Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1895)
- Date
- 1895-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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127 nach dem Arzte, während ein anderer die Frauen der Chewra Kadischa zusammenrief. Bald umstanden die frommen Frauen das Sterbebett und sagten die vorgeschriebenen Psalmen und Gebete. Jetzt schlug die Kranke die Augen auf. und als sie die Umstehenden erkannte, umspielte ein seliges Lächeln ihre bleichen Züge. Sie erkannte die Frauen und reichte jeder derselben ihre matte Hand. Sie wußte, daß ihre Stunde gekommen war und daß sie bald vor Gottes heil'gem Throne stehen würde. Sie fürchtete sich nicht vor dem Tode, und wie sie es sich gewünscht, bei vollem Bewußtsein, umgeben von den Ihrigen sollte sie aus dem Leben scheiden. Der Arzt, welcher soeben gekommen war, trat jetzt zu ihr heran, und mit leiser Stimme fragte sie ihn, während er sich zu ihr niederbeugte und ihre Hand erfaßte: „Nicht wahr, Herr Doktor, es geht zu Ende?" Ein stummes Nicken, ein leiser Druck, und die Thränen im Auge des treuen Mannes sagten ihr, daß der Ruf an sie, vor ihrem Richter zu erscheinen, bald ergehe. „Danke, Herr Doktor," fuhr sie Wetter und „Lebewohl!" Der Arzt ging weinend fort, und als er sich entfernt hatte, verlangte die Sterbende, daß man Anny und ihren Vater rufe. Sie kamen weinend herbei und die Frauen zogen sich von dem Lager zurück. Schluchzend traten diese an das Bett, und während Anny niederkniete und die Hand ihrer Mutter mit Küssen und Thränen bedeckte, schlang der Vater seinen Arm um daS theure Haupt und drückte einen Kuß auf die feuchtkalte Stirne. „Weinet nicht," sagte jetzt die Kranke „und machet mir das Scheiden nicht schwer; es gilt Abschied zu nehmen — für lange Zeit. —" Anny schrie laut auf in ihrem Schmerze, die Mutter hob ihre Hand auf und legte sie auf das Haupt ihres Kindes. „Mein Kind, ich will Dich segnen, zum letzten Male. Möge der Allmächtige seinen reichsten Segen über Dich ausschütten und Dir Schutz und Hort sein, so lange Du lebest l Möge er Dich so glücklich werden lassen, wie ich es war an der Seite Deines Vaters, möge er diesen Dir noch lange, lange Jahre gesund und am Leben erhalten und Dein Leben verlängern wie das Leben der Mutter. Jesimech elokim kesoroh, ribkoh, rochel weleoh; er segne Dich, wie er einst gesegnet hat die Stammmütter unseres Volkes und lasse Dich hienieden alle Freuden und alles Glück genießen nach den Verheißungen in Seiner heiligen Lehre. Möge sein mächtiger Wille jede Roth und jeden Kummer, jeden Schmerz und jede Plage von Dir fern halten und Dich und die Deinen unter seinen göttlichen Schutz nehmen, devorech'cho ad. wejischmerecho, es segne Dich der Ewige und behüte Dich; joer ad. ponof eiecho wichuneko; es lasse der Herr Dir sein Antlitz teuften und sei Dir gnädig, Maoh ad. ponof eiecho wejosem lecho scholamn, der Herr wende sein Angesicht Dir zu und gebe Dir seinen Frieden! Und nun, mein geliebtes Kind, gieb mir noch einen Kuß und dann — Lebewohl." Weinend und schluchzend küßte Anny ihre Mutter fort und fort und erst dem sanften Zureden des Vaters gelang es. sie von derselben zu entfernen. Aber sie verließ das Bett nicht. Schluchzend saß sie an dem Ende desselben und hörte zu, wie die Mutter jetzt, obschon sie ganz erschöpft war, mit dem Vater sprach: „Ich muß Dich jetzt schon verlassen, mein Geliebter," sagte sie. „Es ist so Gottes unerforschlicher Rathschluß, in den wir uns ohne Murren fügen müssen. Ich murre auch nicht darüber, denn ich habe an Deiner Seite mich glücklich gefühlt und bin Gott für dieses Glück dankbar. Ob das Glück Jahre lang währt, oder nur einen Augenblick, daS ist am Ende einerlei." Hier hielt die Sterbende erschöpft inne. Ihre Züge veränderten sich plötzlich, sie nahmen jene Starrheit an. die dem Tode voranzugehen pflegt, und der Anwalt rief erschreckt die Frauen herbei. Aber noch war es nicht zu Ende. Sie erholte sich wieder und als sie in das von Thränen benetzte Gesicht ihres Mannes sah, sagte sie: „Ich habe Dich erschreckt, nicht wahr? ES wurde mir auf einmal so schwach. Weine nicht, Geliebter. Ich gehe ein zu unserem Vater im Himmel. Lebe wohl und sorge für unsere Kinder. Willy —" Wieder hielt sie erschöpft inne. Die Frauen traten näher; sie sahen, daß der Augenblick deS Perscheidens nahe war und sagten laut die Schemata,*) welche die Sterbende leise nachsprach. Jetzt erhob sich die Stimme derselben und laut und deutlich schallte es durch das ganze Zimmer: Sch’ma jisroel ad. elokenu, ad. echod, ein Seufzer noch — und die Seele hatte sich losgelöst vom Körper und ihren Flug gen Himmel genommen. Der Kopf sank zurück und der Tod war eingetreten. Bitterlich weinte der Anwalt und Anny stürzte vor das Lager und rief: „Mutter, Mutter, bleibe bei mir, verlaß mich nicht." Aber das Mutterohr hörte, das Mutterauge sah nichts mehr; sttllstand das Mutterherz und fühlte nicht mehr mit den Schmerz des Kindes. Nun sah Anny den weinenden Vater neben *) Gebete futlbic Stunde des Todes.