Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-01-31 · Heft 9 (31.1.1895) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 9 (31.1.1895)
Date
1895-01-31
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448569--40130-2489029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

183 m schwmig ein. Zwei Grundgedanken sind eS, auf die alle feine Schriften zurückgehen, die feinem Leben und Streben die Richtung gaben, uralt ihrem Inhalt nach, faseinterend und packend für seine Genossen durch ihre harmonische Verbindung mit den Ideen der Neuzeit, durch die originelle Form, in die er sie kleidete, durch die glühende Sprache, in der er sie vortrug. Judenthum und Bildung ist eine untrennbare Einheit. Niemand ist ein wahrer Jude, der nicht auf der Höhe des Wiffens seiner Zeit steht. Keiner ist wahrhaft gebildet, dessen Bildung nicht getragen wird und ihre Krönung findet durch die Grundideen des Judenthums. Und das zweite: Die Religion begnügt fich nicht mit ein paar Regungen deines Gefühls im Laufe des Jahres, sie will dein ganzes Leben gestalten. Jeder Gedanke, den du hegst, jedes Wort, das du sprichst, jede Handlung, die du übst, soll einen religiösen Moment enthalten. Glaubst du an einen Gott, dessen Wille es ist, daß du lebst und seine Gebote erfüllst, so mußt du ihm jeden Augenblick deines Lebens weihen und du vermagst es auch, und wenn du auch in deinem ganz speziellen Berufe thättg bist, so du nur immer das letzte Ziel im Auge behältst. Diese Gedanken mußten in dem Kreise, der sie sich zu eigen machte, auch eine Umwälzung im Religionsunterricht Hervorbringen. Jetzt hieß es mit Berücksichtigung der Bildung unserer Zeit dem Willen des Kmdes eine bestimmte Richtung geben und auf diesen so einzuwtrken, daß er dem vorgeschriebenen Wege treu bleibt trotz aller Eindrücke und Einflüsse des künftigen Lebens. Diese Principien waren auch bestimmend bet der Gründung unserer Schule und in diesem Sinne haben wir sie die Religionsschule der Zukunft genannt, weil wir der Ueberzeugung sind, daß eine jede Schule, welche dem Kinde wirklich Religion beidrtngen will, von diesen Grundgedanken wird ausgehen müssen. Der Cheder der Vergangenheit wandte sich nur an den Verstand. Seine Aufgabe war es, dem Kinde ein bestimmtes Maß de8 Wissens beizubringen. Der Gedanke, das Kind könnte'in Zukunft ein irreligiöses Leben führen, war so absurd, der Jude könnte seine Abhängigkeit von Gott je vergessen, so fernliegend und bet den socialen Verhältnissen der damaligen Zeit auch so ausgeschlossen, daß eine Einwirkung nach dieser Richtung hin völlig überflüssig war. Schwieriger erscheint der Nachweis, warum die Religionsschule der Gegenwart, wir müssen sie leider noch immer die der Gegenwart nennen, warum diese nur im Stande ist, religiöse Gefühle zu erwecken, während die Art der unsrigen es unternehmen kann, den Willen der Pflegebefohlenen so zu bestimmen, daß er für das ganze Leben auf dem einmal gewählten Pfade bleibt. Wie machen wir es, wollen wir in einem Menschen einer bestimmten Lebensanschauunq die Stärke verleihen, daß sie bet allen seinen Handlungen den Ausschlag zu geben vermag? Wir müssen dafür sorgen, daß sie ihm Zeit seines Lebens als die richtige erscheint, daß er allen neuen Ideen gegenüb:r, die auf ihn eindrtngen, ihre Wahrheit verficht und vertheidigt. Sie muß aber auch die Stärke besitzen, seinen Wünschen und Bestrebungen, seinen Zielen gegenüber fich aufrecht zu erhalten, sobald diese, wie dies oft im Laufe des Lebens eintreten wird, in Widerspruch zu dieser Lebensanschauung stehen. Beides wird jedoch nur erreicht durch Fülle des Wiffens. Es find meist die besten Kinder, die edelsten Jünglinge, die reifsten Mädchen, welche mit Leidenschaft fich auf die Lettüre stürzen, die regste Empfänglichkeit für neue überraschende Ideen besitzen. Und vieles dringt heute auf den modernen Menschen ein und oft genug steht es im Gegensatz zum religiösen Empfinden. Will er seine Bildung erweitern, in den populären Büchern stößt er auf verfängliche Lehren und will er seinen Geist erfrischen, im Roman und Drama tritt ihm die Leugnung des Göttlichen entgegen und von den politischen Rednertribünen hört er die heiligen Sätze lästern. Da helfen nicht Beschlüsse geistlicher Behörden, da frommt kein Sprüch? lein mit auf den Weg gegeben und da nützt 'sticht ein Religionsunterricht, der in ein paar Stunden das Nöthigsie eintrichtert, da hilft nur daS Wissen, selbstständiges Urthetlen auf Grund genauer Kenntnisse der Litteraturwerke unseres Glaubens, tiefes Verständnis für die Bedeutung der Religion im Leben des Einzelnen, des Staates und der Menschheit. Wir haben eS erst gestern vom Propheten gehört: Nicht durch phfische Kraft und nicht durch politische Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerschaaren, der Geist wird nur bekämpft durch den Geist, das Wissen nur überwunden durch das Wissen. Und das zweite ist, daß wir die Schüler befähigen, dieser von ihnen als richtig erkannten Lebensanschauung zum Stege zu verhelfen gegenüber den Versuchungen, die an sie herantreten. Und auch dies wird nur erreicht durch Fülle des Wissens. Ueberaus viele Menschen glauben an einen Gott, an eine Vergeltung, und doch entspricht ihre Lebensführung nicht diesem Glauben. Weil eben dieser Gedanke zu flüchtig in ihnen haftet und darum vor dem starken Begehren zurücktritt. Nun, dann muß dieser Gedanke durch alle möglichen Kanäle dem Kinde zugeführt, in den mannigfachsten Formen ihm belgebracht werden, daß eine ungeheure Summe religiöser Gedanken fich im Hirne aufstapelt, damit, wenn das leidenschaftliche Begehren heranstürmt wie ein gewappneter Riese, ihm ein ganze-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.