Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1895)
- Date
- 1895-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. M 10 Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenlyum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 4 Februar 5055 (1895). Leitender Artikel. pic orthodoxe Messe und das neue westphätifche Hebetöuch. Aus Westphalen, im Januar. Unter diesem Titel hat Herr Dr. Vogelstein, Rabbiner in Stettin, soeben „Ein Mahnwort an die freisinnigen jüdisch en Gemeinden" erlassen, in welchem er über den Aerger qutttirt, den ihm die Kritik seines Gebetbuches im „Israelit" bereitet hat. Das, was andere jüdische Zeitungen gegen die westphältsche Postille geschrieben haben, ist mir nicht bekannt. Da der „Israelit" das einzige jüdische Blatt ist, das als Organ des orthodoxen Judenthums gilt und sich offen dafür erklärt, so sind diese Nörgeleien wohl in erster Reihe auf ihn gemünzt. Derselbe hat somit ein Recht und hätte, wenn diese Anzapfungen von Belang wären, vielleicht die Pflicht das, was ihm hier am Zeuge geflickt wird, ein wenig bei Licht zu betrachten.*) Zu diesem Zwecke wäre eigentlich nichts praktischer als den ganzen Mahnruf wörtlich abzudrucken, und so jedem den Etndrück der Verlegenheit und Geistesschwäche zu ermöglichen, die sich da in Ermangelung von triftigen Argumenten in Wahrheits- Widrigkeiten und Schimpfworten ergeht. Der Mahnruf macht den Eindruck, daß er wie das Gebetbuch auf Bestellung gearbeitet ist. Arbeiter und Arbeitgeber mögen stch daher in die folgenden Bemerkungen brüderlich theilen. Herr Dr. Vogelstein findet es zunächst unbegreiflich, daß man so viel Aufhebens von seinem *) Auch in der „Jüdischen Presse" hat Herr Dr. Berliner in einer Serie von Aufsätzen: „Ein Frevel am Heiligthum", das westphälische Gebetbuch und seinen Verfasser einer vernichtenden Krilik unterzogen. — Anmerkung der Redaktion. — neuen Gebetbuche macht. Es sei doch nach denselben Grundsätzen verfaßt, wie die Gebetbücher, die stch seit langen Jahren in der großen Synagoge zu Berlin und in der Hauptsynagoge zu Frankfurt a. Main im Gebrauch befinden. Was also für Berlin und Frankfurt recht ist, kann doch für Westphalen nicht gottlos und frevelhaft sein, und der geistliche Herr Mahnrufer thut ganz entrüstet und sagt von den bösen Orthodoxen, well ste diesen Unterschied nicht etnsehen wollen, in klasfischem Rabbiner-Deutsch, „daß ste ihre Zunge als einen Bogen der Lüge spannen!" Der gute Herr übersieht nun in feinem hellige» Eifer die Kleinigkeit, daß er in einem Glashause fitzt und deshalb nicht so leichtsinnig mit Steinen um stch werfen sollte. Wenn das alte Berliner und Frankfurter Gebetbuch wesentlich dasselbe ist, wie das neue westphältsche, warum hat er dies nicht seinen Auftraggebern gesagt, als ste von ihm ein neues Gebetbuch verlangten? Warum verräth uns das Herr Bogelstein erst jetzt, wo er den bösen Orthodoxen damit eins anhängen zu können glaubt, ohne in seiner Einfalt zu sehen, nie der Stein, den er auf die orthodoxe Presse fällt, auf ihn selber zurückfällt? Unbegreiflich ist, daß ein Mann, der, wie Herr Dr. Vogelstein von Wahrheitsliebe trieft, den Umstand ignorirt, daß ihm dieses Hinterpförtchen bereits von der orthodoxen Presse vollständig verrammelt ist. Die orthodoxe Presse hat in den Aufsätzen: „Die religiösen Zustände inWestphalen", welche der vorliegende Mahnruf zu widerlegen versucht, wörtlich geschrieben (Jsraeltt Nr. 69 vor. Jahrg.): Wohl wissen wir, daß dieses neue Gebetbuch nicht das erste und einzige seiner Art ist, daß andere deutsche Gemeinden seit vielen Jahren das gleiche Attentat auf das überkommene Valererbe gewagt haben. Aber wenn zwei daffelbe thun, so ist es doch nicht dasselbe. Diese Versuche fallen fast ausschließlich in die Zeit, in welcher das Reformjudenthum noch in den Kinderschuhen