Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1895)
- Date
- 1895-01-24
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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143 fretmüthig gegenseitig über Dinge äußerten, über die man sonst nur nach längerer Bekanntschaft discutirt. Gleich der erste Punkt unserer Discussion, wendete sich einem Gegenstände zu. in dem die Anschauung der deutschen und russischen Jehudim sich so charakteristisch scharf unterscheidet, daß ich glaube, eine Vergleichung und Ausgleichung der Ansichten müßte von sehr wesentlichem, beiderseitigen Nutze» sein. — Natürlich bin tch geneigt, meine von zu Hause mttgebrachte Ansicht für die rechte zu halten; auch jetzt noch, nachdem ich die Argumente meines Gegners gehört habe. Meinen Gegner habe ich wohl trotzdem nicht überzeugt. Aber um das klarzustellen, dazu muß ich ein neues Tagbuchblatt nehmen. (Fortsetzung folgt.) Srh lek. (Sine gastronomisch - philologische Skizze von! F. B a ch m a u it. Wessen Augen leuchten wohl nicht verklärt, wenn er „Schalet" erblickt2 Wem tönt es nicht wie Harmonie der Himmelssphären ans Ohr. wenn von dieser Lieblingsspeise gesprochen wird? Wem schlagen die Pulse nicht höher, welches jüdische Herz geräth nicht in fieberhafte Erregung, welcher Schabbos huldigende Magen wird nicht mindestens in eine gelinde Aufregung versetzt, wenn von dem jüdischen Nationalgerichte die Rede ist? Das wohlige Gefühl der Sabbatruhe überkömmt schon jedes jüdische Gemüth, und die gehobene Stimmung, die besonders am Schabbostische zu herrschen pstegt, zieht unbewußt in jede empfängliche Brust ein, wenn „Schalet" nur erwähnt wird. Wer dürfte es aber wagen, die hehren Empfindungen und Gefühlsregungen zu beschreiben, die ein gefühlvolles jüdisches Herz beseelen, wenn ihm die balsamischen Düfte des vielgepriesenen Gerichtes vom Schaletofen her entgegenwehen2 Die Sprache ringt vergeblich nach Ausdrücken, dieses Hochgefühl in Worte zu kleiden. Um ein derartiges Gefühl in seinem ganzen Umfange und seiner ganzen Tiefe zu bezeichnen, gkbt es eben nur ein Wort: Schalet! Sind nun auch die Empfindungen und Gefühle, die „Schalet" hervorruft, in allen menschlich fühlenden Individuen von gleicher Art, stimmen die Meinungen aller Kenner über den Werth und die Bedeutung des Schalet überein, so weichen die Ansichten über die Abstammung des Wortes Schalet sehr weit von einander ab. Da ist vor allen eine doppelte Lesart zu konstatieren: Schalet und Schalent. Unter Schalent — wohl vom Worte Schalen abgeleitet — versteht man eine warmgestellte Suppe aus Hülsenfrüchten, die Schalen haben, gewöhnlich im Verein mit einer Mehlspeise. Schalet bezeichnet mehr die warmgehaltene Mehlspeise. Jedenfalls ist das Wort Schalent nur eine Nebenform von Schalet, dessen etymologisch-philologische Bedeutung in Folgendem erörtert werden soll. Es existieren Stimmen, die „Schalet" vom lateinischen ealiäirn d. h. warm, heiß, ableiten wollen und somit den Schalet zu einem „klassischen" Gerichte stempeln. Kenner des Altsranzösischen, in welchem die Abstammung vom Lateinischen und die Aehnlichkeit mit demselben schärfer hervortritt als im Neufranzösischen, reklamieren den Schalet für sich. In der That klingt unser Schalet sehr ans altfranzöstsche edalsä an, aus welchem Worte — durch die häufig vorkommende Umwandlung eines 1 in ein u, wie z. B. ä le au; mal ~ maux: cheval — chevaux: Mou ----- Kohl: zc. — das neufranzöstsche chaad entstanden ist. So hat auch im Französischen das Wort chaux (--- Kalk), das feine Aehnlichkeit mit dem deutschen Kalk nicht verleugnen kann, was bei zwei Abkömmlingen derselben Grundsprache sehr natürlich ist, das ursprüngliche 1 in ein u verwandelt und ist gewissermaßen synonym mit obauä, insofern eS stark Erwärmtes, heißes (— gebrannte Steine) bezeichnet. Unverwandelt hingegen blieb im Neufranzöstschen die Substantivform vttalvar (= Wärme, Hitze), die auch für unser Ohr große Aehnlichkeit mit Schalet besitzt. Eine andere etymologische Erklärung des Schalet illustriert weniger die realen Eigenschaften, als vielmehr die ideale Seite dieses kulinarischen Kunstwerks. Nach derselben heißt es auch, genau genommen, nicht Schalet, sondern Schallt, v'bv d. h. Herrscher, eine verkürzte Form von pv!>v-Sultan, und bezeichnet also den Schalet als unumschränkten, einflußreichsten Beherrscher des Tages, der eben als ts'bv schaltet. Es ist nun zwar anzunehmen, daß man dem vielgerühmten und vielbesungenen Schabbosgertchte diesen Ehrentitel zuerkannt, und daß die Ehrenbezeichnung in allen jüdischen Kreisen Eingang gefunden hat. Aber dieser Ansicht steht das nicht zu unterschätzende Bedenken entgegen, daß brettern Volksschichten allgemein bekannte Dinge gewöhnlich