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Der Israelit · 1895-01-17 · Heft 5 (17.1.1895) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 5 (17.1.1895)
Date
1895-01-17
Page
– (sequence 22)
Language
German
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104 unmöglich macht, daß ferner die biblischen Berichte demgemäß auf der einsamen Höhe der Wahrheit stehen, von wo auS alle Traditionen anderer Litteraturen, sofern sie nicht als Ausflüsse der biblischen Erzählung erscheinen, in daS Reich der Sage und Fabel zu verweisen sind, daß endlich Hypothesen der Naturwissenschaft, die dem Bibelwort widersprechen, Seifenblasen der gerade herrschenden Weltanschauung sind, die genau so ihrer Auflösung ins Nichts entgegenfehen wird, wie alle philosophischen Systeme seit Jahrtausenden. Des Weiteren ist aber zu sagen, daß das ganze Buch überhaupt aller gesunden uud vernünftigen Wissenschaft geradezu ins Gesicht schlagt. Nur einige Beispiele aus der unerschöpflichen Fülle. Der GotteSname 61 soll daS deutsche Wort „hell" sein (S. 11), der Buchstabe 1 sei der Singular zu d, das „Wasser" bedeute, weil nun im Aegyptischen die „Urfluth" heiße (S. 13 u. 167), D’ans sei ein Dual <S. 146), ebenso (S. 11), der Verfasser weiß offenbar nicht daß JosephuS Jude ist (S. 75 f.) u. s. w. u. s. w. Ich denke, man hat hieran genug, um die Wissenschaft des Verfassers und seine Methode schaßen zu können. Das Buch ist schön auSgestattet und hat bestens Fallseinen Werth in den Uebersetzungen, die es zusammenstellt. ES ist bedauerlich, daß mit soviel Eifer und Fleiß keine bessere Schulung Hand in Hand geht. Die Bibelkritik will jetzt die Früchte ihres rastlos zerstörenden Fleißes einheimsen. Professor Paul Haupt in Baltimore giebt unter Mithilfe anderer Gelehrten das alte Testament heraus unter dem Titel The saoved books of the old Testament, A critical edition of the hebreiv text, Leipzig. HinrichS'sche Buchhandlung. UnS liegen vor Tbe books of Samuel (ed. Buddle) und The book of Job (ed. Siegfried;. Diese ganze kritische Methode ist Werth- und zwecklos. Der Wortlaut unserer heilige» Schriften ist von geweihter, unantastbarer Integrität, und Menschenwitz hat kein Iota daran zu ändern. Wir versagen eS uns darum auch prinzipiell, die Verunstaltungen und Verunglimpfungen, die der Bibeltext in den genannten Ausgaben erfährt, einer Untersuchung im Einzelnen zu unterziehen, die deren innere Unhaltbarkeil leicht aufzeigen möchte. Schade um das schöne Papier und den kostspieligen Farbendruck. Mit viel Vergnügen lasen wir in dem Buche Sennous et Allocutions par Zadoc Kahn, Grand-rabbin de France. Paris A. Durlacher 1894. Es bietet in flüssiger, klarer, begeisterter und auch für den Ausländer leichtverständlicher Sprache Predigten bei Synagogeneinweihungen. Rabbinerinstallationen, Reden bei Wohlthätigkeitsveranstaltungen, patriotischen Anlässen wie der Centenarseier der französischen Revolution, dem Tode CarnotS u. a. m. Mit dem Vergnügen der Lection paarte sich für uns das lebhafte Interesse, wie sich der jüdische Geist im modernen Frankreich äußere. Wir geben hier eine Stelle wieder aus der Predigt Les devoirs du rabbin: „Was ist der Rabbiner, der Diener der jüdischen Religion? Das ist der Mann, der seine Kindheit und seine Jugend dem Studium der heiligen Bücher und der Denkmäler unserer Ueberlieferung geweiht hat, der seinen Lebensgang führt in der Vertrautheit mit den großen Geistern, die das Zudenthum als die berufenen Interpreten seiner Lehre betrachtet. Er hat die erhabene Stimme vernommen, die von der Hohe des Sinai niedertönte, er ist in der Schule der Propheten gewesen, der unsterblichen Verkünder der Gerechtigkeit, der Reinheit, der Liebe, der Frömmigkeit, er hat die Harfe der heiligen Dichter klingen hören, der begeisterten Sänger Gottes, der Natur, der Familie, der tiefsten Empfindungen und der demuthsvollsten Tugenden, er hat mit den alten Weisen alle Falten des Herzens durchspürt und jedes Geheimniß unseres Geschickes, er hat die feinen und eindringenden Untersuchungen der Gelehrten des Talmuds durchforscht, dieser Lehrer einer unbeugsamen und strengen Sittlichkeit, die nicht das Geringste vernachlässigt unb keine Pflicht vergißt, und endlich ist er der Erbe dreitausendjähriger religiöser Inbrunst und Bemühung um das Gute, der Schüler Tausender von edlen Seelen und mächtigen Denkern." AuS allen diesen Reden spricht die höchste Vaterlandsliebe und ein glühender Patriotismus, wie auch der Redner in der Predigt La revolution fran$aise et le judaisme epigrammatisch sagt, die Devise der modernen französischen Judenheit sei: Religion und Vaterland. Eine kurze, aber fesselnde und inhaltsreiche Schrift ist „zur Geschichte der Targumim nach talmudtschen Quellen von Louis HauSdorff. Schottländer Breslau." Der Verfasser beweist viel Scharfsinn und verfügt über eine knappe und klare Diction. Wir behalten nnS vor, noch einmal eingehender darauf zurückzukommen. Von „die jüdische Litteratur seit Abschluß des Kanons, herausgegeben von Winter und Wünsche." Trier Sigmund Mayer 1894 liegen uns die Lieferungen 20, 21 und 22 vor. ES behandeln darin 1) Dr. S. Bäck die Darschanim, 2) Dr. Ph. Bloch die jüdische Religionsphilosophie, 3) Dr. A. Ackermann den synagogalen Gesang und 4) M. Grünbaum die jüdisch-deutsche Litteratur. Auch diese Hefte enthalten wieder gerade wie die früheres eine reiche Fülle des Wiffenswerihen und Anregenden. In 1) und 4) werden vorwiegend Textproben mitgetheilt, 2) und 3) geben zusammenhängende Darlegungen. Ihre Leser werden sich der Aufsätze des Herrn Dr. Ackermann über den Gesang im Gottesdienst erinnern, die in diesen Blättern (Nr. 93 —98) erschienen und von ihm in der vo liegenden Schrift öfters citiert werden. Besonders interessant sind hier die mit Noten wiedergegeben Melodien zur Thoravorlesung nach verschiedenen Versionen, der deutschpolnischen, der sephardischen und der egyptischen. Mit der 21. Lieferung ist der II. Band des Werkes abgeschlossen. Einige Aeußerungen der Herausgeber aus dem Vorwort zu diesem Band mögen hier noch ihren Platz finden. „ES ist zu verwundern, daß in den dumpfen engen Ghettos, bei den Wanderungen von Ort zu Ort, von Land zu Land, eine so reiche litterarische Thätigkeit sich entfaltet hat, daß Werke geschrieben werden konnten, die schon durch ihren Umfang in Erstaunen setzen." lieber die Darschanim heißt eS dann: „Die vorhandenen Geschichten der jüdischen Litteratur übergehen in der Rege! diese Seite des jüdischen Geisteslebens oder widmen ihr nur wenige Worte, unser Werk behandelt in einem größeren Abschnitte die Darschanim und zeigt die Entwickelung der jüdischen Predigt vom 15. bis in das 18. Jahrhundert an einer Reihe von gehaltenen Erbauungsreden in ihrem eigenartigen Aufbau und ihrer inneren logischen Gliederung." Verantwortliche Redaktion: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS ^JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck unb Veilng der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdrnckerti-Rctien-Gesellschafr in Mainz.

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