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Der Israelit · 1895-01-31 · Heft 9 (31.1.1895) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 9 (31.1.1895)
Date
1895-01-31
Page
– (sequence 20)
Language
German
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182 Vergangenheit, Aeßer Gegenwart «nd die der Zukunft. Ist auch in den östlichen Ländern der Cheder noch fast die ausschließliche Schule, so dürfen wir doch für unser Vaterland den Cheder der Vergangenheit zuweisen, ihm jede Möglichkeit des Wiederauftauchens absprechen. Daß man in den meisten Religionsschulen Deutschlands in den letzten Jahrzehnten es sich genügen ließ, die Kinder biblische Geschichte zu lehren, ihnen ein paar Sprüche und das allgemeinste aus der Religionslehre beizubringen um im besten Falle einige wichtige Gebetstücke durchzunehmen, wer wollte daS leugnend Eine recht ästhetische Gestaltung der Entlaffungsfetcrlichkeit, ein starkes Einwtrken auf daS Gemüth sind beliebte Mittel, durch die ein Aequivalent geschaffen werden soll für das fehlende positive Wissen. Wir glauben darum in dem zweiten Bilde das charakteristische Merkmal für die Religionsschule der Gegenwart gegeben zu haben. Wie weit wir ein Recht haben, die Klaffe der ReligtonSschule, von der die erwähnte Prüfung ein Bild gtebt, die der Zukunft zu nennen, das wird fich im Laufe unserer Erörterungen ergeben. Eine jede Zeit schafft fich ihre Schulen. Der Cheder war für die alte Zeit die entsprechende und darum auch berechtigte Religionsschule. Draußen herrschte die rohe Gewalt; von tiefer wahrhafter Bildung war wenig zu spüren. Die Wissenschaft lag jn ihren Anfängen. In den Werken der hebräischen Litteratur hingegen, im Talmud, in den Commentatoren zur Bibel, in den ethischen, den astronomischen Werken derJuden war eine solche Fülle großer Gedanken niedergelegt, nicht allein über Gott, sondern auch über die Welt, daß der Jude sich erhaben dünken konnte über die Gelehrsamkeit und die Gelehrten der nichtjüdischen Umgebung. Und war einer der Poesie seines Landes kundig und entzückte ihn der Wohllaut spanischer Romanzen oder erhielt einer Nachricht von dem lyrischen Schwung eines Walther von der Bogelweide, nun, so konnte er die lyrischen Schönheiten der Psalmen und den tiefen Gehalt unserer Spruchdtchtungen, das wunderbare Idyll des Hohenliedes und die majestätische Pracht der Sprache der Propheten damit vergleichen. Außerdem dichtete doch Gabtrol noch seine Königskrone und Juda Halevi seine Lieder. Die Zeiten änderten sich. Baco von Berulam sprach das gewichtige Wort: Wissen ist Macht, und seine Zeitgenoffen setzten es um in die That. Immer gewaltiger erweiterte sich der Gesichtskreis des Menschen; eine neue Welt bot sich dem erstaunten Blick dar. Entdeckung folgte auf Entdeckung, Erfindung auf Erfindung. Immer tiefer drang der Gelehrte in die Geheimnisse der Natur, immer neue Kräfte entwanden sich den Stoffen, mit einem Wort die Wissenschaft nahm den Verlauf, der sie zum Zeitalter der Eisenbahn, der Elektricität führte. Und in der Dichtkunst strahlte der Genius Shakespeare's und Göthe's. Und die Philosophie durchmaß die stolze Bahn von Kartestus bis zu Kant und in schwindelnde Höhen baute der speculative Geist seine Systeme. Dieser neuen Welt mit ihren imposanten Errungenschaften, ihrer urgewaltigen Poesie, ihren erhabenen Ideen gegenüber stand der geistige Inhalt des Judentums, wie die unsichtbare aufgespeicherte Kraft neben einer strahlenden Bogenlampe. In dem Druck der Zeiten war den Juden der Sinn für Poesie abhanden gekommen, sie versuchten sich nicht in einem Gedankenflug, zu dem sich ein Maimonides, ein Albo aufgeschwungen. Der Talmud, eine Quelle für die verschiedenartigsten Wiffensg 'biete wurde nur nach seiner dialektischen Sette ausgebaut, oft mit mehr Scharfsinn als nothwendig behandelt. War es ein Wunder, daß das Geschlecht unter den Juden, dem sich durch die Emancipation eine neue Welt öffnete, durch das ungeahnte Licht geblendet wurde und in dieser Blindheit den Blick für den tiefen geistigen Gehalt der Wissenschaften des Judenthums verlor? Der große Moment fand ein kleines Geschlecht. Rathlos und überrascht stand man vor der vermeintlich unüberbrückbaren Kluft zwischen Judenthum und Wissenschaft. Unfähig, Selbstständiges zu gestalten, holte man sich seine Normen von außen, Propste man fremde Reiser auf den uralten Baum unserer Religion. Gefühl ist alles, das war das Schlagwort der Führer dieser Zeit, das beherrschte die Neugestaltung der Institutionen, das wurde auch maßgebend für die Religionsschule. Die Mitglieder der Gemeinden hatten meist ein gesetzstreues Leben verlassen, ließen sich nur zu den hohen Festtagen in der Synagoge sehen, räumten der Religion nur ein sehr geringes Zeitmaß in ihren Beschäftigungen ein; die Führer unternahmen es, für die Kinder dieser Gemeinden einen Religionsunterricht etnzurichten, der sich ebenfalls aus ein paar Stunden beschränken ließ. Das Gefühl ist doch schließlich nur ein Theil des Seelenlebens und es giebt allerhand Gefühle, intellektuelle und ästhetische, da müssen die religiösen fich schon beschränken, fich bescheiden. Diese Anschauung ist niemand fremd; gar häufig hat man Gelegenheit zu hören, wie alles, alles für unsere Kruder von Wichtigkeit ist, nur nicht der Religionsunterricht, wie diese Stunde immer daran glauben muß, wenn es gilt, Zeit zu gewinnen und sei es auch — für die Tanzstunde. So standen die Dinge allgemein in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Da trat durch die geniale Wirksamkeit Samson Raphael Hirschs in einem Theil der deutschen Judenheit ein Um-

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