Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1895)
- Date
- 1895-02-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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187 „Auch der Verblendetste muß angestchtS solcher sich auch sonst wiederholenden Thatsachen sich sagen: Durch Verachtung des Juden hums und seiner Satzungen bannen wir den Judenhaß nicht. — Ja, der Judenhaß erklärt täglich jedem, der es Horen will, er gelte nicht dem alten redlichen Judenthum, sondern dem Reformjudenthum!" „Wohl wißen wir, daß diese Behauptung nur ein Feigenblatt ist, mit welchem der Antisemitismus seine Blößen decken möchte, aber andererseits wird jeder Unbefangene anerkennen müssen, daß solche Zeiten und Zustände die denkbar ungeeignetsten sind, um das Reformjudenthum öffentlich zu proklamiren- Wer das in unserer Zeit dennoch thut, der arbeitet dem Rischus in die Hände, der giebt ihm nach verschiedenen Seiten hin neue Nahrung. Wenn unser altes Gebetbuch wirklich Stellen enthielte, die dem Geist unserer Zeit nickt emsprechen, wie es jüdische Verleumder des Judenthums fälschlicher Weise behaupten, — wer unseren Feinden keine Waffen liefern will, dürfte diese hämische Insinuation durch Verdrängung des alten und Einführung eines neuen Gebetbuches nicht unterstützen!!" „Deshalb ist das Reformjudenthum von der Bildfläche verschwunden, seitdem der Antisemitismus das Haupt erhoben hat. Deshalb giebt es in ganz Deutschland nicht eine einzige jüdische Zeitung mehr, die sich heute noch öffentlich zum Reformjudenthum bekennt." Heute nennen sie sich feinsinnig und werden ganz furibund, wenn man von diesen Dingen spricht und sie bet ihrem richtigen Namen nennt. — WaS sonst noch von der orthodoxen Presse gegen das neue Gebetbuch in's Gefecht geführt wird, ist Herrn Vogelstein zu kleinlich, um es zu bekämpfen. Das ist jedenfalls das beste Mittel sich mit Anstand über die Blamage hinwegzusetzen, welche dieses Gebetbuch bedeutet. Die Wahrheitsliebe des Herrn Dr. Vogelstein hindert denselben trotzdem nicht einige Lufthiebe auch gegen diese Kleinigkeiten zu führen und fürstchtig zu verschweigen, daß sie sammt und sonders in der erwähnten Artikel-Serie des „Israelit" bereits parirt sind. Das alles sei ihm geschenkt. Auch der unverfrorenen Behauptung gegenüber, daß die Gegner der religiösen Reform sich hüten, die Umänderung der Stellen zu erwähnen, welche die Sehnsucht nach dem Lande unserer Verheißung und nach den Opfern zur Sprache zu bringen, braucht man nur lächelnd auf die eingehende Betonung zu verweisen, welche gerade dieses Moment bei der Besprechung des Westpbälischen Gebetbuches in diesen Blättern gefunden hat. Wer wird durch diese Escamotage bethört? Doch nur diejenigen, der freisinnigen jüdischen Gemeinden, an die sich dieser Mahnruf richtet, die das alles unbesehen für baare Münze nehmen. — Diejenigen, welche dagegen unbefangen genug sind das ihnen sabrictrte Gebetbuch an dem Maßstabe der Kritik zu messen, welche die orthodoxe Presse an diesem Elaborat geübt hat, werden das Hohle, Wahrheitswidrige dieses Mahnrufs sofort mit Fingern greifen. Den freisinnigen Gemeinden aber, an die sich dieses Gaukelspiel wendet, rufen wir zum Schlüße die eigenen Worte dieses M ahnrufers zu: „Laßt euch nicht bethören, ihr „fretsinnigenGlauvenSbrüder.denkt „an euere Kinder! Sie für das „Judenthum und seinehoheMlston „zu erwärmen und zu begeistern, „von derBahn,die sie zur Glaubens- „innigkeit und zur religiösen E r- „bauung führen soll, jeden Stein „des Anstoßes zu entfernen, ist euere „heilige Aufgabe." Ein solcher Stein des Anstoßes ist und bleibt das Machwerk des Herrn Dr. Vogel-Stein. Zettn«gS»achrichte« tust Ikorresporrdeuzeu. Deutschland. Berlin, 30. Januar. Vor einer überaus zahlreichen Zuhörerschaft behandelte am Montag Abend in einer Versammlung des Central-VereinS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Dr. Ludwig Rosenthal aus Rogafen das Thema: „Deutsche und Juden." Als den Zweck feines Vortrages bezeichnete Redner, dem anttsemitischerseits so oft aufgestellten Satz: „Der Jude ist von Hause aus vom Arier, besonders vom Deutschen ganz verschieden", leidenschaftlos mit rein wissenschaftlichen Argumenten entgegenzutreten. Dr. Rosenthal geht nun die einzelnen Punkte durch, auf die sich jene Anklage stützt. Da werde zunächst gesagt, dem Juden hafte etwas Nomadenhaftes an. Er fühle sich im Gegensatz zum Deutschen nicht an die Scholle gefesselt und dergleichen mehr. Hier müßte erst nachgewiesen werden, ob eine solche Eigenschaft überhaupt etwas Minderwerthiges bedeute. Diesen Wandertrieb zeige keine andere Nation so stark wie gerade die Deutschen. Niemandem aber fällt es ein, darin einen inferioren Zug im deutschen Nationalcharakter zu erblicken. Der Unterschied zwischen Deutschen und Juden sei nur der. daß der Deutsche freiwillig und der Jude der Noth gehorchend zum Wanderstab: greife. Unwahr sei die fernere Behauptung, daß der Jude keine Dankbarkeit kenne gegen die Scholle, die er bewohnt. Die Juden in der Türkei, die noch heute spanisch sprechen, und die Juden in Rußland, die noch heute deufsch redeten, erwiesen das Gegentheil. Weiter sai m die Gegner, daß die Juden allen Zeiten und 8j-lkern ein Gegenstand des Hasses gewesen seien. Da sei es allerdings eine merkwürdige Logik, zum Beweise hierfür die Juguifition, die Getßelbrüder, die aufgehetzten Volksmaffcn u. s. w. anzuführen, und andererseits sei es eine herbe Wahrheit, daß eS