Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1895)
- Date
- 1895-01-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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108 zeitung" von der christlichen Moral besitzt, die sie so salbungsvoll im Munde führt.*) Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Aus Süddeutschlaud. (Herzensergüsse). In der ersten Nummer der in Frankfurt a. M. erscheinenden „Monatsblätter" von Rabbiner Dr. Adolf Brüll finden wir zwei Herzensergüsse, die gerade nicht neu find, aber doch immer mehr zeigen, wie das eigentliche Reformiudenthum von seinen eifrigsten Vertretern für banquerott erklärt und welche verzweifelte Anstrengungen gemacht werden, um sich obenauf zu halten, als die ersten und besten Juden zu gelten. Da begegnen sich ein amerikanischer Rabbi Dr. Silvermann, der in einer Sonntagsandacht statt des Samstaggottesdienst das einzige Heil erblickt, und Herr Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden mit seinen „frommen Wünschen," dem es weniger um die Predigt, wie dem amerikanischen Rabbi, zu thun ist, als um Kürzung der Gebete, in der Klage, daß es ungeachtet der seitherigen „heilsamen(!) Reformen", „trotz der schönen Gesänge, trotz der Orgelklänge, trotz der eingeschobenen deutschen Gebete, trotz der geistvollen Predigten an Besuchern, und selbst unter diesen an Andächtigen fehle." Dem amerikanischen Rabbi ist eS nur um ein zahlreiches Publikum zu thun, daS er vermißt und von einer Sonntagsandacht erhofft; Herrn Rechtsanwalt Lehmann, dem fanatischen Kämpen auf dem Gebiete der Reform des Judenthums, dem er alles Jüdische abstretfen möchte, um die Streichung des letzten Restes hebräischer Gebete in den Resormsynagogen. „Weniger wäre mehr! Das gilt vor allem von unserem Gottesdienst" ruft er aus. „Die Gebete für unsere Zeit müssen kurz, modernen Empfindungen angemessen sein." Das sind doch sicherlich verzweifelte Anstrengungen, um die Reform zu retten, die selbst in Amerika anfängt Bedenken zu erregen; in Deutschland aber auf keine Gegenliebe stoßen werden. Wenn bis heute die Reformen im Gottesdienste *) Anmerkung der Redaction. Wir werden diesem Wunsche entsprechen. Aber unser geehrter Mitarbeiter würde sich davon so wenig wie wir versprechen, wenn er die Erfahrungen bereits gemacht hätte, die wir an antisemitischen Zeitungrn nach dieser Seite hin schon unzählige Male erlebt haben. — Dieselben wissen selber am besten, wie es mit ihrer Moral bestellt ist und lachen sich inS Fäustchen, wenn ein redlicher Mann ihr Echauffement für Moral ernst nimmt. Hätten diese Leute etwas von der Moral, die sie predigen, so dürften sie nicht existiren und müßten wenigstens ihr Metier des Hetzen- und Berleumdens einstellen. So heiß ist aber ihre Liebe zur Moral nicht. nichts anderes bewirkt haben, als solche Klagen, solche Jeremiaden Hervorrufen, daß die Gottteshäuser leer, die Besucher nicht erbaut, nicht andächtig. daß Predigt, Orgel und Ehor langweilen, deshalb die Gebete noch viel gekürzt werden müssen — und man bedenke, was das sagen will, wenn der vielbeschäftigte Advokat vielleicht ein- oder zweimal im Jahre auf eine kurze Stunde das Gotteshaus aufsucht — was wird die weiter erstrebte Reform auf diesem Gebiete bewirken? Ob nicht noch der Vorschlag gemacht wird eine telephonische Verbindung mit der Synagoge herzustellen, um so die kurze Zeit für die gekürzten Gebete noch mehr zu kürzen, Hin- und Herweg zu sparen? Und wie nun, wenn man die kurzen Gebete immer noch zu lang und langweilig findet, trotz der Verbannung des Hebräischen aus der Synagoge, trotz des deutschen Gebetes! Bis heute erklärte die Reform Orgel und Chor 2c. für zeitgemäß, ja für nothwendtg zur Hebung der Andacht, zu einem weihevollen Gottesdienst. Jetzt erklärt Rechtsanwalt Lehmann „Nicht Gesang und Orgelklang, nicht Sinnenrausch und Autzenwerk ist das Wesen des Gottesdienstes" und verlangt einen „zeitgemäßen", „anziehenden", „herzerfaffenden" Gottesdienst. Deshalb soll das „zeitraubende" (?) und „langweilende Aufrufen mit dem Vor- und Nachspiel (?!) des Aus- und Einhebens" unterbleiben. Nun, nun, wir glauben nicht daß Silbcrmann und Lehmann die rechten Männer sind, der toten Reform zum Leben zu verhelfen. Es thut aber nichts, solche — Curiositäten dem größeren Publicum vorzuführen, um sich klar zu werden was es mit dem so vielfach und oft so emphatisch gebrauchten Wort „zeitgemäße" Reform für eine Bewandtniß hat. Dr. H. S. Aus Bayern. In Nr. 3 des „Israelit" ist die Trauernachricht von dem Ableben des weit über die Grenzen seines Heimathlandes hinaus bekannten und berümten Suranyer Rabbiners rmn b"sti v'^v '>p?n mo enthalten und der Verlust, den das Judenthum durch sein Hinscheiden erleidet, gebührend hervorgehoben worden. Einem Schüler des Äerstorbenen, der das Glück hatte einige Jahre in seinem Hause zu leben und seine große, unvergleichliche Frömmigkeit und seine Vorzüge als Mensch und als Lehrer aus nächster Nähe zu beobachten, dürfte es dennoch gestattet fein, mit einigen Sätzen jenen Bericht zu ergänzen und namentlich auf feine Bedeutung als nytn »sin hinzuweisen. An Jeschiboth oder Talmudschulen ist in Ungarn kein Mangel, die Suranyer Jeschiba war jedoch ein Unikum. Unser unvergeßlicher Rabbi