Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1895)
- Date
- 1895-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXTI, Jahrgang. Beilage >u M li des „Israelit“. Leitender Artikel. Mklmnlim als Ndtziliislhe MoriM.^ Von I-D. I. Münz. (Fortsetzung.) Wer sich körperlich abmüht und im Genüsse mäßig ist. hält böse Krankheiten von sich fern und wird eines ungestörten Wohlbefindens sich zu erfreuen haben; wer hingegen seine Kräfte erschlaffen läßt und übermäßig im Genuffe ist, wird von köiperltchen Leiden und nicht selten von einem frühzeitigen Tode heimgesucht. Viele menschliche Nebel, Krankheit, Stechthum,- Seelenverstimmung und Lebcnsverkürzung seien also oft unser eigenes Werk, ziehen sich die Menschen durch ihre Untugenden zu*). Vor allen sei aber die strengste Sittlichkeit und die Weihe des ehelichen Lebens zur Erhaltung der Gesundheit erforderlich. Die Aerzte behaupten: „Unter tausend Menschen sterbe einer an einer natürlichen Krankheit und alle übrigen stürzen sich durch ihren unsittlichen Lebenswandel frühzeitig in tas Grab." Wer nach diesen Vorschriften leben wird — mit dieser Bemerkung schließt Maimonides seine Abhandlung — dem versichere ich, daß er von körperlichen Leiden verschont bleiben und die Hilfe eines Arztes nicht benöthigen werde; er wird gesund und im Vollbesitze seiner Kräfte sich erhalten und erst im Alter eines natürlichen Todes sterben. Freilich gelten diese Regeln — füg! unser Arzt hinzu — nur für den gesunden Menschen; wer aber bereits von Geburt mit einem körperlichen Gebrechen behaftet oder von Jugend an üblen Gewohnheiten nachgtug, den verweise ich auf „das Buch der Heilmittel", dessen Abfassung ich mir vorgenommen habe"?) Bei der Wahl der Nahrungsmittel, sagt Maimonidcs an einer anderen Stclle* 1 2 3), dürfe man sich nicht von dem Gefühle des Schmackhaften und Angenehmen, sondern von dem Prinzip des Nützlichen und Gesunden bestimmen lassen. Man gewöhne sich nicht an Speisen, die den Gaumen kitzeln und einen sinnlichen Genuß gewähren, sondern an solche, die zur Erhaltung des Lebens und zur Kräftigung der Gesundheit beitragen, mögen sie bitter oder süß sein. Das Angenehme darf nur dann gewählt werden, wenn es einen diätetischen Dienst leisten soll. In diesem Falle find aber auch andere Ge¬ *) Den Beginn dieses Aussatzes erhalten neu eingetretene Abonnenten auf Verlangen gratis eingesandt. 1) Vergl. auch More Nebuchim III. 12. 2) Maimuni schrieb später dieses Werk unter dem Titel „Pirke Moscheh" oder „Sefer Refuoth". 3) Deot 3, 2, vergl. auch More III. 8. nüsse gestattet. Wer z. B. zur Melancholie geneigt ist und der Aufheiterung bedarf, auf den können Gesang, Musik, der Anblick von schönen Bildern oder daS Lustwandeln in Gärten gleich einem Medikament eine wohlthuende Wirkung ausüben. 4) Ebenso tragen oft die verschiedenen Körperübungen zur Förderung der Gesundheit bei. Das Ballspielen, das Ringen, das Fechten, das Anhalten des Athems — diese Uebungen sind daher nicht immer eine unnütze, spielende Beschäftigung, sondern können unter Umständen einen bedeutenden sanitären Zweck erfüllen. Ueberhaupt solle man stets bedenken, daß man Alles, das Leben und seine Genüffe, einem ernsten Zwecke unterordnen und in den Dienst einer höher« Wahrheit stellen müsse. B:i jedem sinnlichen Genüsse, bei jeder Befriedigung sinnlicher Begierden seien gewisse Grenzen zu beobachten, innerhalb deren Segen und Glück uns zu theil werden, außerhalb deren Verderben und Unheil uns erwarten. Der übermäßige Genuß der Speise, des Trankes und der Wollust ist nicht nur der geistigen Entwickelung des Menschen hinderlich, sondern schadet auch seinem leiblichen Wohle; er übt einen verderblichen Einfluß auf die Gestaltung der öffentlichen und häuslichen Angelegenheiten. Deswegen hat die Thora an dem jugendlichen Schlemmer und Trunkenbold ein Exemplar statuiren heißen, um diesen widerspenstigen Sohn früher aus der Welt zu schaffen, ehe er noch das Maaß seiner Ruchlosigkeit erreicht, Mordthaten begangen und durch sein ausschweifendes Leben das Glück unschuldiger Menschen zerstört hat. Der Weise versteht mit Maaß za genießen und darum ist der Genuß für sein Leben und Wohlergehen förderlich und gedeihlich; der Thor hingegen sucht mit vollen Zügen den Becher der Sinnenlust zu leeren und schlürft zugleich Tod und Verderben. Wer sich Genüssen hingiebt, die die Gesundheit und Kraft aufreiben und von seinen sinnlichen Neigungen und Begierden sich beherrschen läßt, der hat gleichsam seiner Menschenwürde sich begeben und zum Thiere sich erniedrigt, das blindlings seinem Triebe folgt. — Das sind im allgemeinen die sanitären Grundsätze, die unser Weise entwickelt hat. Verdienen sie nicht noch heute, mehr als sieben Jahrhunderte später, gelesen und beachtet zu werden? „Dieser hygienische Codex Maimonides ist zweifellos — so urtheilt ein medicinischer Schriftsteller unserer Zeit — eines der interessantesten und hervorragensten Monumente der sozialhygienischen 4) Im 5. Absch. der Einleitung z. Aboth. Vergl. auch Rosin, die Ethik d. Maimonides (BreSlau 1876) S. 106. 5) More I. 7.