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Der Israelit · 1895-01-31 · Heft 9 (31.1.1895) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 9 (31.1.1895)
Date
1895-01-31
Page
– (sequence 19)
Language
German
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SBer Israelit. Central-Organ für das orthodoxe Judcnthum. Al'ätter für die israet. Schule. »». Jan. L8»».I 19tt. 2. Inhalt: Die Eutwickelung dcs ehemaligen Eheder zur modernen R.ligionSschule. Von Dr. Joseph Wohlgemuth. — Aus Stadt und Land. A'nSberg. Die Entwickelung des ehemaligen Cheder zur modernen orthodoxen Rcligionsschnlc? Von Dr. Joseph Wohlgemuth (Berlin). Wir alle haben sicherlich schon einmal etwas von dem Cheder gehört. Ein höchst primitiv ausgestatteter Raum, der sich nicht durch allzugroße Sauberkeit auszeichnet. Um den Lehrer, dessen einziges pädagogisches Hilfsmittel in der Regel der Stock ist, sind eine Schaar von Kindern versammelt. In zweifelhaftem Deutsch werdn Pentateuch oder andere Bücher der Bibel übersetzt. Die älteren Knaben und Jünglinge bilden im Beth-ha-Midrasch, im Lehrhaus einen Kreis um den Rabbiner. In reger Debatte wird eine Stelle des Talmud erörtert; eine Frage wird angeregt, sofort bemächtigt sich eine Anzahl dieser Schüler der Frage, ein Lärmmund Schreien erhebt sich, daß man oft das eigene Wort nicht versteht, aber nach mehreren Stunden heißen Kampfes verlaffen fast alle befriedigt den Raum in sichtbarer Ermattung nach der geistigen Anstrengung. Ein zweites Bild: Eine wunderbar ausgestattete Synagoge. Mächtig erbrausen die Chorgesänge durch den weiten Raum, tief ergriffen lauscht die versammelte Menge den verhallenden Tönen. Auf der Kanzel der Prediger, vor ihm eine Schaar festlich gekleideter Mädchen. Sie sollen konfirmirt werden. In ergreifenden Worten führt er ihnen die Bedeutung des jüdischen Volkes, die Heiligkeit der jüdischen Religion, die Aufgaben des jüdischen Weibes vor, legt ihnen ans Herz, die Gedanken zu bethätigen, die er ihnen ein ganzes Jahr hindurch während des Konfirmattonsunterrichtcs einge- *) Festrede zur Feier des 25jährigen Bestehens der Religionsschule der Adah-Jisroel-Gemeinde. prägt. Und die Mädchen treten dann vor und sagen, eine jede ihren Spruch, der ihnen auf den Weg gegeben wird für ihr Leben. Das dritte Bild: Eine öffentliche Prüfung. Knaben, die vormittags den Homer und den Cicero im Gymnasium übersetzten, führen klar und verständnisvoll ein talmudtsches Thema aus. Seltsam, aber anmuthig hört cs sich an, wie die alterthümlichen gelehrten Fragen in ein hochdeutsches Gewand gekleidet werden. Die aramäische Sprache und der unpunktirte Text ist den Schülern ein vertrautes Feld. Und am folgenden Sonntag da werden fünf Stunden hindurch vierzehn verschiedene Klassen vorgeführt und da sieht man, wie die Kinder auch die hebräischen Laute verstehen, die sie beten, man sieht, daß sie mit voller Klarheit eingedrungen sind in die Stellen des Pentateuch, die sie übersetzen. Da werden die Worte grammatisch analystrt und der sinnvolle Aufbau der Sätze dargelegt und der tiefe Inhalt aus den verborgenen Andeutungen hervorgeholt. Und hier wird die Weisheit Salomos in der uralten Sprache lebendig und dort der Schöpfungspsalm in all seinen poetischen Schönheiten zergliedert. Und diese Mädchen erzählen von den rituellen Bestimmungen des Aussalzens und andere führen die gemüthvolle Tiefe eines jüdischen Sabbatabends vor Augen und jetzt geben sechsjährige Knaben eine Probe des fehlerlosen hebräischen Lesens, dann versuchen die erwachsenen Mädchen das göttliche Wesen, sein Dasein und seine Eigenschaften zu schildern. Drei Epochen sind es, die uns in den drei Bildern vor Augen treten. Die Religionsschule der

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