Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1895)
- Date
- 1895-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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122 MWWWWWWWW deren Aufgabe es ist, den Juden aller Länder das Gefühl beizubringen, daß ste alle einer Nationalität feien und zwar palästinensischer, oder was kürzer ist, zionistischer. Jeder Jude betrachte sich als Exulant aus Zion und also als Zionist. Was? Sie lächeln? Sie meinen, daß Sie als Jude stets eine göttliche Erlösung erhofft hätten und begreifen nicht, warum sich die Herren denn „Zionisten" und nicht, wie es seit ca. 2000 Jahren üblich, Judäer oder Juden nennen? Ja, sehen Ste, mein l. Benjamin, das ist des Pudels Kern, weil diese Herren eben keine Juden find, noch sein wollen, weil sie sich als Reste der ehemaligen Zionsbewohner betrachten, aber mit „der denkbar größten Toleranz." Zionisten, aber keine Juden, Exulanten eines jüdischen Staates ohne Judenthum. Die Emanzipation hat einen großen Abfall der Juden, wenn auch nicht immer mit offenem Austritte, aus ihrem Glauben gezeitigt, Juden, denen alle religiösen Vorschriften lästig find, die aber dennoch eine Berechtigung zur Führung des Namens „Juden" haben wollen, um wenigstens mit sich im Reinen (?) zu sein, und was thaten diese? Woher eine Berechtigung nehmen Jude zu heißen, wenn selbst der Cultus der Berliner Johannis-Straße noch zu jüdisch ist? Da ward das Wahngebtlde des Nationaljudenthums geschaffen, ein Nationaljude stieg wie ein ungesäuberter Phönix aus der Asche der verbrannten Religion und die neuesten Apostel künden nun: „Heil uns! Wir haben erfunden, was kein Edison erfinden kann, ein Mittel, wie man Jude sein kann, ohne Bibel, Talmud und Tradition, man ist eben Jude, als ehemals jüdischer Staatsbürger, wie die Warschauer Polen sind, und — das Vaterland ist gerettet." — DaS, mein l. Benjamin, ist der Kern, der tiefinnerste Kern des Zionismus, wenn auch Flugschriften und Broschüren mit langathmigen Phrasen ihn dem Auge des Beschauers zu verdecken suchen, und darum heißen sie Zionisten, weil sie sich von Zion her den Beweis holen müffen, daß sie Juden sind. Ihre Ziele sind, wie ste sagen, idael, — die erste Phrase — sie wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Juden heben, die Juden aller Länder sollen sich nicht als die Bekenner eines Glaubens — sondern als die Angehörigen eines Staates d. h. einer Nationalität fühlen und der erste Paragraph des Zionisten-Programms lautet: „§. 1. Die Nationaltdee im Judenthume aufrecht zu erhalten. Im Gefühle der Juden — mit denkbar größter Toleranz — lebe das Bewußtsein palästinensische Bürger zu fein.Was? Sie lächeln wieder? Sie denken wohl an die Polen Warschaus und an die Erfolge, die deren nationales Gefühl vor Kurzem errungen, daß sie Gurko sammt Gemahlin los geworden sind und meinen, daß daher das große Vertrauen der Z'onisten zum Exilsgefühle stamme? Nein, täuschen Ste sich nicht, einen derartig ungereimten Vergleich macht selbst ein Z onist nicht — die dritte Theilung Polens geschah vor 100 Jahren und das jüdische Reich ward vor 2000 Jahren aufgelöst, die Polen haben nationales Gefühl mit Beibehaltung ihrer nationalen Eigenthümlichkeiten, und die Herren Zionisten sind patriotisch fühlende Juden ohne Judenthum, die Palen lernen etnsehen. daß das Schütteln und Rütteln an starken Fesseln zwar Geräusch macht, aber noch lange kein Abstreifen derselben bedeutet, während die Zionisten sich von lauter „Hosianah" die Kehlen wund schreien und d'e Judenfrage schon als gelöst in der Tasche tragen. Eigentlich sind uns jüdisch-nationale Bestrebungen ohne Judenthum nichts Neues, gemahnen uns ja die jüngstvergangenen Chanuka-Tage daran, es soll mich nicht wundern, wenn die Herren Zionisten demnächst mit einer authentischen Ahnentafel hervortreten, die bis auf den Hohenpriester Onias-Menelaos und die übrigen Juden Griechen der Akra zurückgeht, aber diese Tage gemahnen uns auch daran, wie unmöglich ein jüdisches Reich ohne Judenthum ist, wie Judäa am Rande des Abgrundes stand, von dem es erst die religiöse Begeisterung der Makkabäerfamilte errettete. Aber in Wirklichkeit denken ja die Zionisten gar nicht an ein Wiederaufleben des jüdischen Reiches, ein solcher Vorwurf gebührt ihnen gar nicht, denn sie wollen etwas viel Schlimmeres — Eine jüdische Gemeinschaft ohne Judenthum. — Was sind ste aber als solche? Freireligiöse, die aus des Judenthums Mitte hervorgegangen sind, Juden, die die Religion abgestreift, ohne sich einer andern zugewendet zu haben. Und dahin wollen sie die Juden aller Länder bringen, ein allgemeines Aufgeben der Religion und dennoch Jude bleiben ist ihr Verlangen, ihr Ziel, eine Erscheinung, wie ste betrübender nicht gedacht werden kann. Und dazu muß Zion den Mantel leihen, die Scheinmaske des Zionismus verbirgt „Jüdische Freireligiöse." Wahrlich, wie ehemals an den Flüssen Babels hätte man jetzt reichen Stoff auch an europäischen Flüssen über den Mißbrauch Zions zu klagen. Armes Zion! Was sind die Wunden, die dir Nebukadnezar, Antiochus und Vespasianus geschlagen, dagegen? Jene waren Babylonier, Syrer und Römer, diese sind deine eigenen Kinder, jene wollten dich und das Judenthum vernichten, diese borgen deinen geweihten Namen zum gleichen Zwecke. Doch auch dem Feinde muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen und die Zionisten haben auch zwei schöne andere Punkte in ihrem Programme: die Verbreitung der hebräischen Sprache und die