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Der Israelit · 1895-02-04 · Heft 10 (4.2.1895) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 10 (4.2.1895)
Date
1895-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«WWMMMWW 186 steckte. Damals mochten einige flache Weltlinge sich und andere noch bereden, mit Verbannung der heiligen Sprache auunseren Gebeten, oder wenigstens durch ihre Degradirung, durch Einführung christlicher Kircheninstrumente und anderer Embleme in unseren Gottesdienst, durch diese und andere Armseligkeiten, könne man alle Schranken und Zurückseuungen beseitigen, unter welchen der Jude zu leiden hatte. Sie hielten eS ja für kein Verbrechen ihr Judenihum zu Gunsten der Judenheit stückweise zu verschachern. Für die schweren, unheilbaren Schäden, die sie durch diesen Schacher der guten Sache beibrachten, hatten sie ja kein Herz, sobald ihnen nur die Möglichkeit eines sozialen oder politischen Gewinnes in die Augen stach. Diese Ausrede fällt für Leute, die heute einsolches Attentat wagen, weg. Religiöser Leichtsinn schützt vor Antisemitismus nicht. Daß nach der Erfahrung der jüngsten Jahrzehnte ein halbwegs Unbefangener heute noch glauben sollte, durch diesen Firlefanz werde „der religiöse Sinn gehoben" — wie die stehende Phrase lautete — wird Niemand für baare Münze nehmen. Daß man durch Streichung der Gebete Andacht, durch einen Blasebalg Erbauung, durch gemischte Chöre Begeisterung erwecken könne, hat im Ernste Niemand geglaubt. Aber die leeren Synagogen müsien inzwischen auch den Glaubensstarksten belehrt und bekehrt haben. Heute bleibt für ein neues Gebetbuch gar kein Grund mehr übrig, als daß wir zu wahrhaftig, zu gebildet und zu human sind, um das alte Gebetbuch noch benützen zu können. Für unsere Eltern, die Jahrtausende hindurch selbst in den erleuchtesten Zeiten und in den Iultivirtesten Ländern noch nicht so geläutert und fortgeschritten waren, ging eS noch an. Die große Maffe der übrigen Juden aber, die noch ihre alten Gebete betet, mag sehen, wie sie sich wegen dieses Anachronismus rechtfertigt. Den reformirten westphälischen Verband-Juden „liegt es am Herzen" — wie der Verfasser ihres neuen Gebetbuches in der Vorrede sagt — „in den Gebeten keinem Wunsch, keiner Bitte Aufnahme zu gewähren, dessen Erfüllung, dessen Erhörung und Gewährung wir nicht auch ernstlich begehren. Wir wollen wahrhaft sein in allem, was wir reden, und ganz besonders, wenn wir uns betend an den Gott der Wahrheit wenden," Also wahrhaft sind wir nicht mehr, nicht einmal' dem Gotte der Wahrheit gegenüber, weil wir und so lange wir auS unserer alten Tefilla beten. Ist das in unserer judenfeindlichen Zeit nicht eine ganz unerhörte Verdächtigung, die jedem nichtjüdischen Antisemiten alle Ehre machen würde?" Als ein Beispiel wie es mit der Wahrheitsliebe der betreffenden Artikelschreiber bestellt ist, wird ein angeblich citirter Ausspruch von Dr. Joel erwähnt und dabei darauf hingewtesen, daß dieser Umstand denselben Dr. Joel nicht gehindert habe in seinem eigenen Gebetbuche ganz dieselben Bogelstein'schen Auslastungen und Veränderungen vorzunehmen. — Ich weiß nicht, um was es sich hier handelt. Im schlimmsten Falle handelt es sich aber lediglich um die Wahrheitsliebe eines einzigen Artikelschreibers und nicht um diejenige der Artikelschretber. Ich selbst habe nie einen Ausspruch von Dr. Joßl citirt, schon deshalb nicht, weil mir keiner bekannt ist. An dem Kern der Sache, um den eS sich lediglich handelt, wird keine Schönfärberei, wie sie dieser Mahnruf versucht, etwas ändern. Herr Dr. Vogelstein erkennt die Erwählung Israels angeblich an, hält aber die Erwählung Israels aus allen Völkern für Chauvinismus und somit als ein Zeichen von Selbstüberschätzung. Er hat deshalb, wie er in seinem Mahnruf mittheilt, die Worte D’&yn weggelaffen. — Ich dächte, wenn Gott uns auserwählt hat, so hat er uns nicht von Steinen oder Ftschen, sondern von den Völkern ausgewählt. Wcnn das auszusprechen chauvinistisch und deshalb unpassend ist, dann muß unsere Thora selber nach dem Stettiner Schablone umgearbettet werden. Die präcisen, klaren Worte Gottes: anm O'vpn r6nD 'b vnn oder n'öyn osn« hnom „Ihr sollt mir ein Eigenthum sein von allen Völkern" oder „Ich habe Euch gesondert von den Völkern" und viele andere können dann auch nicht länger Gnade in den Augen des Stettiner-Westphälischen Freisinns finden. Ueber diese Consequenz kommt man selbst mit der halben Dosis Wahrheitsliebe nicht hinweg, die sich hier so selbstgefällig spreizt. Unser Mahnruf findet es des weiteren frivol, wenn die Orthodoxie den Antisemitismus in die Gebetbuchfrage hineinzerrt. Bet diesem Anlaß nimmt die Entrüstung des Mahnrufers ihren stärksten Anlauf und zieht alle Register von Schimpfnamen und sonstigen freisinnigen Feinfühligkeiten auf. „Es ist eine wahre Schmach, daß man in einer Polemik über ein jüdisches Gebetbuch es wagen darf sich einen so höhnischen Satz zu leisten: „Sollten unsere Glaubensgenoffen in den westphälischen Gemeinden nichts von dem Antisemitismus erfahren habend" worauf dann unmittelbar die traurigen Vorkommniffe, deren Schauplatz Westphalen und die Rhein- Provinz gewesen ist, erwähnt werden/' Da der „Israelit" auch diesen Satz und die daran geknüpften Hinweise nicht gebracht hat, und deshalb der Zeitung zur Abfertigung überlaffen bleiben können, die dieselben zur Sprache brachte, so mag sich das, was wir auf dieses Gerede zu bemerken haben, auf das Folgende beschränken. Wenn es frivol ist, den Antisemitismus in die Gebetbuchfrage m zerren, welchen Namen erst verdient dann die Veranlaffung, welche zu dieser Hinetnzerrung so vielfache Handhabe bot; die Thatlache nämlich durch Schaffung eines neuen Gebetbuches den Antisemiten in die Hände zu arbeitend Selbst auf die Gefahr hin den Vogelstein'schen Unwillen zu steigern, mag deshalb der diesbezügliche Paffus aus dem Aufruf: „An unsere Glaubensgenossen in Westphalen^', hier folgen: „ES giebt wenige Gegenden Deutschlands, in welchen der religiöse Verfall so furchtbare Dimensionen angenommen hat, als in den meisten Gemeinden WestphalenS. ES giebt wenige Gegenden Deutschlands, in welchen der Judenhaß so ostentativ auftritt und so.schamlos seine Orgien öffentlich feiert, als^gerade in Westphalen."

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