Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1895)
- Date
- 1895-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Taufwasser wegspülen zu können, und hat dieses Ziel ja auch schon oft erreicht. Unsere semitische Abstammung läßt sich nicht wegwaschen. Der Rassenhaß des Antisemitismus ist unerlöschlich. Er kann nie befriedigt, nie versöhnt werden, er läßt sich durch keine Namenfälschung abfinden. Jeder Zug deS jüdischen Gesichts verräth, was der derleugnete jüdische Name verheimlichen wollte; und die Verschärfung des Hasses erscheint als eine gerechte Strafe für die Verleugnung des jüdischen Berufs, welche die Verleugnung des jüdischen Namens bedeutet. Sind wir Juden das eigentliche Volk Gottes, das Gottesvolk auf Erden inmitten aller anderer Völker, das wie keine andere Nation das Dasein und Eingreifen Gottes in das Leben und Geschick der Menschen und Völker manifestirt, so ist diese Göttlichkeit in dem Namen „Jude," eigentlich Jehudi, wie nirgends sonst ausgesprochen. Zu dem ersten Träger des Namens nun' bemerken die Weisen im Midrasch uuseres Wochenabschnitts, daß in ihm wie in keinem anderen Namen der Stämme der vollständige vierbuchstabkge Gottesname enthalten ist. Die Verhöhnung des Namens ist deßhalb eine Verhöhnung des Allmächtigen, besten Namen mit dem jüdischen Namen verbunden ist. Gott, der die Kränkung seines heiligen Namens ahnden wird, wird auch derjenigen sich annehmen, die wegen der Führung seines Namens leiden. Dann bleibt uns bei allem Leiden die tröstliche Zuversicht: itn»' vb o 2nn ivv TQysney pin Gott wird sein Volk nicht preisgeben schon wegen seines großen Namens, der mit seinem Volke unauflöslich verknüpft ist. Was bliebe uns aber, wenn wir uns unseres jüdischen Namens schämten? Während man sonst auf den Adel stolz ist, den der Klang eines guten, alten Namens repräsentirt, sollten wir unsere alten Namen verleugnen, und nach neuen seit heute und gestern aufgetauchten gierig Haschen? Die verwerfliche, wenig Vertrauen erweckende Gesinnung, die einem solchen Gebühren zu Grunde liegt, hat im Talmud schon vor Jahrtausenden Rabbi Meir gegeißelt. Im Talmud Joma fol. 83 wird berichtet: Rabbi Meir, Rabbi Jehuda und Rabbi Jose waren auf der Reise. Rabbi Meir legte dem Namen, den Jemand führt, Beachtung bet, seine Gefährten thaten dies nicht. Als sie an ihr Reiseziel kamen, verlangten sie von einem Wirthe Aufnahme. Sie fragten ihn nach seinem Namen. Er antwortete,, ich heiße th >2 (Kidor d. i. wie die Zeit). Darauf bemerkte Rabbi Meir: der Mann ist ein Bösewicht, mit Hinweis auf den Schriftvers nvn nmenn “in n „die Zeit repräsentirt die Verkehrtheit." Die Genossen R. Meirs vertrauten dem Wirthe ihre Baarschaft zur Aufbewahrung an, sie wurde ihnen unterschlagen, während R. Meirs weise Vorsicht ohne Schaden ausging. Vielleicht will uns dieser Name Kidor (wie die Zeit), den R. Meir beanstandet hat, sagen, daß derjenige, der ihn führte, sich mit Hintansetzung seines eigentlichen jüdischen Namens nannte, wie die Zeit es eben mit sich brachte. Während aber sonst die Zeit die Namen von altem, guten Klang vorzieht, handeln diejenigen, die sich wie es die Zeit gerade verlangt, nennen, damit gerade gegen die Zeit. Diese Umkehrung der thatsächlichen Verhältnisse gerade bet denjenigen, die sonst der Zeit schmeichlerisch zu Gefallen leben, bürgte R. Meir dafür, daß er es mit einem von denjenigen verkehrten Kindern der Zeit zu thun habe, auf die kein Verlaß ist und zu welchen man kein Vertrauen haben darf! 02 jidn d\» non roznsnn “in o. Die Sucht die jüischen Namen abzulegen, ist daher kein günstiges Omen für die von ihr erfüllten. Bet uns macht sich diese Sucht aber auch vielfach selbst da bemerklich, wo der Verkehr mit der außerjüdischen Welt gar nicht in Betracht kommt; z. B. in unseren Synagogen. Dort lebt der schöne, durch unzählig: Jahrhunderte heilige Brauch die zum Worte Gottes Geladenen mit ihren jüdischen Namen und dem des Vaters aufzurufen. Dadurch ist jedem einzelnen sein jüdischer Name präsent geblieben, obwohl er im Leben sonst durch einen modernen, zeitgemäßen verdrängt war. Unsere Abneigung gegen die jüdischen Namen hat auch diese heilige Sitte angetastet und in vielen Gemeinden den unjüdischen Brauch eingebürgert, die zur Thora Geladenen wie die Sträflinge eines Zuchthauses nur als Nummern zu behandeln, und sie als w, pwn w'bw u. s. w. aufzurufen. Es ist diese Erscheinung vlelleicht ein noch betrübenderes Symptom als die Ausmerzung des jüdischen Namens im täglichen Leben, wo man doch noch einen täuschenden Borwand dafür geltend machen kann. — Dadurch ist es soweit gekommen, daß viele ihre jüdischen Namen vollständig vergessen haben. Man gedenkt seiner vielleicht erst bet Sterbegebeten oder wenn es sich um Anfertigung einer Grabschrift handelt, falls die Grabsteininschrtften noch wenigstens in jüdischer Sprache abgefaßt werden; einen Umstand, den schon Rabbi Moscheh Sofer durch satyrische Anwendung des Psalmworts geißelte: oniv«Q itop müih by „Mau nennt sie mit ihren Namen erst, wenn sie schon auf der Erde liegen." (Ps. 49, V. 12.) Angesichts dieser Verirrungen scheint es mehr als je geboten auf unsere jüdischen Namen zu achten und sie um so höher zu schätzen, je geringschätziger . die ganze Zeitrichtung sie pretsgibt. — Nur dann