Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1895)
- Date
- 1895-02-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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189 Amerika. New-Uork, 16. Jan. Auf der letzten Generalversammlung der Vereinigten (Reform) Gemeinden Amerikas hielt der Rechtsanwalt Lco N. Levi aus Galveston einen Vortrag über den „idealen Rabbiner", der in der hierländischen jüdischen Preffe viel Staub aufgewirbelt und der es verdient, auch im „Israelit" erwähnt zu werden.*) Er zeigt, daß Amerika, allgemein als das im Dollar aufgehende Land par excellence gehalten, sich doch noch einen großen Theil Idealismus und religiöses Gefühl bewahrt hat, und daß es nur des belebenden Funkens bedarf, um das unter der Asche glimmende Feuer zu Heller Flamme emporlodern zu lasten. Ob und wann dieser Funken seine zündende Function hier auszuüben berufen sein wird, muß göttlicher Fügung überlasten bleiben. Hier fehlen Männer an der Spitze der religiösen Sache, die, ausgestattet mit stützendem Wissen auf dem Gesammtgebiete unserer heiligen Thora, mit dem Feuer der Begeisterung für dieselbe gleich uan nro und der Beredsamkeit eines oj&a, der Landessprache kundig, eine unermüdliche Thatkraft im Dienste des Judenthums verbinden — verschiedentlich ist es ausgesprochen worden, hier fehlt ein Rabbiner Hirsch b'ti — denn Stoff ist genug vorhanden, um das wahre unverfälschte Judenthum zu ungeahnter Blüte zu bringen. Dieser fehlende Mann müßte die bisher in ihre heimischen Sectioneu zerstreuten und versprengten Elemente vereinen, der Deutsche soll nicht mehr auf den Rüsten herabblicken, der Lltthauer nicht den Polen verachten, die Portugiesen sollen mit den Aschkanasim Hand in Hand gehen, und bethättgen, daß wir ein pxa vw vp ein einig Volk von Brüdern sind. — Die Reform ist bankerott, nicht nur in den Augen ihrer Antipoden, sondern auch in denen ihrer Anhänger. Selbst diese erkennen, daß ihr Wesen eitel Schein ohne jeden realen Hintergrund ist, daß die Reformrabbiner nur eingeriffen und nichts aufgebaut haben und daß diese ebensogut in der Kirche oder Moschee am Platze wären, wie in der Synagoge. Selbst die Reformer rufen aus: pan p ’jnx 'xv? Wozu nützen uns die Reformrabbtner? Ein Judenthum lehren sie uns nicht, und um uns anzuregen, gute Menschen zu sein, bedarf es ihrer wahrlich nicht. — Selbst die Reformjuden dürsten nach Wahrheit, wollen über sich nicht mehr den Phrasenschwall ihrer Prediger ergießen lasten, sie wollen wissen, was das Judenthum ist, was es lehrt und ihm dann consk quentermaßen nachleben. Und was wird ihnen als Ant, *) Wir haben denselben bereits ausführlich gebracht. Red.) wort gereicht? Man sollte-denken, daß die geistigen Leiter der Reform, die sich gern als Meister im Verstehen des PulSschlages des Zeitgeistes Laufspielen möchten, um je nach der wechselnden Laune der Mode oder Geschmacksrichtung die Gesetze unserer h. Thora umzumodeln, diesen offen ausgesprochenen Wünschen und Forderungen ihrer Gemeinden Rechnung tragen würden. Aber wett gefehlt. Phrasen, nichts als Phrasen; die alte abgedroschene Theorie einer Differenz zwischen mosaischem und prophetischen Judenthum wird wieder aufgetischt, als ob die Propheten nicht die Heilighaltung des Sabbat, Opferdtenst — wie viele Capitel des Ezechiel find voll von diesem Steckenpferde der Reform — ebenso wie die allgemein menschlichen Gesetzt de^Thora dem Volke dringend zur Nachachtung an's Herz gelegt hätten. Sie eiferten ja nur gegen die Auffassung, die sich mit Einhaltung der sogenannten Ceremonialgesetze begnügte und flch'damit Absolution für die Abrogirung der rein socialen Vorschriften zu erkaufen meinte, und es ist ebenso gewiß, daß, wenn wir heutzutage Gottbegnadete Propheten hätten, sie gegen die modernen Reformer, die durch humanitäre Verdienste das Aufgebea der speziell jüdischen Gebote auszuwiegen geneigt find, mit demselben heiligen Eifer ankämpfen würden. — Unserer Ansicht nach, sollten die orthodoxen Rabbiner hierzulande sich den Fingerzeig nicht entgehen lasten und das Volk über das Wesen des Judenthums durch aufklärende Schriften in der Landessprache zu belehren suchen; wenn sie aus eigener Kraft nicht schöpfen können, böte eine englische Uebersetzung der 19 Briefe, des Choreb und des Pentateuchcommentars von Rabbmer Hirsch etitett guten Ersatz. Wir schließen mit dem Schluß des Levi'scheu Vortrages: Die Geschichte wiederholt sich selbst und in diesem Lande wüd Einer aufstehen, der getränkt mit dem Geiste, der Esra beseelte, dem Volke zeigen wird, in welchen Punkten es das Gesetz geringschätzt und das Volk begeistern mit Liebe und Gehorsam für das Gesetz und es veranlaffen, die falschen Priester von der Kanzel zu peitschen, die den alten Glauben verunglimpfen. Das Volk ist reif für solch' einen Letter. Es hat Mißtrauen zu seinen Rabbinern.Der ideale Rabbiner, nach dem es lechzt, wird ein Mann sein, durchtränkt mit Glauben an Gottes Gesetz, wie es in der Thora niedergelegt. Er wird sie studiren, zu verstehen den Willen des Schöpfers und sie zu beobachten.Solch' ein Manu, glaubend, gehorchend, lehrend und übend die Lehre, die Gebräuche und Ceremonien des Judenthums, wird vor den Augen der Juden stehen als Letter, dem nachzustreben ihre Aufgabe sein wird.. Um ihn werden sich Schüler schaaren, begierig zu lernen