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Der Israelit · 1895-01-14 · Heft 4 (14.1.1895) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 4 (14.1.1895)
Date
1895-01-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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69 selben sind nachstehende Hauptpunkte entnommen: „Eine höchst merkwürdige Erscheinung in der intellectuellen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts ist die Neigung, Alles bei Sette zu schieben, was alt ist, um Platz zu machen für etwas, das modern ist. Und da läßt sich nun sägen, daß. obschon die Entdeckungen und Erfindungen des jetzigen Zeitalters alle früheren in den Schatten stellen, es nichtsdestoweniger wahr ist, daß werthlose Neuerungen gegenwärtig zahlreicher sind als je zuvor. Selbst die Juden, welche sich stets durch ihr conservatkves Verhalten ausgezeichnet haben, sind nicht der vorherrschenden Tendenz aus dem Wege gegangen. Zu allen Zeiten sind die Juden dafür bekannt gewesen, daß sie die Gesetze und die Lehren ihres alten Glaubens bewahrt haben. Ihre Philosophie, die sich aus ihre Religion gründet, hat mit Erfolg allen Angriffen widerstanden, w.'lche im Laufe der Jahrhunderte von jedem feindlichen philosophischen System, von Unglauben oder Skepticismus darauf gemacht worden sind. Aber in Amerika, und besonders in den Ver. Staaten, hat sich eine große Anzahl mehr oder weniger erleuchteter Juden dem rücksichtslosen und berauschenden Verlangen nach Neuheiten ergeben und die rauhe Hand an Alles gelegt, was überhaupt Gelegenheit zum Angriff bot. Was immer alt ist, wird von ihnen als banal betrachtet. Die Bewegung, an welcher diese Juden sich betheiligen, wirkt lediglich zerstörend. Sie baut nicht auf, sondern reißt nieder. „Damit soll nun beileibe nicht gesagt sein, daß die Errungenschaften dieses Jahrhunderts zu unterschätzen sind. Die Civklisation ist in einer einzigen Generation mehr gefördert worden, als vordem in Jahrhunderten. Aber Reform und Reform ist ein Unterschied. Von den frühesten Zeiten haben unter gelehrten und frommen Juden Meinungs-Verschiedenheiten bestanden in Bezug auf religiöse Angelegenheiten. Die religiöse Literatur der Juden hat dadurch natürlich ihre Bereicherung erfahren. Die Meinungs-Verschiedenheiten lassen sich in drei Klassen zergliedern: 1. Verschiedene Ansichten über die wahre Auslegung von Theilen des Pentateuchs; 2. über die bindende Kraft traditioneller Lehre und Praxis, die nicht ausdrücklich in der Schrift selbst hcrvorgehoben sind; 8. über die Aenderungen in Liturgien und Cermonien, welche durch die veränderten Verhältnisse, die auf den Fortschritt der C'vilisation zurückzusühren sind, verursacht wurden. Alle diese Meinungs-Verschiedenheiten aber entstanden über Sachen, welche nicht die Integrität des Pentateuchs berühren. „Kommt jedoch jetzt eine Neuerung aufs Tapet, welche die Authenticität und bindende Kraft des Pentateuchs in Frage stellt, so wird das Judenthum selbst angegriffen. Es ist nichts in der Geschichte des Judenthums enthalten, welches der Annahme Vorschub leisten könnte, daß es das Recht der individuellen Meinung und die Gewissensfreiheit bestreitet. Betrachten wir nun die sog. jüdische Reformbewegung in Amerika, so ist die erste Erscheinung, welche uns da in die Augen springt, der Mangel an einem System. Sie ist spasmodisch und durchweg verneinend gewesen. Sie hat niemals einen großen Führer gehabt und besitzt auch jetzt keinen. Niemand ist als Reformer mit einer bestimmten Idee oder einem bestimmten Programme erstanden, um welche sich ernste Schüler oder Anhänger schaaren ließen. Im Gegentheil ist die ganze Bewegung chaotisch, sensationell und unlogisch gewesen. „Die Verwilderung, welche aus der Thatsache erwachsen ist. daß von jeder Kanzel, welche jüdisch zu sein vorgibt, ein verschiedenes „Judenthum" gelehrt wird, beweist am besten, wie nothwendig ein Gradmesser für die verschiedenen religiösen Vereinigungen ist und dies muß das wahre „Judenthum" sein, welches für alle Juden der gemeinsame Grund und Boden ist. Was ist nun das „Judenthum"? (Redner führte dieses Capitel weitläufig aus, citirte die Ansichten hervorragender Gelehrten über diesen Punkt, und fuhr dann fort:) „Die Juden dürfen die Demoralisation, welche in ihren Synagogen besteht, nicht länger andauern lassen. Wenn sie ihre alte Religion bewahren und für ihre Kinder erhallen wollen, dann müssen sie darauf dringen, daß ihre geistigen Führer jene Religion dcfiuiren. ihr fest anhängen, und sie auch den Gemeinden lehren. Viele derjenigen, welche jetzt als jüdische Rabbis figuriren, werden dann zweifellos finden, daß sie von dieser oder jener Stellung, welche sie eingenommen haben, ablaffen müssen, oder daß sie sich vom Judenthum zu trennen haben. Immer und immer wieder haben die Prediger unter den Juden falsche Lehren verbreitet. Es ist an der Zeit, daß einmal ein Führer ersteht, welcher in das Chaos Ordnung bringt. Das Volk ist reis dafür. Es ist dazu gekommen, seinen Rabbis zu mißtrauen, und die Lehren, welche von der Kanzel verkündet werden mit Gleichgültigkeit zu betrachten. Möge die Z it nicht mehr fern sein, da Wandel hierin geschaffen wird. Die Zukunft des Judenthums hängt davon ab." Einem weiteren direkten Berichte entnimmt „die Laubhütte" noch, daß der Redner wie folgt schloß: „Als Esra kam, fand er, daß das Religionsgesetz von den Priestern verletzt und vom Volke mißachtet wurde, und mit Hilfe Nehemias jagte er die falschen Priester davon und führte das Volk zur Beobachtung der Religion zurück. Die Geschichte

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