Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1895)
- Date
- 1895-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. 4^5 Uur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 11.) (Alle Rechte Vorbehalten. Willy blieb diesen Bemühungen gegenüber nicht kalt und bald saß er mit den beiden Mädchen qemüthlich plaudernd am Fenster und blickte von Zeit zu Zeit hinaus auf die Straße. Man sprach über die Ereignisse der Woche und kam auch auf Nahida Remy, die Vertheidigerin des Judenthums und der Juden zu sprechen und während Greta deren Gelehrsamkeit, ihre Schwester ihren Fleiß und ihre Ausdauer hervorhob. rühmte Willy die Unpartheilichkeit und strenge Objectivität derselben und sagte: „Die Dame würde noch mehr für das Judenthum schwärmen, wenn sie das Glück hätte, gesetzestreue Juden kennen zu lernen." „Ein zweifelhaftes Glück jedenfalls," warf die ältere Schwester lachend ein; „ich kann mir keine orthodoxen Juden vorstellen, ohne zugleich an Zwiebel und Knoblauch denken zu müssen." Willy wnrde bei dieser Bemerkung feuerrot, und Frl. v. Toussaint, die sofort merkte, daß sie etwas Beleidigendes für Willy gesagt hatte, lenkte sofort ein und versuchte die Sache wieder gut zu machen. Willy schnitt ihr jedoch das Wort ab und sagte: „Wenn Sie das Glück einmal genossen hätten, welches das echte Judenthum seinen Anhängern bietet, würden Sie es kein zweifelhaftes nennen, sondern um dieses Glückes halber gerne die Erinnerung an Zwiebel und Knoblauch, der Leibspeise der Italiener und Spanier, hinnehmen." „Das ist mir unbegreiflich", sagte Greta. „Wie kann eine Religion ein solches Glück gewähren, deren Vorschriften die Bekenner an jeder freien Bewegung hindern, ihnen in jedem Augenblicke lästig werden. Das wahre Glück kann doch nur in der Freiheit gedeihen, nicht aber unter den engen und drückenden Fesseln einer starren Orthodoxie." „Wo viel Freiheit ist, da ist auch viel Jrrthum," entgegnete Willy „und sicher ist der schmale Weg der Pflicht. Aber wie man Pflichten erfüllt, wie man sich in selbst unangenehme Pflichten hineinlebt, ste lieben und gerne erfüllen lernt — das können Sie bet den orthodoxen Juden sehen. Sie fragen nicht, warum haben wir diese oder jene Pflicht; ste wissen, daß die Pflicht da ist und erfüllen sie." „Sie scheinen ja noch sehr von der Vortrefflichkeit Ihrer Orthodoxie überzeugt zu sein." sagte die altere Schwester spitz, „warum stckv Sie ihr nM treu geblieben?" „Warum? Diese Frage sollten Sie am allerwenigsten an mich richten. Sie wissen, wie ich gekämpft habe und wie schwer es mir fiel der Versuchung, in welche Sie und die Ihrigen mich täglich führten, zu widerstehen." Laßt doch diesen Lärm um Nichts", mahnte Greta; „Du bist jetzt einer der unseren und wir sind beide glücklich." „— Einer der Unseren?" fragte erstaunt die ältere Schwester, „noch lange nicht. Noch ist Herr Willy nicht zum Christenthum übergetreten, noch hat er die Taufe nicht erhalten." „Ist auch gar nicht nöthtg", eiferte die jüngere Schwester, indem sie Willy umschlang; „wir bekennen uns zum Vereinigten Christenthum des Herrn Egidy, das ist wahres Christenthum' und j wahres Judenthum, das ist die Religion der Zukunft."' Willy, dem diese Erörterungen fehrziunangenehm waren, ging im Salon auf und ab. Jedesmal, wenn die Unterhaltung auf das religiöse Gebiet überging, -ja es nur streifte, ^ward ihm unbehaglich zu Mute. Er konnte den Juden und zwar den gesetzestreuen Juden doch nicht so leicht los werden. Die Lehren der Religion seiner Väter, ihre Vorschriften,.Gebote und ^SatzungenWaren ihm so in Fletsch und Blut übergegangen, daß er jedesmal, wenn er eine Vorschrift übertrat, sich von Neuem'dazuHwkngen mußte. Nun gar Erörterungen dieser Art! Er haßte ste mehr als alles andere; denn jedesmal nach solchen Erörterungen erwachte sein Gewissen und er fand keine Gründe, die diesen unbestechltchen^Richter in ihm beschwichtigen konnte«. Die Arbeit half ihm alsdann über diese Scrupel stets hinweg und auch heute verließ er den Salon, um, wie er sagte, zu arbeiten. Greta ging mit ihm. Mit meiner Handarbeit beschäftigt, setzte sie sich neben ihn und ihr freundlicher Blick, ihr bezauberndes Lächeln, ein^Händedruck oder gar ein Kuß versüßten ihm das trockne Studium. Ein von der Natur in so hervorragendem Maße begabter Schüler konnte den Lehrern an der^ Hochschule nicht verborgen bleiben. Man wurdet aufmerksam auf ihn und einige der Herren, die Interesse an ihm nahmen, würdigten ihn ihres ipersönltchen Verkehrs und führten ihn in ihre Familien.ein. Greta sah nicht gerne, daß Willy in anderen Familien* verkehrte;.sie wachte eifersüchtig darüber, daß er dort nicht verkehrte, wo er mit jungen Damen zusammengekommen wäre und wandte alle Mittel an, um ihn zu isoliren, ihn von jedem Familtenumgang fern zu halten. Das gelang ihr auch zum größten Theile, aber hin und wieder konnte I str V4 ivkvw» mk alsdann jedesmal durch doppelte Liebenswürdigkeit und raffinirtere Koketterie, die Fesseln, die ihn an ste knüpften,