." Willy versuchte seine Schwester zu beruhigen und versprach ihr jede Genugthuung; diese wollte nur auS dem Hause, aus der Nähe dieser — Antisemitin. Aber gerade darauf wollte Willy sich nicht einlassen. Er könne nicht sofort mit den Leuten brechen, er sei ihnen verpflichtet, an sie gebunden. „Gebunden?" fragte Anny erstaunt, „Du bist gebunden,H an diese Leute gebunden? Wodurch?" Willy erröthete über und über. WaS füllt« er Anny sagen? Würde sie ihn nicht für unzurechnungsfähig halten, wenn er sagen würde: Ich btn Greta's Verlobter! Sie, die orthodoxe Jüdin kounte so etwastzja doch nicht begreifen und deßhalb sagte er: „Wodurch, das ist einerlei, aber Du sollst Genugthuung haben." Anny blickte jetzt ihren Bruder mißtrauisch an. Sollte^das schöne Mädchen, welches ste so beleidigt hatte, ihrem Bruder näher stehen, daß er die Beleidigung, die ste seiner Schwester und auch ihm selbst zugefügt hatte, vergessen konnte? Sollte sie vorhin-Recht gehabt haben? Ste wollte sich darüber Gewißheit verschaffen, ob Willy schon so tief gesunken, daß er, die Religion der Vater mißachtend, sein Herz an eine Fremde verlieren konnte, und ste fragte deßhalb: „Hatte jene Berechtigung in dem, was sie sagte? Stad es die Fesseln der Liebe, die Dich an sie binden?" Und als Willy verlegen schwieg, fuhr ste weiter: „O. Willy, Wllly, warum hast Du das gethan? Du, der Du unser Stolz warst, unsere Freude, von dem wir hofften, daß er einst unter die Groben Israels gezählt werden würde. Wenn Du wüßtest, welchen Gram Du dem Vater, der seligen Mutter bereitet hast, die doch in ihrer großen Liebe alles für Dich gethan hatten, wahrlich Du müßtest kein Herz haben, wenn Du nicht umkehren und werden würdest, wie Du früher warst. Willy Dein Thun hat unsere Mutter aufs Krankenbett geworfen, wo sie ein früher Tod ereilt hat, und doch war ihr letztes Wort Dein Name, ein Segenswunsch für Dich. Kannst Du mir eine größere, edlere, göttlichere Liebe nennen? Frage Dich selbst, Willy, ob Du Dich dieser Liebe werth gezeigt hast. Kaum hattest Du den Fuß aus dem Elternhause gesetzt, da vergaßest Du alles, waS Du dort gelernt hast, und überließest Dich der Verführung, die Dich entfernte von der Religio» Deiner Väter, Dich entfremdete den Hütern Deiner Kindheit, Deiner Jugend. Was hast Du dafür eingetauscht? Die Liebe des Mädchens? Kann sie Dich beglücken? Hältst Du ste für echt, nachdem Du gehört hast, wie sie von Deiner Schwester, der Jüdin spricht? Bist Du in dem Irrwahn befangen, Du machtest in ihrem Judenhasse eine Ausnahme, Du seiest in diesem Hasse nicht mit einbegriffen, trotzdem Du ein Jude bist. Du täuschest Dich. Der Haß dieses Mädchens gilt in erster Reihe dem Judenthum und dann erst dem Juden." „Halt ein, Anny, die Bitterkeit über die Kränkung, die Du leider von ihr erfahren hast, macht Dich ungerecht gegen ste. Greta ist ein hochherziges, edles Mädchen, welches nichts von dem Haß weiß,

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