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Der Israelit · 1895-01-21 · Heft 6 (21.1.1895) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 6 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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m Äesktzgebüng aller Zeiten und Völker. Ja, vielleicht ist niemals ein gleich umfassender Gesundheit?eodex erlaffen worden."«) Wie auf dem Gebiete der Reltgionsphtlosophie, so hatte unser Weise auch auf dem Gebiete der Heilkunde gegen alte Vorurthelle und irrige Anschauungen zw küwpfen, und wie dort, so trat er auch hier mit Muth und Entschiedenheit für die Wahrheit in die Schranken, ohne auf die Gefahr zu achten, bei vielen seiner Glaubensgenossen Anstoß zu erregen. In manchen strenggläubigen jüdischen Kreisen hatte sich die Anschauung herausgebildet, daß es sündhaft sei, in Krankheitsfällen den ärztlichen Beistand in Anspruch zu nehmen. Der Fromme habe nur bet Gott, nicht bet Menschen Hülfe zu suchen. Wer den Beistand eines Arztes anruft, habe aber eben dadurch einen Mangel an Unterwürfigkeit unter Gottes allwetse Fürsorge an den Tag gelegt. In diesem Sinne erklärte man sich die im Talmud erwähnte Conftscirung eines alten Arzneibuches als eine ganz natürliche Erscheinung.7) Die Krankheiten, die Gott als Strafe über den Menschen verhängt, sollte« nicht durch künstliche Mittel zu schnell geheilt und so der göttliche BefferungSplan vereitelt werden.8) MatmonideS tritt nun in seiner Erklärung zur Mischna mit einer gewiffen Entrüstung dieser Anschauungsweise entgegen und macht es im schärfsten Gegensätze zu derselben geradezu zur religiösen Pflicht, in Krankheiten ärztliche Hilfe zu suchen. Als Grund der Corfiscation des Arzneibuches giebt er den Umstand an, daß das Buch, welches anfangs aus wissenschaftlichem Interesse verfaßt wurde, späterhin zu astrologischen Verirrungen oder zu anderen Mißbräuchen Anlaß gegeben haben mag.?) Ja noch mehr. Man dürfe sich gleich am Anfänge gar nicht in einem Orte niederlaffen, wo kein Arzt prakticirt. Zu den zehn unentbehrlichen Erfordernissen eines Munickpiums gehören nach dem Talmud auch folgende drei: ein Arzt, ein Chirurg und ein Badehaus. '0) Maimuni gestattet sogar einem Arzte, seinem Nebenmenschen Heilung zu spenden, selbst wenn dieser durch ein Gelübde jeglichen Genuß von ihm sich verboten, weil die ärztliche Hilfe ein religiöses Gebot ist.") Wer daher aus übertriebener Frömmigkeit in Krankheitsfällen ärztlichen Beistand verschmäht und Gott allein alles vertrauensvoll ü) Dr. Nofsig, die Sozialhygiene der Juden. 1874 S. 125. 7) Pesachim 56 b. 8) Auch Raschi gibt zur Stelle diesen Grund an. 9) Bergt, in More den Satz, «Und ich halte es für eine Wahrheit, daß das medicinifche Buch, welches ChiSkia confiSztite, von der bezeichneten Gattung war." 1V) Deot 4, 23, Talmud Sanhedrin 17. 11) Mifchne Thora, Nedarim 6, 8. anheimstellt, der komme dem gleich, der keine Nahrungsmittel zu sich nimmt, in der Hoffnung, daß ihn der Allmächtige aus dieser lebensgefährlichen Krankheit, die man gemeinhin Hunger nennt, retten würde.") Schon die Natur, meint unser Arzt, kann uns darüber belehren. Sind ja unzählige Pflanzen und Thiere auf Erden nur dazu vorhanden, um dem gesunden Menschen Nahrung und dem kranken Heilung zu spenden. „Es giebt keine Pflanzengattung und keine Art von Thieren, von dem Elephanten bis zu dem Gewürme herab, das dem Menschen keinen Nutzen brächte. Einige davon sind dem Menschen zur Speise bestimmt; andere sind da, ihn von seinen Krankheiten zu heilen; von sehr vielen aber ist uns der Nutzen noch unbekannt geblieben.18) Diese von Maimonides vertretene Ansicht von der Nothwendigkeit, ja von der religiösen Verpflichtung, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist in der Mitte des Judenthums zum Stege und zur Aufnahme in die später« Gesetzesbücher gelangt. ") (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Gorrefpondenze«. Deutschland. Mainz, 19. Januar. p-vv. Aus Verden, Provinz Hannover, bringt uns der Telegraph die schmerzliche Nachricht, daß unser Oheim, Herr Bankier Ahron Lehmann in noch nicht vollendetem 80. Lebensjahre sanft entschlafen ist. Der Verblichene, der älteste Bruder unseres unvergeßlichen Vaters war zwar ein einfacher, bescheidener Mann, aber trotzdem ein Character, insofern als er wußte, was er wollte und wie er das Gewollte zu erreichen hatte. Und er hat stets das Gute gewollt. Von seinem Vater Rabbi Oschör Lehmann, einem Lieblingsschüler des Noda Bijehudah, mim ’mn ^>y erzogen, blieb er den im elterlichen Hause empfangenen Grundsätzen während seines ganzen langen Lebens unverbrüchlich treu. Schon gleich nach seiner Barmizwah mußte er in die Fremde wandt rn, da er zu einem Kaufmann in Hamburg in die Lehre kam. Hier verblieb er neun Jahre lang, und der Begründer dieser Blätter war bereits ein Knabe von sieben Jahren, als er den Bruder kennen lernte. Er erzählte stets mit be- 13) Zu Pesachim 4, 9 und zu Joma 8, 6, vergl. auch dir angeführte Arbeit von Rost» S. 135. 13) In der Einleitung zu seinem Mischna-Com me ntar. Vergl. den Ausspruch Ben Sirach (Cap. 38, 4): Der Herr läßt Arzneimittel aus der Erde hervorwachsen und der Verständige verachtet sie nicht. 14) Jore Dea 336: Es ist Gesetz der Thora, daß man in Krankheitsfällen den Arzt gebrauche. Gleichsam ein Mörder ist der Arzt, wenn er die Hilfe verweigert oder ohne gründliche Kenntnis in der Heilkunde zu Werke geht.

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