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Der Israelit · 1895-01-27 · Heft 8 (27.1.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 8 (27.1.1895)
Date
1895-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI. Jahrgang. Beilage ju J\s 8 des „Israelit". Leitender Artikel. Ptolmonfots als medWlslye Aalorllät. Von Dr. I. Münz (Fortsetzung.) Noch gegen eine andere irregeleitete Geistesrichtung mußte unser Arzt polemtstrend auftreten. Unter den Anhängern der Geheimlehre, der sogenannten Kabbala, herrschte die Meinung, daß man durch eine Art von Wunderkuren Krankheiten und Gebrechen zu heilen vermöge. Zumal glaubte man in den Amuleten (Kameoth), die in verschiedener Form angefertigt und getragen wurden, ein Schutzmittel gegen allerlei Krankheiten und böse Vorkommniffe zu besitzen. „Laß dich nicht, mein Sohn" — sagt Maimonides einmal in seinem philosophischen Werke More Nebuchim — „laß dich nicht von dem Unsinne der Amuletenschretber, von dem, was du von ihnen hörst oder in ihren Schriften findest, irreführen. Die Schemoth (die göttlichen Namen, die ste aus verschiedenen Buchstaben zusammensctzen), haben offenbar nicht die geringste Bedeutung. Freilich sind sie (die Mystiker) von dem Wahne befangen, daß bei ihrer Ntederschreibung eine besondere Reinigung und Heiligung von Nöthen sei und daß man auch durch dieselben Wunderthaten bewirken könne. Ein vernünftiger, gebildeter Mensch sollte aber solche Albernheiten gar nicht anhören, geschweige denn ihnen Glauben schenken. *) Ebenso waren unserm Arzte die sogenannten sympathischen Heilmittel zuwider, die nicht auf Erfahrung als vielmehr auf Einbildung beruhen. Er spricht ihnen jegliche Bedeutung ab und verweist ste in das Reich des Aberglaubens.^) Diejenigen, sagt er, die behufs Heilung einer Wunde geheime Gcbetformeln flüstern und Stellen aus der h. Schrift citiren, oder eine Thorarolle und Tefilltn auf ein Kind legen, damit es besser schlafe, kommen den Zauberern und Todtenbeschwörern gleich und gehören zu denen, die die Thora verleugnen; denn ste machen aus der Thora ein Heil- 1) More I, 61 u. 32. Wie an vielen andern Stellen, so erhebt M. auch hier gegen die Mißbrauche, die von manchen Seiten mit der Kabbala getrieben wurde, scharfen Protest; auf das eigentliche Wesen, auf die Bedeutung der Amulete, (Kameoth, die auch im talmudischen Schriftthum erwähnt werden) geht er hier nicht ein. Es ist beachtenSwerth, daß unser Weise in seiner Mischne-Thora die Gesetzesvorschrtft bezüglich der Amulete citirt und das Tragen derselben am Sabbat erlaubt. (Sabbat 19, 13 und 14.) Ganz in dem Sinne MaimuniS äußert sich der Dichterphilosoph Juda ha Levi in seinem Kusari 4, 23. 2) Zu Pesachim 4, S. mittel für den Körper und ste soll ja nur ein Heilmittel für die Seele sein. Nur in gefährlichen Krankheitsfällen sei es allenfalls gestattet, eine Ausnahme von der Regel zn machen und derartiger sympathetischer Mittel stch zu bedienen. Wenn Jemand von einer Schlange oder einem andern giftigen Thiere gebissen wurde, so ist eS selbst am Sabbat erlaubt, in magischer Weise eine Heilformel zu flüstern, um den Kranken zu beschwichtigen; obgleich der ganze Vorgang gar keinen wirklichen Nutzen hat, so ist er doch zulässig, damit, wie Maimuni sich ausdrückt, der Sinn des Kranken nicht zerrüttet werde."3 4) Nicht minder ist einem Gesunden erlaubt, heilige Stellen und Psalmen zu r(citiren in der frommen Absicht, daß diese verdienstvolle Lektüre ihn vor Unglück und Mißgeschick bewahren werde. — So sehen wir, wie unser Arzt gegen die Vorurtheile und Jrrthümer zu Felde zog, die ihm auf dem Gebiete der Heilkunde da und dort entgegentraten. Maimonides ließ es aber nicht bei seinen Theorien bewende«; er griff auch ins praktische Leben thalkräftig ein. Nicht lange nach seiner Ankunft in Egypten (1168) hatte unser Weise durch wiederholte Unglücksfälle und endlich durch den Schiffbruch seines Bruders sein ganzes Vermögen eingebüßt. Er war mit einem Male aller Existenzmittel beraubt und stand, wie er selber klagt, arm und verlassen in einem fremden Lande da. Bei seinem lautern und selbstlosen Charakter hütete er stch aber von seiner Gelehrsamkeit irgend welchen materiellen Nutzen zu ziehen. Er betrachtete es für jedermann als eine Pflicht neben dem Studium auch eine für die bürgerliche Gesellschaft nützliche Thätigkeit zum Ausgangspunkt seines Lebensberufes zu wählen. Nur müsse man, meinte er, stets den Gedanken stch gegenwärtig halten, daß die erworbenen weltlichen Güter nicht zur Erreichung irdischer Zwecke, sondern zur Förderung höherer, edlerer Ziele dienen sollen.^) Maimuni übte daher feit 3) Mische Thora, Akum 11, 11 u. 12. Bergl. auch Jore Dea 179, 8, Hirsch ChajeS, Tifereth l' Moscheh S. 13 und D. Joels Abhandlung: Der Aberglaube und die Stellung des Judenthums zu demselben, Heft I, S. 102. Diese scharfe Verurtheilung Maimuni's aller nicht rationeller Heilmittel blieb aber nicht unangefochten. Der berühmte Rabbiner in Barcelona Salamo ben Adereth (1235—1310) und viele andere bedeutende Männer nahmen die sympathetischen Heilmittel in Schutz. Vielleicht findet sich, fügt Adereth hinzu, in den sympathetischen Euren, von deren Erfolg man stch öfters überzeugt, ein innerer, unsl nicht bekannter natürlicher Zusammenhang mit der Krankheit. (Rechtsgutachten I, 415 und ChajeS im Darche Moscheh S. 8, vergl. auch Rosin a. a. O. S. 125, Anm. 6. 4) Deot 3, 2 und More in, 8.

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