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Der Israelit · 1895-01-17 · Heft 5 (17.1.1895) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 5 (17.1.1895)
Date
1895-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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82 mögen, hinzu, so wird man das allgemeine Urtheil begreiflich finden, das dem Oberrath längst ein langsames Absterben durch Verkalkung der Arterien prognostictrte. Eine Bluterneuerung that dringend noth, und da man, aus naheliegenden Gründen, diejenigen Elemente, von denen man ein energisches Durchgreisen fürchten zu müssen glaubte, trotz ihrer guten Eignung für jenen Zweck in den Oberrath nicht aufnehmen mochte, so griff man zu einem Ausweg: man nahm aus der christlichen Klrchenverfaffung ein weiteres Stück hinüber, damit das alte, lebensschwache, unjüdische Oberrathsthum zu stützen, und Zeit zu gewinnen, um, gedeckt durch die neue, schön gemalte Coulisse, das alte System noch eine Zeitlang „fortzuwursteln." Den christlichen Charakter dieser Institution nachzuweisen, wäre Zeitverschwendung und niemals, so lange das Judenthum besteht, wurde eine derartige Einrichtung, dauernd oder vorübergehend in seinen Bau eingesügt. Seine Geschichte kennt wohl ein Synhedrion, eine Synagoga magna, die mittlere und neuere auch „Rabbtnersynodenaber eine „Generalsynode," in der das große Wort die Männer führen werden, welchen das Vertrauen ihrer Mitbürger schwarz auf weiß die dazu nöthige Befähigung attestirt hat, daS ist neuartig, unjüdisch und durchaus fin de siäele. Mag darum die Zusammensetzung der Synode wie immer sich ergeben: Namens des histor ischenJudenthums sei schon heute Verwahrung gegen diese unausgesprochene Verheißung, deren unjüdischer Charakter eklatant, hierdurch eingelegt. DaS destruktive Werk des Oberraths, wie wir oben es geschildert, soll und wird in der Synode, mögen darinnen selbst die „gemäßigten" Elemente — was wir nicht glauben — die Oberhand gewinnen, feine Fortsetzung und Weiterbildung erfahren. Mehr und mehr wird das Bewußtsein der eigenen Pflicht auf religiösem Gebiet durch das bequemere Schwören in die Worte der „Generalsynode" abgelöst und damit dem Anwachsen des religiösen Jndifferentismus weiter die Bahn eröffnet werden. Wie weit es damit schon heute gekommen ist, erhärtet aufs drastischste folgender Vorfall aus der Praxis des Lebens. Ein recht religiöser Mann hatte die Milah bi-semano bei seinem Kinde lediglich deßhalb vernachlässigt, weil der gewöhnlich dort fungirende Mohel aus einem plausiblen Grunde die Vornahme der Milah abgelehnt hatte. Darüber zur Rede gestellt, erklärte er im Brusttöne ehrlichster Ueberzeugung, es sei nicht seine Sache für die Milah seines Kindes zu sorgen, sondern die Schuld der Vernachlässigung träfe lediglich den Mohel, zu dessen „Sprengel" er gehöre, und der verpflichtet sei, entweder selbst zu erscheinen oder Ersatz zu stellen! Das find die naturgemäßen Folgen der „Sprengeltheorie", die an Stelle des lebendigen und lebenswarmen Gottes in der Brust einen kalten, tobten Paragraphen von Menschenhand setzt, das sind die Ergebnisse jener Bevormundungsmanie, die ihren Anfang im Oberrath, ihr Ende in der „Generalsynode" steht. Man hat es so dargestellt, als wäre im ganzen Lande die Sehnsucht nach einer neuen Verwaltungsbehörde, nach einer größeren Betheiligung des „Latenelements" an der Bethätigung des religiösen Lebens in einem Maße emporgediehen, die ihre Befriedigung vor allen wünschenswerth macht. Beruft sich doch der Oberrath in seinem Erlaß vom 27. Oktober 1893, der die Synodalfrage zum ersten Male anschneidet, ausdrücklich auf die dahin gerichtete Stimmung des Landes in den Worten: „Was die Gemeinden schon lange wünsch e n ... das ist die Schaffung einer Vertretung der israelitischen Gesammtheit, welche nicht nur in finanziellen Angelegenheiten, sondern in allen wichtigen Fragen des kirchlichen Lebens die Bedürfnisse, Wünsche und Forderungen der Gesammtheit in autoritativer Weise zum Ausdruck zu bringen und bei Erlassung neuer Satzungen und Verordnungen ihre Willensmeinung entscheidend in die Wagschale zu werfen hätte". Ist dem wirklich also? Auch ich „lebe in der Mitte meines Volkes", und die Stimmen namentlich aller derer, die ein Plätzchen in ihrem Herzen für die Interessen ihrer Religion und den treuen Väterglauben sich gewahrt haben, bleiben mir weniger fremd, als den Herren, die am grünen Bureautisch die Religion der Landesjudenschaft — daß Gott stch's erbarme — „verwalten". Aber ich habe nur einmal eine einzige Stimme gehört, die mit Emphase für die Betheiligung des „Laienthums" an der Ausbildung und Forentwickelung der Religion sich aussprach, die mit klaren, dürren Worten „eine wahrhafte, aus Wahlen hervorgehende Generalsynode mit Laienmajorität" kategorisch forderteDie Stimme des Herrn Rechtsanwalt S. Fuchs zu Karlsruhe (Zeitschrift für bad. Verwaltung X. Jhrgg. 1893. Nr. 20), der dieser Vertretuna zu bedürfen glaubte, um den Widerstand des Berufstheologenthums gegen seine „Verbefferungsvorschläge" zu brechen. Diese Vorschläge sind f. Z. von mir einer eingehenden Kritik an anderer Stelle unterworfen (vgl. Jüd. Pr. Jahrgg. 1893. Nr. 45) und in ihrem ganzen nackten Zerstörungsfanattsmus klargestellt worden. Nichts geringeres als die Vertagung der Sabbatruhe auf den Sonntag wurde, vermuthlich als erste Abschlagszahlung auf weitere religiöse „Verbesserungen", wie Beseitigung der Speiseverbote u. s. w., verlangt, und, weil der Widerstand der Rabbiner gegen diese

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