Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1895)
- Date
- 1895-01-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI* Jahrgang. Erste Beilage zu M 5 des „Israelit". Leitende Artikel. Zum 24. Hewes, dem erste« Jahrzeitstage Louis Stillmann s. Ein Jahr ist dahin geschwunden, seitdem das Herz eines der edelsten Männer in Israel aufgehört hat zu schlagen. So wollen wir denn, einer altjüdischen Sitte folgend, versuchen, zu seinem 1. Jahrzeitstage ein kurzes Lebensbild des theuren Entschlafenen zu entwerfen. Louis (Elieser) Stillmann wurde am 29. Okt. 1825 (17. Cheschwan 5586) zn Rawitsch als Sohn deS Kaufmanns Hirsch Stillmann, genannt Prausnitzer und dessen Fran Brane geborene Rieß geboren. In früher Kindheit verlor er den Vater. Freudlos und voller Kümmernisse verlief seine Jugend. Er sowie seine 4 unversorgten Schwestern waren aus sich selbst angewiesen und den Stürmen des Lebens so frühzeitig allein ausgesetzt, zumal die Mutter in Folge von Krankheit erwerbsunfähig war. Nach einer schweren Lehrzeit bet einem Handwerker trat der junge Stillmann in das elterliche Handelsgeschäft, das damals von seinen Schwestern betrieben wurde und brachte dieses durch seinen rastlosen Eifer und Fleiß wie durch seine Sparsamkeit und Reellität langsam aber stetig in die Höhe. Schnell stieg er auch in der Achtung seiner Mitbürger, die ihn schon in einem Lebensalter, wo andere noch an ihrer eigenen Ausbildung arbeiten, in die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde wählten. Kurze Zeit darauf vermählte er sich mit Dorothea Biberfeld aus Lißa. Rastlos arbeitete er weiter, unermüdet war er in seinem Geschäfte thätig. Jeden freien Augenblick jedoch, den er hatte, widmete er der jüdischen Gemeinde Rawitsch, die ihn indessen zum Vorsitzenden ihres Vorstandes gewählt hatte. Seine Arbeit war von Erfolg gekrönt; aus seinen Fleiß folgte der Preis. Alles, was er sowohl in privaten wie öffentlichen Angelegenheiten unternahm, glückte. Bet jedermann, der ihn kannte, bei Christ und Jude war er hoch geachtet. Sein Geschäft blühte; so erwarb er sich durch seine Arbeit und seinen Fleiß ein namhaftes Vermögen, das er in den Dienst der Wohlthätigkeit stellte. So gründete er u. A. im Jahre 1872 mit einer bedeutenden Summe die so segensreich wirkende, seinen Namen tragende Stiftung „zur Unterstützung Armer und Bedürftiger ohne Unterschied des Glaubens zu Rawitsch". Solches Thun konnte nicht unbemerkt bleiben; von Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm I. wurde St. durch Verleihung eines Hohen Ordens ausgezeichnet. Seine Mitbürger hatten ihn schon vorher in die Stadtverordneten-Versammluug entsandt, in der er 18 Jahre segensreich wirkte. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ernannte ihn zu seinem Delegierten. Ferner gehörte er auch dem Kreistage des Kreises Meseritz an. in deffen Bezirke das in seinem Besitze befindliche Rittergut Schierzig liegt. Durch den Besitz dieses übte er einen wahren nvn tcnTp, indem er dadurch dazu beitrag, die Legende zu zerstören, daß die Juden ihr Vermögen nur in mobilem Kapital anlegen und Ackerbau und Grundbesitz abgeneigt seien. Von seinem Geschäfte hatte sich Louis Stillmann schon früher zurückgezogen und so widmete er sich dann nur der Verwaltung seines Rittergutes und vornehmlich seinen zahlreichen Ehrenämtern, im besonderen der jüdischen Gemeinde Rawitsch. Die Interessen dieser Gemeinde galten ihm mehr als seine eigenen. Keine Arbeit und Mühe galt ihm für diese zu schwer. Was in den letzten 40 Jahren in der jüdischen Gemeinde geschaffen wurde — so lange war er deren erster Vorsteher — ist vornehmlich sein Werk. So war er es besonders, der den Bau einer neuen Synagoge anregte und durch die große Summe, die er in Gemeinschaft mit seiner ihn in allen seinen edlen Bestrebungen unterstützenden Gattin dafür spendete, ermöglichte. In Anbetracht deffen wie überhaupt all der Verdienste, die er sich um die jüdische Gemeinde erworben, überreichten ihm Vorstand und Repräsentanten am 22. Mat 1888, dem Tage der Synagogen-Grundsteinlegung, eine künstlerisch ausgestattete Adresse, in der sie ihn zum immerwährenden Mitgliede der Gemeinde ernannten. Am 19. September l889 hatte er die Freude, die neue Synagoge, die eine Zierde der Stadt ist, ihrer heiligen Bestimmung zu übergeben. Die Freude, ihn in unserer Mitte zu sehen, war jedoch nicht mehr von langer Dauer. Einige Jahre nachher, am 2. Januar 1894 (24. Tewes 5654) schon wurde dieser edle Mann nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse zn seinen Vätern versammelt. Jedoch nur der Körper Louis Stillmann's ist gestorben; sein Name lebt ewig fort durch die edlen Thaten, die er während seines Erdenlebens geübt, wie durch die zahlreichen großartigen, so segensreich wirkenden Stiftungen, die er testamentarisch ins Leben gerufen. Nicht von leiblichen Kindern — denn diese sind ihm versagt gewesen — wird er betrauert; um so tiefer aber von seiner Gattin, die ihren treuen Lebensgefährten, von einer großen Familie, die ihren väterlichen Freund, von einer