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Der Israelit · 1895-01-24 · Heft 7 (24.1.1895) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 7 (24.1.1895)
Date
1895-01-24
Page
– (sequence 22)
Language
German
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142 niedergelassen. Für den Darsteller einer Geschichte der zeitgenössischen Judenheit muß cs zu den interessantesten Piccen zählen, den Einfluß, die Beziehungen, die wechselseitigen Wirkungen festzustellen, die so vielfach zwischen den russischen Eingewanderten und den deutschen Eingesessenen sich geltend machen. Eine solche Geschichte müßte aber mindestens zwei Verfasser haben, einen Russen, der alles aufzeichnet, was ihm an den deutschen Glaubensgenoffen ungewohnt und fremdartig erscheint und einen Deutschen, der dasjenige niederschreibt, was ihm an uns ungewöhnlich und auffallend vorkommt. Aus der Zusammenstellung. Vergleichung und Nutzanwendung dieser beiderseitigen Wahrnehmungen müßte sich manches Ersprießliche ergeben. Es sei mir gestattet aus meinen vielen hicrhergehörigen Beobachtungen nur beispielshalber eine einzige hier folgen zu lassen. In Frankfurt a. M. traf ich den oder vielmehr sämmtliche Rabbiner nicht zu Hause. Sie waren in der Sommerfrische, im Bade, kurz zur Erholung verreist. In Frankfurt haben die verschiedenen Parteien innerhalb und außerhalb der offiziellen, jüdischen Gemeinden ihre Vertreter unter den Rabbinern, die von der strengsten Orthodoxie bis zur laxesten Reform dort vorhanden sind. Sie unterscheiden sich in ihrer religiösen Richtung und ihrer praktischen Führung — wie man mir erzählte — oft wie Tag und Nacht, wie Ja und Nein von einander. Aber in dem einen Punkte sind sie alle gleich. Sie sind verreist. Ich komme nach Darmstadt, die Rabbiner sind verreist, in Karlsruhe verreist, der Rabbiner von Basel ist verreist, die Rabbiner von Baden und Zürich sind ebenfalls verreist. Ich kenne keinen einzigen dieser Herren, aber cs liegt in der Naiur der Sache, daß Leute in meiner Lage sich zunächst an die Rabbiner wenden, wenn sie eine fremde Gemeinde betreten. Sind sie alle krank, sind sie erholungsbedürftig, weil ihr Amt besonders schwer auf ihnen lastet? Ich weiß cs nicht. Mir war diese Erscheinung sehr fremd. Bei uns in Rußland haben die Rabbiner, das heißt die wirklichen, von den Gemeinden als solche gewählten, nicht die vom Staate den Gemeinden okttoycten Parade- und Luxus Rabbiner, — deren offizieller Titel: Krons-Rabbiner lautet — wirklich ein schweres Amt. Das Aufreibende ihres Tage und Nächte umspannenden Berufs nöthigt auch cinen gewissen Prozentsatz von ihnen, sich alljährlich einige Wochen der Erholung zu gönnen. Aber so allgemein wie hierzulande ist das Bedürfniß nicht, und daß man Strecken durchreisen könnte wie von Frankfurt nach Zürich ohne einen einzigen Rabbiner zu Hause zu treffen, das wäre bet uns nicht denkbar. Kommt es aber auch bei urs vor, daß Rabbinen zur Stärkung der Gesundheit ihre Gemeinde auf einige Zeit verlassen, so sind doch More Haroo, Dajanim, Maggidim und sonstige Funktionäre da, welche den Rabbiner vertreten. Aber in Deutschland und in der Schweiz habe ich Gemeinden gefunden, in welchen die Thora, die Haroo, die Beaufsichtigung des Kaschrus und der Gemeinde-Institutionen, oft auch die Armenpflege ausschließlich und allein dem Rabbiner überantwortet sind. Er geht fort und läßt keinen Vertreter für alle diese Funktionen zurück. Wie sich das mit der religiösen Gewissenhaftigkeit, ja auch nur mit der Selbstachtung und der Standesehre des Rabbinerstandes vereinigen läßt, ist mir nicht bekannt.*) Wenn man die Dinge mit dem geraden, unbestechlichen Blicke mißt, den wir von zu Hause mitbrtngen, so scheint hier eine Pflichtverletzung vorzuliegen, dir sich an dem deutschen Rabbinerstand selber zu allererst rächen muß. — Daß die Achtung vor dem Rabbinenstande hierzulande eine viel geringere ist als bei uns, liegt allerdings zunächst in der geringeren Achtung, welche der Thora entgegengebracht wird. Aber vielleicht tragen die Rabbtnen in Deutschland und in der Schweiz selbst einen großen Theil der Verantwortung an dem rapiden Sinken der irvnn ‘ras, der Ehre, welche unserer Thora gebührt. Wie soll man von der Wirksamkeit eines Rabbiners eine hohe Meinung haben, wenn er selber sie a/la des Jahres aussetzen kann, ohne durch einen Stellvertreter Ersatz für seine Thätigkeit als Lehrer, als Kontrolleur des nnico, und als Jnspicient der verschiedenen Gemeinde-Institutionen beschafft zu haben? Doch davon wollte ich gar nicht sprechen; vielleicht ist auch mein Urtheil beeinflußt durch die Enttäuschung, daß ich von Frankfurt bis Zürich keinen der Herren Rabbiner zu Hause finden konnte. Ich mußte dieses Umstandes nur erwähnen, weil er die Veranlassung des Folgenden ist. Dadurch, daß ich in Frankfurt a. M. keinen der Herren Rabbiner sprechen konnte, mußte ich Jemand anders für mich zu interesstren suchen. Bet der Durchmusterung aller derjenigen, an die ich mich deshalb wenden könnte, machte ich die Wahrnehmung, eine wie große Anzahl junger Leute sich dort befindet, die durch aufrichtige Frömmigkeit, Thorakunde, feine Bildung und geschäftliche Befähigung wirklich einen seltenen Kiddusch Haschem in unserer Zeit bedeuten. Ich wagte mich an einen derselben heran und fand in seinen Augen Gunst. Er hörte die Schilderung meiner drückenden Lage theilnehmend an, er versprach mir seine Verwendung und hat sein Versprechen auch gehalten. Wir wurden im Laufe weniger Tage näher bekannt, so daß wir uns *) Der Herr Verfasser scheint sich nicht gut informirt zu haben. Die Herren Rabbiner, die auch in Deutschland einer Erholung meistens-dringend bedürfen, sorgen gewiß stets für eine passende Vertretung. Red.

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