Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1895)
- Date
- 1895-02-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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188 den Deutschen nicht besser ergehe. Dr. Rosenthal verweist auf den Deutschenhaß in Frankreich, den Nationalitätenhader in Oesterreich und die Bedrückung unserer Landsleute in den Ostseeprovtnzen. Ist es denn schließlich eine Schande, gehaßt zu werden? Deutsche und Juden sind gewiß die bestgehaßten unter allen Völkern, aber darum noch lange nicht die schlechtesten. Gemeinsam sei beiden Stämmen die Innigkeit des Familienlebens. Die Borwürfe, daß der Jude an der Oberfläche der Dinge hafte, ätzende und zersetzende Kritik übe, keine Neigung habe zu produktiver Thätigkeit, weist der Vortragende an der Hand geschichtlichen und literarhistorischen Materials zurück. Er betont 6e> sonders, wie gerade die Juden die Schöpfungen deutscher Geistesheroen auf stch haben etnwirken lassen, wenngleich es nicht bestritten werden solle, daß Juden wie Deutsche öfter mehr als nöthig vor Fremden stch gebeugt. Weilburg Im Monat Mat d. I. begeht die hiesige Gemeinde das 50jährige Jubiläum ihrer Synagoge. In der am letzten Sonntag abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung wurde der Beschluß gefaßt, dieses Fest durch Abhaltung eines Festgottesdienstes mit Festpredigt in der zu dekorirenden Synagoge zu begehen und außerdem eine Abendunterhaltung zu veranstalten. Im Erscheinen begriffen ist, im Verlag von S. Calvary u. Cie. in Berlin, „die gegensinnigen Wörter im Alt- und Neubebräifchen," sprachvergleichend dargestellt von Dr. E. Landau, Bezirksrabbtner dahier. Bereits sind 5 Bogen dieses wissenschaftlichen Werkes im Druck erschienen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie«. (Ein interessanter Brief.) Ein angesehener Gymnasialprofeffor stellt dem „Fr. Bl." nachstehendes Schreiben, das dieser Tage von dem Vater eines seiner ehemaligen Schüler an ihn gerichtet wurde, zur Verfügung. Der beherztgenswerthe Brief, der in vielen Kreisen lebhaftes Echo erwecken dürfte, lautet mit Hinweglassnng von Nebensächlichem folgendermaßen: Hochgeehrter Herr Professor! Wie schon so oft, so komme ich auch diesmal mit eine Bitte. Sie wissen, daß mein Franzl, der acht Jahre unter Ihrer Aussicht studirte, an der Wiener Universität ist. Zwei Jahre sind um, und meine Hoffnung, daß er die erste Staatsprüfung im Herbste machen wird, ist ins Wasser gefallen. Der Junge schreibt mir, er wäre von der Prüfung zurückgetreten, weil er sich nicht genug fest fühlte. Ich vermuthe, der Grund liegt wo anders. Wie ich nämlich erfuhr, ist Franzl, der immer Vorzugsstudent war, einer deutschnationalen Verbindung beigetreten und vergeudete in derselben nicht nur die kostbare Zeit, sondern auch mein sauer erworbenes Geld. Die Briefe des Jungen wimmeln von lauter dummen Phrasen,als da sind: „Nationale Kleinarbeit", „Schutz des Volksthums", „Zerschmetterung des jüdischen GrotzcapitaleS", „Beseitigung des „NeuhebräiSmuS" u. dgl. mehr. Ich schrieb dem dummen Jungen, daß ich die letzten 150 fl-, die ich ihm schickte, mir von einem Freunde Isaak W. ausgeborgt habe, und daß dieser das Darlehen mir unverzinslich gewahrte. Und was glauben Sie, hochgeehrter Herr Professor, was mir Franzl zurückschrieb? Ich solle, schreibt er, dem Juden das Geld nicht zurückzahlen, denn das Geld der Juden gehöre ohnedies den Ariern! Was sagen Sie, hochgeehrter Herr Professor, zu dieser Moral? Ich bitte Sie inständigst, Franzl den Standpunkt klar zu machen, er hält auf Sie große Stücke, und ich hoffe, daß eS Ihnen gelingen wird, den irregeleiteten Burschen zurecht zu bringen. Der H. Natz, dem sein Vater kein Geld geschickt, ist — Rockdieb geworden und wurde zu sechs Monaten verurtheilt. Das sind die Segnungen der nationalen Erziehung, der bei uns in Oesterreich ein paar gewissenlose politische Mauldrescher das Wort reden- Der Teufel hole diese Jugendverführer. Ich bin ein echt deutscher Landwirth, verstehe es aber einfür allemal nicht, wie man heutzutage, um deutsch zu sein, nur saufen und schlemmen und über die Juden schimpfen muß. Wir deutschen Landwirthe, dies sollen die Jugendverführer sich merken, werden über kurz oder lang mit ihnen abrechnen und eine nationale Kleinarbeit besorgen, bei welcher der HaSlinger keine Nebenrolle spielen dürfte. Indem ich hoffe ic. Wie«, 31. Jan. Wie man der „Pol. Corr." aus Petersburg meldet, wird die Auswanderung russischer Juden nach Argentinien vorläufig eingestellt, da begründete Aussicht auf Besserung der Lage der russischen Juden vorhanden sei. Bisher sind auf Kosten des Baron Hirsch 3000 Personen angestedelt, was 377,000 Lstr. kostete. Czernowitz. Während des Gottesdienstes in der Synagoge zu Sadagora wollte eine Commission der Ftnanzwache eine Durchsuchung vornehmen. Es entstanden Reibereien zwischen den Juden und der Commission, welche in eine Schlägerei ausarteten. Mehre Personen wurden verhaftet. Der Gottesdienst mußte unterbrochen werden. (Die Meldung ist insofern unklar, als nicht gesagt ist, was die Juden so Schreckliches gethan, um eine solche Maßregel herauszufordern.) Rußland. Petersburg, 31. Jan. Das Kaiserpaar empfing gestern weitere 129 Deputationen, darunter von jüdischen Gemeinden aus verschiedenen Thetlen des Reiches. Kiew. Während der letzten Cholera-Epidemie dahier, hat sich das jüdische Hospital als eine wahre Wohlthat für die einheimische Bevölkerung erwiesen. Bei allen Unfällen verlangten kranke Christen spontan Aufnahme in das jüdische Hospital. Der Minister des Innern hat nunmehr angeordnet, daß dem Hospital aus den Eingängen der Koscherfleischtaxe der Betrag von 17,946 Rubel zugewiesen werde, „in Berücksichtigung seiner ausgezeichneten Leistung und der großen Dienste während der Cholera-Epidemie."