Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1895)
- Date
- 1895-01-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 „Sprich, mein geliebtes Mütterchen. Dein Wunsch sei mir heilig, wie ein Befehl meines Gottes." „So höre. Wenn Gottes unerforschlicher Rathschluß mich von Euch fortnimmt, so gehen meine Pflichten auf Dich über. Wie Du jetzt schon seit langer Zeit meine Stelle in der Führung des Haushaltes versiehst, so wird, wenn ich nicht mehr bin, die Pflicht au Dich herantreten, Deinem lieben Vater das zu sein, was ich mich ihm zu sein bestrebt habe, so lange wir uns lieben, eine treue Gefährtin auf der Bahn durchs Leben. Ob ich meine Aufgabe ihm gegenüber stets in vollem Maße erfüllt habe, wie ich es wohl gewünscht, das wirst Du erfahren, wenn — wenn Du an meine Stelle treten mußt. Du bist noch jung. Die Jugend will ihr Recht haben, aber vergiß im Rausch der Freude nicht an den armen Mann, der fortan einsam durchs Leben wandeln wird. O, verlaß ihn nicht; überlaffe ihn nicht fremden Leuten, denn er ist an Liebe gewöhnt. Du wirst auch einen Mann finden, dem Du Deine Liebe weihst, o vernachlässige um dieser Liebe nicht Deinen Vater, der uns alle so innig liebt. Bleibe bei ihm bis er mir nachfolgt in jene Gefilde der Seligen, woselbst es keine Trennung mehr giebt." Die Kranke hielt einen Augenblick erschöpft inne; Anny that ihr leid, denn unterdrücktes Schluchzen erschütterte den zarten Leib derselben. Jetzt hob sie ihr von Thränen überströmtes Antlitz empor, umschlang die Mutter und sagte: „Ich verspreche es Dir, liebe Mutter. Ich will meinen Vater niemals verlaffen, niemals!" Die Mutter nickte mit dem Haupte und fuhr weiter: „Auch um Willy ist mir bang. Bitte Deinen Vater, seine Hand nie von ihm abzuziehen. Sei Willy das, was ich ihm gewesen bin, die sorgende Mutter. Mag er noch so weit vom rechten Wege abirren, verlasse ihn nicht. Versuche selbst ihn uns wiederzugewtnnen, thu seinen Verführern zu entreißen. Wenn seine überschäumende Jugend ausgetobt hat, wird er den Weg ins Vaterhaus zurücksuchen. Verlege ihm diesen Weg nicht, auch wenn Du erfährst,-daß er nicht Dein wirklicher Bruder ist." Anvy fuhr erschrocken auf. Bange starrte sie die Mutter an; sie fürchtete, sie rede irre. Doch diese hatte den Blick ihres Kindes gesehen und bat dringend: „Versprich mir es, meine Anny. Was Dir heute unbegreiflich erscheint, wirft Du später verstehen lernen und wenn Du es auch nie verstehen solltest, glaube mir, ich will nichts Unrechtes von Dir, wollte nie etwas Unrechtes in meinem ganzen Leben. Willy war ein gutes Kind, er wird auch ein braver Mensch, ein guter Jehudi werden." Anny versprach auch dieses; was hätte sie nicht noch alles versprechen, um ihr die Ruhe für den kommenden Tag zu geben! Aber die Mutter war noch nicht fertig. Die Familie Apolant, ihre Armen, ihre Vereine legte sie der Tochter ans Herz und empfahl sie ihrer Güte. Dann ließ sie Fanny herbeirufen. „Auch an Dich habe ich eine Bitte," sagte fie. ihre Hand erfassend. „Verlasse meine Anny nicht! Bleibe bet ihr, bis Du etnztehst in das Haus des Mannes, dem Du fürs Leben angehören willst. Anny wird dafür sorgen, daß auch Du, wenn sich der Rechte findet, eine Familie gründen kannst. Bis dahin bleibe bet ihr; versprich es mir." Fanny konnte nicht sprechen, aber der Druck, mit dem sie die Hand der Kranken umschloß, drückte mehr aus, als Worte hätten sagen können. „So. jetzt lasset mich allein," fuhr die Kranke weiter, „jetzt habe ich mich mit meinem Gotte zu beschäftigen, daß ich bereit bin, wenn er mich ruft." Die Mädchen gingen schluchzend von dem Bette weg und ließen die Kranke ungestört. Ihre Lippen bewegten sich fortwährend. Sie betete. Sie machte sich bereit zu jener Reise, die am Ende unseres Lebens steht und auf welcher uns niemand begleitet als unsere — guten Thaten. Willy ging niedergeschlagen und traurig in seinem Zimmer umher. Der Brief, den er soeben von Anny erhalten, hatte seine Gefühle und Empfindungen in Aufruhr versetzt, denn die Liebe, die einmal im Herzen Wurzel gefaßt hat. läßt sich nicht plötzlich herausreißen. Langsam, eines nach dem andern mußten die zarten Fasern dieser Wunderblume aus dem Boden, in dem sie wächst, losgelöst werden und solange auch nur das kleinste Endchen einer Faser im Boden wurzelt, so lange ist die Liebe im Herzen nicht erstorben, sondern sie richtet sich auf und bäumt und wehrt sich gegen jede Gewalt und gegen jedes Leid, das ihr zugefügt werden soll. Willy hatte seine Eltern geliebt und er liebte sie noch, wenn auch sein Egoismus und die Kunst der Verführung diese Liebe fast in seinem Herzen zu ersticken versucht hatten. Die Krankheit seiner Pflegemutter ging ihm nahe und er hätte sicher ihren Wunsch erfüllt und wäre in die Heimath gereist, hätten ihn die Töchter seiner Hauswtrthin nicht mit aller Macht der Verführung und der Koketterie zurück gehalten. Greta von Toussaint wußte, was für sie auf dem Spiele stand, wenn Willy in die Heimath reiste und sie machte ihn in den süßen Fesseln machtlos, daß er ihrem Willen sich unterwarf. Auch jetzt kam sie herein, mit einem hellen Kleid bekleidet, strahlend