Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1895)
- Date
- 1895-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Gelinge ju M 7 des „Asraelit". Leitende Artikel. Ms dem jüdischen Leöen Londons. London, im Tebeth. Anläßlich der jüngsten Wethnachtstage konnte man hier in gewiffen, sich orthodox nennenden, jüdischen Kreisen ein reges Leben gewahren; welcher Art dasselbe, ist aus der Frage zu erkennen, die ein Mädchen an seine Mutter stellte: „ob die Christen auch Weihnachten hätten." Vermuihlich hat aber die Fragestellerin, wie Hunderte ihrer Gefährtinnen von unserem Chanukahseste noch nie gehört. In richtiger Crkenntniß dieser traurigen Zustände bemühen sich die Synagogen Vorsteher im Verein mit ihrer ergebenen Geistlichkeit den unwissenden kleinen und großen Gemeindeangehörigen jüdisches Wissen und jüdische Religion nach ihrer Weise beizubringen. Zu diesem Behufe veranstalteten dieselben eine sogenannte Chanukafeier, wobei die Orgel und in einigen Synagogen auch Damengesang eine wichtige Rolle spielten. Der Effekt soll großartig gewesen sein, so daß der Wunsch immer lauter wird, die Orgel ständig in die Synagoge einzuführen. Das ist also die Art und Weise, wie hier Religion und Gottesfurcht eingeprägt wird, und kann cs daher nicht Wunder nehmen, daß die unschuldigen Kinder Fragen wie die obige stellen. Unser Heiligthum steht übrigens n"a auch hier nicht verwaist und findet seine thatkräftiqen Hüter und Beschützer im Kreise der Machsike Hadass; in ihrem »"non n’D in Booth Street sind Alt und Jung stets in ernstem Studium vereint und hat diese junge Vereinigung bereits einen offn ffrrp bewirkt, der in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Das HandeUministerium (Board of Trade) brachte s. Z. in seinem Berichte: „Die Einwanderung von Ausländer" betreffend folgenden Passus: „In unmittelbarer Nähe der Booth Street Buildings in Whitechapel befindet sich eine Chevra; dieselbe bildet den Vereinigungspunkt (resort) der russischen und polnischen Juden und ist, ungleich der meisten anderen Chevras, tagtäglich offen. — In der stillen Zeit, wenn die Schneider wenig beschäftigt sind, findet man diese Chevra von den ärmsten eingewanderten Juden überfüllt, eifrig beschäftigt in der Discussion des Talmud, welcher von Einem aus ihrer Mitte von dem im Centrum stehenden Katheder herab vorgetragen und erklärt wird. Diese doppelte Seite im Leben des Israeliten, indem derselbe eine Hälfte seiner Gedanken auf materielle Vortheile eoneentrirt und die andere Hälfte auf seinen Stamm, seine Geschichte und Literatur, muß verstanden sein, um auch nur annähernd die Position zu erkennen, die er in der industriellen Welt etnnimmt; er ist dadurch befähigt, sich von feiner drückenden Lage zu erholen und sein Jntereffe an einem Leben unter Umständen und Verhältnissen rege zu erhalten, welches für einen englischen Arbeiter unerträglich wäre." „Das seit viele Generationen fortwährend unterhaltene gewissenhafte Studium (Lernen) ist, nach den größten Autorithäten in dieser Frage, das Instrument, welches die Geisteskräfte derart verschärft, daß sie den Träger derselben zu einem so großen, befähigten Concurrenten in der Industrie zu erheben vermag. Der geübte englische Arbeiter findet häufig in feiner Trade Union (Arbeiter - Bereinigung) mit seinem Ideal für die Verbesserung des Arbeiterstandes seine Befriedigung zum großen Theil für seine socialen, als auch sogar für seine religiösen Triebe; der ausländische Jude hingegen hält seine beiden Lebenswege mehr getrennt. In der Industrie ist derselbe ein rein ökonomischer Mitbewerber, während sein geselliger Sinn sich eher zuNational- Patriottsmus als zu Gewerbe-Organisationen hinneigt." — Es ist nun höchst bezeichnend, daß s. Z. ein bekannter russischer Rabbiner dem Vorgehen der Machsike Hadas hierselbst aus zwei Gründen, feine Billigung nicht geben zu können vermeinte. Der erste Grund weil, wie ihm von hier versichert worden, noch in keiner Gemeinde-Synagoge die Orgel in Gebrauch gekommen sei und der zweite Grund, daß, wie man demselben gleichfalls zu verstehen gegeben, die Gefahr nahe läge, daß die englische Regierung das Vorgehen der 'n 'd als eine Auflehnung der russischen Juden gegen die bestehende Gemeinde auffaffen und die Ersteren austreiben und gletchzeittg deren weitern Einwanderung verhindern werde. Nunmehr kann sich der betreffende Rabbiner aus den öffentlichen Berichten der hiesigen Zeitungen überzeugen, daß nicht allein die Orgel in den hiesigen Gemeinde-Synagogen in Gebrauch gekommen, sondern, daß in einigen derselben auch Damen, in einem Falle sogar die Frau des angeftellten Predigers, im Chor mitgewirkt, welches doch schon als eine fortgeschrittene radikale Reform betrachtet werden muß. Mit dem oben angeführten Ministerialbertcht erhält nun der zweite Punkt sogar von Seiten der hiesigen Regierung eine entschiedene Ab- und Zurechtweisung. Wer übrigens mit den einschlägigen Verhältnissen auch nur einiger-