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Der Israelit · 1895-01-14 · Heft 4 (14.1.1895) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 4 (14.1.1895)
Date
1895-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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t' ' i iu.|un.iiiMi.iiwjj i. ii ii 1.1 70 wiederholt sich. Ein solcher mit dem Geiste Efras beseelter Mann sollte in unserem Lande erstehen, der das Volk zur Liebe zu seinem Glauben be- «ciftcrtc und von der Kanzel vertriebe die falschen Priester, die sogenannten Rabbis, welche den alten Glauben verhöhnen." (Wir rufen dem Redner ein herzliches Bravo! zu.) Hrn. Levy's Rede nahm eine volle Stunde in Anspruch und wurde wiederholt durch lebhaften Applaus unterbrochen; nachdem er geendet, wurde beschlossen, dem fähigen Redner den Dank der Convention abzustatten und die meisterhafte Rede dem Protokoll etnzuverleiben und zum Druck zu befördern. Daß die Rede des Herrn Levy ungeheures Aufsehen macht, noch mehr als s. Z. eine ähnliche von Frau Esther Ruskay, ist leicht ersichtlich. Den Reform-Rabbis gefällt sie natürlich nicht. Aber sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Während die Rede der Frau Esther Ruskay in New Aork bald vergeffen war, wird wohl diese einen nachhaltigen Eindruck machen. In der That das Judenthum der amerikanischen Reformrabbiner ist nicht Judenthum, sondern Individualismus. Ein Jeder lehrt ein eigenes Judenthum ohne objektive Norm. Das ist es, wogegen Advokat Levy sich wendet. > Vermischtes. *4- Aus Rußland Ueber die Thätigkeit der jüdischen Aerzte im Dienste der ruffischen städtischen und Landschaftsverwaltungen (die nach Versicherung unserer braven Antisemiten die jüdischen Aerzte als die „schlimmste Landplage" betrachten sollen) schreibt der Correspondent der „Rußkaja JiSne" aus Weßjegonsk im Gouvernement Twer;*) „Die Einwohner von Weßjegonsk hatten kürzlich eine heilige, aber recht traurige Pflicht zu erfüllen, indem sie ihren geliebten Arzt, M. M. Olschwanger, scheiden lassen mußten, der von der Centralregierung nach Kraßnojarsk commandirt wurde. Tiefes und aufrichtiges Bedauern malte sich auf allen Gesichtern, besonders lebhaft aber kam dieses Gefühl bei den ärmeren Schichten der Bevölkerung zum Ausdruck, denen der Scheidende nicht nur gewissenhafter Berather in Krankheitsfällen, sondern im besten und weitesten Sinne Helfer in der Noth war. Dieser jüdische Arzt hinterläßt Erinnerungen in unserer Stadt, in der, beiläufig bemerkt, kaum drei bis fünf jüdische Familien vorhanden sind, um die ihn der beste Christ beneiden möchte. In der ganzen Stadt giebt es keinen Handwerker und weit in der Umgebung keinen Landmann, der Olschwanger anders als mit „theuerster Vater!" (dorogoi Otetz) anredete und für ihn andere Gefühle als die der tiefsten Dankbarkeit und aufrichtigen Verehrung hatte. Dabei wissen sie alle, daß er Jude ist. Aber, ich glaube, wenn ein Türke und selbst ein Heide sich so vollständig und selbstlos dem Werke der Linderung der Leiden der armen und arbeitenden Volksmassen gewidmet hätte, wie der Jude Olschwanger, und durch seine ebenso segensreich wie aufopfernde Thätigkeit, trotz mancher Anfeindung, ein Jahrzehnt lang unermüdlich und unerschrocken fortsetzte, *) Citirt im „Woßod", Nr. 41, vom 9./21. October. unsere städtische und Landbevölkerung in ihrer drückenden Majorität hätte ihm ebensogut den Koran und den Buddismus verziehen, oder doch vergessen. Da standen fie nun am denkwürd gen Tage der Scheidung mit entblößten Häuptern am Hasen — die würdigen Repräsentanten der Zünfte und der umliegenden Dorfgemeinden, lauter Graubärte, die dem Scheidenden für seine 15-jährige Thätigkeit zwar keine kostbaren Geschenke aus Gold und Silber, dafür aber aufrichtige Thränen der Rührung darbrachten, die schöner glänzten als alle Perlen Indiens. Und dichte Massen vom „gemeinen" Volke drängten sich hastig an das Ufer, um dem Vergötterten das letzte Lebewohl zuzurufen. Wir sahen, biedere Handwerkerfrauen und Bäuerinnen ihre Kinder auf die Schultern heben und wir hörten, wie die Mütter den Kindern zuflüsterten: „Der war unser Wohlthäterl Segne ihn Gott und belohne ihn der Herr zehnfach!" — Olschwanger vereinigte 15 Jahre lang die Aemter des Stadt- und Kreisphystcus mit denen des Landschaftarztes." — Herr Dr. Mayer in CharleStowe wurde zum Präsidenten der medicinischen Gesellschaft von West-Virginien erwählt. Feuilleton. 4^5 Jlur eine Tochter. As Erzählung von H. Berger. 10.) (Alle Rechte Vorbehalten. Am Tage vor der Operation waren Fanny und Anny im Krankenzimmer. Da ließ die Mutter iür Kind zu sich ans Bett kommen. Mtt Liebevollem Blick umfaßte sie die herrliche Gestalt und drückte mit schwacher Hand die Rechte derselben. Sie wollte ihr noch etwas sagen, aber die Kehle war wie zugeschnürt und Thränen ersttckteu ihre Stimme und machten ihr das Sprechen sehr schwer. Aber es mußte sein und ste nahm alle Kraft zusammen und sagte: „Mein Kind, ich stehe vor einer ernsten Stunde. Mein Leben ruht in Gottes Hand; er kann es mir nehmen und ich darf nicht darüber murren und kann es mir wiedergeben als Geschenk seiner Gnade. Aber daran denken muß ich, daß heute der letzte Tag sein kann, an welchem ich unter Euch verweile und deßhalb, verzeihe, meine Anny, lwenn ich Dir wehe thun muß." Anny rannen die Thränen über die Wangen; ihr Herz klopfte zum Zerspringen; ste zwang sich zur Ruhe und ihre Wange an die magere Wange der Mutter schmiegend, sagte sie: „Denke nicht daran, mein Mütterchen, der liebe Gott wird Hilfe senden und Dich uns noch lange Jahre erhalten." „Ich bete darum zu ihm, aber weil es auch anders sein könnte, höre mir zu, mein Kind, und versprich mir, die Bitte, die ich an Dich richte, zu erfüllen. Gottes reichster Segen wird dies lohnen, wenn Du thust, was ich von Dir erbitte."

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