Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1895)
- Date
- 1895-01-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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48 / 36 seines famosen „Bundschuh" einen bezeichnenden Beleg: „Hast du überhaupt ein vernüstiges, durchgreifendes Gesetz in den verflossenen zwanzig Jahren erhalten, deutsches Volk? Steht nicht jedem der Stempel der Quacksalberei und des Volksbetrugs an der Stirne?! Der Jude, der Junker, der Jurist, der Pfaffe und der Bureaukrat — ste alle haben sich weidlich um den Schweiß deiner Arbeit gekatzbalgt, und jeder suchte für sich herauszuschlagen, waS er nur kriegen konnte! Sie alle führten die Worte „Vaterland, Christenthum, Monarchie" im Munde, ste alle wußten in faden oder gleißenden Redensarten damit Parade zu machen, aus dem Herzen heraus aber kam es keinem von der ganzen Sippe und das wahre Volkswohl ging in der schmählichen Jntereffenwlrthschaft zu Grunde." Wie man steht, hat Ahlwardts Bundschuh, der früher nur die „Juden und Junker" bekämpfte, das Angriffsfeld erweitert. Breslau, 1. Januar. Die jüdische Wissenschaft hat einen großen Verlust erlitten. Herr Dr. David Rofin, Docent am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar, derzeit Vorsitzender des Lehrercollegiums, verschied gestern plötzlich um 3 Uhr Nachmittags, nachdem er noch Vormittags den Seminarrabbiner Herrn Dr. Lewy, anläßlich seiner silbernen Hochzeit in einer längeren, glänzenden Ansprache beglückwünscht hat. Hamburg, im Januar. Herr Rabb. Rafael Kirsch, der eine Reihe von Jahren an der hiesigen Walltch's Synagoge thättg war und segensreich gewirkt, wurde einstimmig zum Rabbiner in Oborntk (Bz. Posen) gewählt. Herr Rabbiner K. war ein würdiger Nachfolger des hpo tthö bvti Ywsyisyb, den Sie oft in Ihrem gesch. Blatte erwähnt haben, und hat mit einem eisernen Fleiß das Studium der h. Thora hier gepflegt und hat sich dadurch mit Recht einen bedeutenden Ruf als großer und scharfsinniger Talmudist erworben. Wie wir von zuverlässiger Seite vernehmen, wird in nächster Zeit ein umfangreiches und scharfsinniges talmudtscheS Werk von ihm im Drucke erscheine». Wir werden den H. Rabbiner hier schmerzlich vermissen, denn er hat es verstanden die größten Geschäftsleute zum Thora-Studium heranzuziehen, so z. B. hat Herr Gemeinde-Vorsteher Louis Wolff bei ihm ein täglichen iw genommen. Nebst seinen regelmäßigen Vorträgen in der Walltch's-Klaus hat er auch in unserer Nachbar-Gemeinde Altona einen "ip bei Herrn Bankier S. L. Bundheim mit mehreren Herren gelernt und wurde dort erst ein dvd auf riQm imp» roDD gemacht. Um seine Thätigkeit zu erweitern nahm der H. Rabbiner die Stelle in der Gemeinde Obornik an und wir gratuliren der Oborniker Gemeinde zu dieser glänzenden Acguisttion. Möge es dem jungen Herrn Rabbiner ferner gelingen seine ersprießliche Thätigkeit auch in seinem neuen Amte zu entfalten. Wie wir vernehmen, soll schon den 13. Januar die Abreise erfolgen. Möge es der Preßburger Rab - btnats Hochschule, wo der H. Rabbiner seine Studien gemacht und s. z. hierher berufen worden, ferner vergönnt sein, derartige Kräfte dem wahren Judenthum zu liefern. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 5. Januar. Der niederösterreichische Landtag beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit der Frage der Verpflegungsgebühren in den öffentlichen Wiener Armenhäusern und nach längerer Debatte gelangte der seitens des liberalen Abgeordneten Dr. Maag gestellte Antrag auf Erhöhung zur Annahme. Die Anttjemiten benützten die Debatte, um in schrankenloser Weise gegen die Juden aufzutreten, wie wir, die wir doch schon an starken Tabak gewöhnt, sie bisher noch niemals zu verzeichnen hatten. Das gesammte Aufgebot war mobil gemacht, an der Spitze dieses sich in die Brust werfenden, jedoch immer feigen Heeres waren natürlich die „Führer" Lueger, Gregorig und Schneider. Nach einem gleich nach Eröffnung der Sitzung zwischen dem Landmarschall Grafen Abensperg-Traun und dem Abgeordneten Schneider stattgehabten Geplänkel ließ Gregorig bald das schwere Geschütz eingreifen. „Unsere Hoffnungen" sagte er unter dem Gejohle seiner College», „gehen dahin, daß man einmal die Güter der Juden confisciren wird, wie man einmal die Kirchengüter confisctrt hat. Das wird jedenfalls besser sein, die Kirchengüter sind durch Schenkungen entstanden, die Güter der Juden durch Raub und Börsenspiel. Die Judenblätter haben ein Geseres erhoben, als gemeldet wurde, man wolle das allgemeine Spital nach Ottakring (das ist die äußerste Peripherie der Stadt) verlegen, die Juden erlauben es nicht und schnell wurde zum Rückzuge geblasen. Der Glanz der Universität ist verschwunden. Gestern ist wieder ein Jude zum Professor ernannt worden. Die heiligen Hallen der Universität sind in ein an einem Nothnagel hängendes Mauscheleum verwandelt worden." So geht eS noch weiter fort. Endlich, nach Ablösung dieses trefflichen (sie!) Gregorig durch Pfarrer Scherzer, der aus demselben Tone pfeift, nimmt die Debatte eine andere Wendung, auf welche die Antisemiten nicht gefaßt waren. Prof. Dr. Laurenz Müllner, der i-eetor maxuiLeus der Alma mater viennensis, ergreift das Wort, um in überaus gelungener, großangelegter, wohldurchdachtcr Rede die Bemerkungen Gregorigs