Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1895)
- Date
- 1895-01-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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m Namen Aetti, Memme, Harrle, Frahle, Mümele bei den Juden bis zu Anfang des neunzehnten Jahrbunderts im Gebrauch waren, so bediente man sich auch mit Vorliebe derjenigen Ausdrücke, deren sich der Harrle und die Frahle bedient hatten." Fast alle diese jüdisch-deutschen Werke der früheren Zeit haben eine religiös-ethische und sittlich veredelnde Tendenz. Die Sprache ist allerdings barbarisch und unbeholfen, und kann auf Reinheit keinen Anspruch machen, aber es steckt ein edler Kern in der unscheinbaren Hülle; eS sind goldene Aepfel, wenn auch nicht in silberner Schale. Das Gesagte läßt sich leider nur selten auf die Proben aus der zweiten Hälfte: „Das Jüdisch-deutsche in Polen und Amerika" anwenden. Wie die Sprache in diesen Erzeugnisien der Neuzeit, untermischt mit hebräischen, polnischen, russischen und in Amerika neuerdings auch englischen Wörtern, zu einem Jargon der niedrigsten Sorte herunterstnkt, so bietet auch der Inhalt häufig ein Bild der Entartung und Unkult"r, obgleich, oder vielmehr gerade detzhalb, weil die „Autoren" sich Träger und Verbreiter der Kultur dünken. Romane der schlechtesten Sorte, häufig werthlose Nachahmungen. dürftig in der Erfindung und übermäßig breit auSgesponnen, müssen der Bersriedigung des Lesebedürfnisies dienen. Ein großer Theil dieser modernen jüdisch deutschen Litteratur besteht in periodischen Zeitschriften politischen und belletristischen (?) Inhalts. In Amerika erscheinen sogar einige, die dem Sozialismus und Kommunismus huldigen und unter der eingewanderten russischen Arbeiterbevolkerung ihren Leserkreis ^haben, wie: „Die Zukunft, a wissenschaftlich socialist. Monatschrift. arauS gegeben vun die jüdisch sprechende stekzionen f. a. vvun Am e rika." Zur Bervollständigung des Bildes der jüdisch-deutschen Litteratur durften auch diese Schattenseiten nickt fehlen. Der Verfasser hat daher in anerkennenSwerthcr Weise auch auS diesen Erzeugnissen Proben seinem Werke einverleibt. Eine Auswahl von Gedichten in jüdisch-deutscher Mundart, z. B. Uebersetzungen der m*VD7 für die Sabbatmahlzeiten, ferner Proben jüdisch-deutscher Sprichwörter und Sentenzen sind ebenfalls hervorzuheben aus dem reichen Inhalt dieses Werkes, das jedem Freunde der jüdischen Litteratur bestens empfohlen werden kann. Zum Schlüsse fei noch mit Anerkennung des Verlegers gedacht, der im Vertrauen aus die Kauflust des Publikums ein so umfangreiches Werk wie „die jüdische Litteratur rc." — von dem das vorliegende nur ein Theil ist — erscheinen läßt. Möge ihm durch reichlichen Absatz sein Vertrauen gelohnt werden! H. (5ommeutar deS R. Josef RachmiaS zum Buche Esther, zum ersten Male herausgegeben nach einer Handschrift der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek München, mit Emendationen, Ouellennachweisungen und Anmerkungen von M. L. Bamberg er. Franks, a. M. 1891. S. Der Verfasser dieses CommentarS war ein Schüler des Rabbenu Ascher, gehört also der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an. Der Herausgeber hat sich mit der Veröffentlichung dieser Schrift ein großes Verdienst erworben, die, wenn auch klein von Umfang, doch ein volles Licht auf die Art und Weise der Schrifterklärung einer uns fern liegenden Zeit wirft. Wenn wir die Erklärungsweise deS RachmiaS mit einem vor ihm lebenden Autor vergleichen wollen, so zeigt sie eine frappante Aehnlichkeit mit der des R. Salomon ben Meier, bezw. des R. David Kimchi. Es ist das Hauptbemühen deS Verf. den einfachen Wortsinn zu deuten und so das Verständnis zu vermitteln, während der Midrasch, sobald er sich nicht mit dem einfachen Wort- , sinn deckt, außer Acht gelassen wird. So tritt er z. B. der! Ansicht entgegen, daß "iriN dpdd sich auf Gott beziehe, da in der Bibelsprache nichts anderes als Ort bedeute. Daß Mordochai von dem Mordanschlag erfahren, wird hier nichr auf eine übernatürliche Offenbarung zurückgeführt, sondern auf die Oeffentlichkeit, mit welcher die Angelegenheit in Schuschan behandelt wurde: .m’nn |Bnt6f3 ruru mm Bemerkenswerth ist es, daß der Verf. das Thargum zu Esther als Thargum Jeruschalmi anführt, worunter er aber nicht das Thargum schein versteht. Wenn S. 19 ein Thargum Jonathan angeführt wird, so kann es sich nur auf die Citatstelle aus Genesis beziehen; RachmiaS würde also die wenigen Autoren aus dem >4- Jahrhundert um einen bereichern. die von einem Thargum des Jonathan auf den Pentateuch sprächen — bekanntlich ist vor dem 14. Jahrh. von einem solchen Thargum nicht die Rede — allein auch hier kann das ominöse ’"n im Spiele sein und die Stelle bezöge sich auf das Thargum in Esther selbst, das ebenfalls NpTifl hat. Von kulturhistorischem Interesse ist die Antwort des Rabbenu Ascher auf die Frage seines Schülers, warum Haman den Bertilgungsbefehl auf den 13. und nicht auf den 1. Adar ausschrieb, die dahin lautet, daß die Zauberer für ihre Handlungen die Zeit des wachsenden Monats wählen und ein desto günstigeres Resultat erwarten, je starker die Zunahme des Mondes sei. Bekanntlich legt das heidnische Alterthum schon einen Werth für das Gelingen der Unternehmungen in den wachsenden Mond, das klassische Alterthum sowohl wie das germanische. Mit der Antwort des Rabbenu Ascher, der den deutschen Aberglauben kennt, ist dieser Mondglaube vollständig gerichtet und sollte, na» mentlich für die Juden für alle Zeiten gerichtet sein. Möglich hat R Jizchak Eranen, der ebenfalls diese Erklärung bringt, auS RachmiaS geschöpft. Die sachgemäßen Anmerkungen des Herausgebers zeugen nicht nur von seinem wissenschaftlichen Kennen und Können, sie sind auch eine werthvolle Zugabe, die vieles aufhellen, und die wir nicht entbehren möchten, wenn wir auch dem chronologischen Zuweise des Achaschwerosch, so geistvoll dieser ist, skeptisch gegen'«verstehen. Doch davon ein anderes Mal. Es giebt wissensdurstige Leute, die mit bewundernswürdigem Eifer alles Mögliche zusammenlesen, das Gelesene urtheilslos durcheinanderwirbeln, aus dem ungeordneten Chaos ihrer Kenntniß Schlüsse ziehen und dann daS Bild ihrer geistigen Auffassung in einem Buche getreu verewigen. Dahin gehört die Schrift „Weltfchöpfmig, Sivtflnth und Gott von Art hur Stentzel. Braunschweig, Rauert und Rocco Nachfolger 1894." Der Verfasser hat sammtliche Weltschöpfungsgeschichten und Sündfluthberichte der wichtigsten Culturvölker der Geschichte studiert, offenbar meist erst aus Uebersetzungen, hat sich in Philosophie und Naturwissenschaften unterrichtet und fühlt sich nun berufen, in erster Linie die biblische Schöpfungsgeschichte und den Sündfluthbericht vor den Hypothesen der Culturwissenschaft zu schützen und zu wahren. Ein löbliches, aber überflüssiges Bestreben. Es wäre traurig um die Autorität der Bibel bestellt, wenn sie aus den Ausführungen dieses Buches ihre Berechtigung ziehen müßte. Im Wesentlichen ist eS die Tendenz des Verfassers zu erweisen, daß der biblische Schöpfungsbericht nicht die uranfängliche Erschaffung der Welt meine, das yan N', sondern eine Neugestaltung der Welt, die bereits Epochen hinter sich habe, und der Sündfluthbericht bedeute das UebergangSstudium von der vorangehenden Epoche zu dieser neuen. Die Idee ist nicht einmal neu. Wir bemerken demgegenüber zunächst, was wir an dieser Stelle schon oft betonten, daß die göttliche Heiligkeit der schriftlichen und mündlichen Lehre alle moderne kritische Nörgelei, auf der der Verfasser fußt, schon an und für, sich