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Der Israelit · 1895-01-31 · Heft 9 (31.1.1895) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 9 (31.1.1895)
Date
1895-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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162 spricht. Die dortige Stelle spricht aber von Thieren und läßt gar keine andere Deutung als eine figürliche zu. — Israel ist dort unter dem Bilde der Lämmerheerde Gottes gedacht, dem Wild des Feldes und des Waldes preisgegeben. Die Wächter- Hunde, die sonst die Heerde gegen Raubthiere schützen sollten, find harten, unersättlichen Sinnes und lassen die Schafe ihre unersättliche Härte fühlen. Dieses schwere Loos, das über dem jüdischen Volke in den Zeiten Rabbi Ehanina den Dosas sich fast zur Unerträglichkeit gestaltet hatte, veranlaßte seinen Schüler sich Speise und Trank zu versagen und Gott um Aufklärung zu bitten. Aber nicht dieses thränenreiche Loos an und für sich war dem Weisen Gegenstand seiner Frage. Wohl mochte der unmenschliche Druck, den hündische Härte die Lämmerheerde Israels fühlen ließ, den Weisen nach Mittel Und Wegen haben suchen lassen, um das Geschick seines Volkes zu mildern. Aber dieser Druck an und für sich war ja längst durch Gott und seine Propheten den Bedrückten voraus verkündet worden. Israel hatte vielleicht, hatten sicher schon schwerere Zeiten erlebt. Es war ja unter einer Verfolgung und Vergewaltigung sondergleichen zu einem Volke herangewachsen. Diese Unbill und dieser fortgesetzte heiße Kampf ums Dasein in des Wortes schmerzlichster Bedeutung war nichts neues. Was den späteren Judenverfolgungen im Vergleich zu denen des heidnischen Alterthums einen so gehässigen, unversöhnlichen Charakter verlieh war der Umstand, daß sie aä masorem vsi gloriam unternommen wurden, daß die rohe unersättliche Habsucht der blut- und beutegierigen Verfolger sich und andere beredete, sie übe mit dieser an den Juden verübten Brutalität ein gottgefälliges Werk. So lange man die habsüchtige Verfolgungssucht und Mordlust ungeschminkt als das bezetchnete, was sie war, so lange war von der fortschreitenden Gesittung und Vervollkommnung der Völker mir der Z it eine Wendung zum Besseren zu erhoffen. Wenn man aber die Aechtung und Verfolgung wehrloser Menschen als von Gott befohlene, religiöse Pflicht ausgibt und sie in Folge einer heillosen Begriffsverwirrung vielleicht wirklich dafür ansieht, dann mag der Genius der Menschheit sein Haupt verhüllen, und mit dem angeführten Weisen fragen, welchen Beitrag leisten wohl solche Menschen in ihrer v?rthierten Unmenschlichkeit zu der Symphonie des Lebens, an welcher sonst alle Wesen von dem ütz ten Staubatom im tiefsten Erdeschacht bis zu den höchsten Himmelskörpern am Firmament harmonisch Mitwirken? Die Wuthausbrüche der Verfolger solcher Wehrlosigkeit und der Angstruf ihrer Opfer erscheinen als die einzigen, schrillen Mißtöne in der Harmonie, in welcher alle zur Verkündung des Gottespreises sich zusammenfinden. Sie mißbrauchen und entweihen den Namen Gottes, indem sie sich als dessen Herolde geriren.') Nicht, daß diese Vergewaltigung auf Erden cxistlrt, auch nicht, daß sie sich gegen sein Volk wendet, sondern mit welchem Recht sich diese Unmenfchlichkeit die Würde anmaßt, im Namen Gottes ihre Verbrechen zu üben, und in der Welthymne, mit der das Universum seinem Schöpfer huldigt, ebenfalls seine Stelle und Rolle zu beanspruchen, das ist die Frage, welcher dem jüdischen Weisen den Genuß des Lebens meiden ließ, um für dieses Lebensräthsel die Lösung zu suchen. Wer trotz des Hinweises auf den Propheten JesajaS, die Bezeichnung dieser Unmenschltchkeit als Charakterifttkon der Hunde zu hart finden sollte, der sei auf folgende Stelle in Gabriel Rtessers Schriften verwiesen. Derselbe bemerkt zu den harten Ausdrücken, mit welchen er die Niederträchtigkeit des judenfeindlichen Treibens charakterifirt: „Der gütige Leser entschuldige die häufige Wiederkehr derselben Ausdrücke, gegen die ich an dieser Stelle vergeblich angekämpft: wohl aus dem natürlichen Grunde, weil eine honette Sprache, wie die Deutsche, nur wenige Ausdrücke hat, um das Schlechteste zu bezeichnen. Nach angemessenem Metaphem aber habe ich mich in der weiten Natur vergebens umgesehen. So hatte ich z. B. einmal den Ausdrück „hündisch" niedergeschrieben, habe mich aber veranlaßt gesehen, ihn zu streichen, weilichüberzeugt bin, daß damit demGes,chlecht derHunde großes Unrecht geschähe; da es etwas ganz unerhörtes ist daß 20 Hunde mit einem Mal über einen herfallen." (Richers Ges. Schriften Bd. II, S. 78.) Die Frage, warum Gott diesen Mißbrauch seines Namens zuläßt, warum er dte Huldigung entgegen zu nehmen scheint, die ihm von solchen blutbefleckten Händen entgegen gebracht wird, das ist der Kern der Frage:?rrw ivid rar — Wir begegnen dieser Frage in der That bereits in 1) pnuv w dvh 72 Tom "i dm rararv vtoo (Jesajas Cap. 52, V. 5). „Seine Beherrscher sprachen mit heuchlerisch klagender Gebärde: eS ist ja Gottes Spruch! Wir vollbringen nur das Gottesverhängniß! Gott will es ja. daß das jüdische Volk gedrückt und geplagt werde! und Gottes heiliger Name wird zur B schönigung des Unmenschlichen mißbraucht * (Hirsch's Jeschurun Bd. IX, S. 432). — Aehnlich Hirsch's Psalmen zu ty? U’JDIW HZnn U".1 U’nU'ZJD1? „Zur Schmach sind wir unfern Anwohnern geworden, Hohn und Ueberhebung unseren Uumgebungen." Wir wurden ihnen zu und D7p, unserer spotteten sie und sich erhoben sie, ja unsere Erniedrigung war ihnen der Grund der Selbstüberhebung. Der Judenspott gehörte zum Völkerruhm.' — Die Schaffung und Mehrung dieses Ruhmes ist ihre rn'ttf. —

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