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Der Israelit · 1895-01-10 · Heft 3 (10.1.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 3 (10.1.1895)
Date
1895-01-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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43 Nachmittag und Abend verbrachten die Damen lesend und über das Gelesene sich unterhaltend. Leiderfanden sie nicht viel geeignetes Material, denn dieser Zweig der Literatur wird von wenig Berufenen gepflegt und es finden sich selten Verleger, die es risktren, bellestrische Werke spezifisch jüdischer Tendenz zu veröffentlichen. Unser jüdisches Publikum erkennt nicht den Werth solcher Publikationen, sie werden zu wenig gekauft und der Jndifferentismus selbst der Frommen in Israel der jüdischen Presse gegenüber ist ein großer Hemmschuh in der Entwickelung des jüdischen Volkes. Anny entwickelte eine lobenswerthe Thätigkeit. Sie trat mit Schriftstellern in Verbindung und veranlaßte, daß sämmtliche jüdische Zeitungen, die in deutscher Sprache erschienen, von dem Verein gehalten wurden. Anny veranlaßte ihren Vater Beiträge für die jüdischen Zeitungen zu liefern. Der erste Beitrag, mit dem Dr. Pretorius in die Oeffentlichkeit trat, war eine werthvolle Abhandlung über: Das mosaische Recht und sein Verhältniß zur sozialen Frage der Gegenwart. Die Arbeit erregte Aussehen und brachte dem Verfasser große Ehre. Wer war glücklicher als Anny! Der Vater hatte ihr so recht aus der Seele geschrieben, klar und verständlich, zum Herzen dringend, weil vom Herzen kommend. Es war ein Triumph des Judenthums und seiner Lehre über die Verdächtigungen und Verfolgungen seiner Feinde. Anny war Jüdin mit Leib und Seele. Sie befolgte die Gebote ihrer Religion nicht, weil sie in derselben geboren und erzogen worden war, weil ihre Eltern gesetzestreu und fromm waren, sondern weil sie ihr Volk und dessen Religion innig liebte, mit Begeisterung die Worte des einzigen ewigen Gottes in der Ursprache, lesen und verstehen konnte und so dazu sich berufen fühlte ihr Leben ihrem Gotte und seinem auserwählten Volke zu weihen, so viel in ihren Kräften stand, dazu betzutragen, daß das sittliche und materielle Wohl ihres Volkes gefördert, seine soziale Stellung gefestigt und gesichert werde. Am meisten Kummer bereitete ihr der Abfall ihres Bruders Willy, und obschon sie den Eltern gegenüber Willys Vergehen in ein milderes Licht zu stellen, ihn als einen Verführten htnzustellen suchte, nagte es wie ein Wurm an ihrem Herzen. Gerne hätte sie ihn selbst in Berlin aufgesucht, aber die Eltern gaben ihre Einwilligung nicht zu einer Reise nach der Reichshaupistadt, und so mußte sie ihren Einfluß auf ihn auf Briefe beschränken, die oft ungelesen ins Feuer wunderten. Durch Auny's Anregung war ein lebhaftes Streben in die Jugend ihrer Vaterstadt getragen worden, ein Streben nach Erkenntntß, nach Kenntniß der Geschichte Israels; dieses Streben theilte sich auch den älteren Leuten mit und zeigte zuerst seine Wirkung in dem starken Besuch des Gottesdienstes und der religiösen und religiös-wissenschaftlichen Vorträge, die auf Veranlassung des jungen Vereins gehalten wurden. Anny fühlte sich glücklich im Elternhause und wußte dieses selbst so behaglich und gemüthlich zu machen, daß Jedermann gerne dort verkehrte. Eines Tages machte ein junger Mann, der Sohn eines reichen Industriellen der Umgegend, eines Klienten ihres Vaters, dort seine Aufwartung und lernte Anny kennen. Der junge Mann besuchte die technische Hochschule in Berlin und war gerne bereit. Annys Wunsch, ihren Bruder dort aufzusuchen, zu erfüllen. Anny machte einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann; er sah in ihr sein Ideal verkörpert und dehnte seinen Besuch länger aus, als eS für eine Anstandsvisite passend war. „Sie müssen mich für sehr aufdringlich halten," sagte er beim Abschiede zu den Damen, „daß ich Sie so lange belästigt, aber in Ihrer Gegenwart eilt die Zeit unbemerkt vorüber." „Sie brauchen Ihr Verweilen bet uns nicht zu entschuldigen," sagte die Mutter. „Wenn es Ihnen bei uns gefallen hat, Herr Sänger, so zeigen Sie dieses dadurch, daß Sie Ihren Besuch recht bald und recht oft wiederholen. Sie sind uns stets angenehm." „Ich werde nicht verfehlen, von Ihrer freundlichen Erlaubniß Gebrauch zu machen, so oft ich zur Stadt komme." Als der Anwalt vom Gericht nach Hause kam und hörte, daß der junge Sänger dagewesen sei, bedauerte er sehr, denselben nicht mehr angeiroffen zu haben. Er erzählte den Damen viel von dem Reichthum des jungen Mannes und schloß: „Es ist nur schade, daß Herr Sänger vom^, Judenthum nichts mehr weiß, als daß er als Jude geboren ist." „Ist Herr Sänger Jude?" fragte Anny lebhaft. „Ja," versetzte der Vater, „er weiß nur leider nichts davon. Seine Eltern waren einfache fleißige Leute, der Vater ein self-made Mann ist einer der tüchtigsten Weber, der es vom einfachen Handwerker zum reichen Fabrikanten gebracht hat. Leider vergaß er in dem Maße, wie sein Wohlstand wuchs, seine Religion und er ist heute nur noch dem Namen nach Jude, der, wenn er zum Commerzienrath ernannt werden würde, sich sicher taufen ließe. „Sonst" sind die Sgngers prächtige Leute und der Sohn ist ein braver und tüchtiger junger Mann."

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