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Der Israelit · 1895-01-10 · Heft 3 (10.1.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 3 (10.1.1895)
Date
1895-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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■. V-»5 vv -. \yr;$. 3S die Wahrheit, daß der wahre Erlöser nur derjenige ist, der die Alten wieder in ihre Rechte etnsetzt. Die beiden ersten Zeichen des wahren Erlösers stehen deßhalb in tiefem inneren Zusammenhang. Nur wer sich abhängig von Gott und in seinem Dienste wirkend sich begreift, der verzichtet leichten, freudigen Herzens darauf in eigenem Lichte zu glänzen. Ein solcher folgt mit heiterer Zuversicht den lichten Spuren unserer großen Altmeister und Mät sich MM-ch Vft mojjMu und an der Verwirklichung ihrer Wahrheiten Mitwirken zu können. Wer aber statt des bescheidenen von Gott sich abhängig bekundenden »m« das von seinem eigenen Werthe durchdrungene ’jn im Munde führt, der wählt nicht die Alten aus, um bei ihnen Rath und Belehrung zu suchen. Em solcher duldet keine andere Größen neben sich, die ihm ein Titelchen seiner Erlöser-Rolle streitig machen könnten, er möchte als der alleinige Erlöser gelten und kein Lorbeerblättchen seines Ruhmeskranzes anderen überlassen. Erlöser dieses Schlages Haschen nach Anerkennung und Popularität und fehlt ihnen daher jedenfalls das dritte Zeichen, das den wahren Erlöser charakteristrt, sie sagen mit Nichten den der Erlösung Harrenden: "i nipv' wps Gott denkt! Wenn wir unter dem Druck schwerer, ernster Zetten sehnsuchtsvoll nach Erlösung ausschauen, so ringt uns der Alp von Wahn und Vorurthetl, welcher auf uns lastet, wohl auch die Frage ab: Woher sich Erscheinungen dieser merkwürdigen Art wohl erklären lassen, daß in unserer aufgeklärten, fortgeschrittenen Zeit, hundert Jahre nach der feierlichen Proklamirung der Menschenrechte, man die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gerade ihren ältesten Vertretern am hartnäckigsten versagt? Man findet dann die Antwort gewöhnlich in der allgemeinen Unzufriedenheit, der geschäftlichen Deroute, der Zuspitzung der socialen Gegensätze und noch in hundert anderen Dingen, die alle nach einem Prügelknaben suchen und ihn in den Juden gefunden zu haben glauben. Aber die Frage, warum denn, wenn schon die unzufriedenen Massen einen Abletter für ihre Unzufriedenheit haben müssen, warum dann wir Juden gerade dafür herhalten sollen, diese Frage bleibt noch immer offen und wird es so lange bleiben, bis wir die Frage anders stellen. In der erwähnten Form gefaßt, suchen wir die Antwort in Verhältnissen und Zuständen, die außer uns liegen. Erst wenn wir fragen: Was haben wir verschuldet, daß uns dies alles trifft, erst, wenn wir somit die Schuld nicht in äußeren Constellationen, sondern bei uns selber suchen, erst dann können wir eine Antwort auf diese Frage finden. Freilich würde diese Frage schon eine Selbstanklage involviren, vor der wir zürückschrecken, nochmehr aber vor der Antwort, welche damals wie heute lautet: 'i wps' np’iD. Gott denkt! Wir haben bereits daran erinnert, wie unsere Ahnen das thränenreiche Verhängniß in Egypten durch ihr eigenes Verhalten dadurch provoctrt hatten, daß sie dem heiligen Vätererbe nicht mehr die alte unverbrüchliche Treue der Altvordern entgegenbrachten, daß sie wohl in socialer und politischer Beziehung makellos dastanden, aber in der Bewahrung der specifisch jüdischen Tugenden und Eigenthümlichketten die bewährte, ursprüngliche Hingebung vermissen ließen. Daß eine große Volksgenoffenschaft nicht ungestraft ihren heiligsten Traditionen untreu wird, daß, wenn sie hundertmal Gott und sein Gesetz vergessen, Gott sein Volk nicht vergißt und es nicht spurlos in der Maffe aufgehen läßt, kurz, daß Gott denkt, das war es und das ist e8, was der wahre Erlöser dem leidende» Israel alle Zeit zu sagen hat. — Freilich, freilich find mit dieser freimüthigen, fort und fort zu wiederholenden Betonung der eigenen Schuld keine Lorbeeren zu holen. Freilich ist es bequemer auch unsererseits alles Ungemach auf das Conto anderer zu stellen, oder wenistens über diesen wunden Punkt zu schweigen; aber die Erlösung wird dieses frevelhafte Schweigen nicht bringen. Von einem hochgestellten französischen Rabbiner theilt man uns einen leider sehr zutreffenden Ausspruch mit: „Wir Rabbiner werden weniger für unser Reden, als für unser Schweigen honortrt!" Dieses Schweigen hat denn in der That unter dem Regime der überwältigenden Mehrheit bei den französischen Rabbinern dazu geführt, daß der Ernst des jüdischen Pflichtenlebens von Tag zu Tag in den ihnen unterstellten Gemeinden mehr und mehr zu schwinden droht, daß eine Jugend heranwächst, die in allem gebildet und unterrichtet ist, dagegen vollständig unwiffend dasteht in Kenntniß der Thora und Uebung der Mizwoth. Das ganze Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, den Modegötzen des Tages zu schmeicheln, um die Gunst der Großen und der Weisen zu buhlen und dieses ganze traurige Ensemble treibt dazu, Gott und sein Gesetz vollständig zu vergeffen. Keiner spricht das rettende, erlösende Wort: 'i ups» nps „Es gtebt einen Gott, der gedenkt!" Für das Totschweigen dieser Wahrheit werden die Wortführer bezahlt! Ist aber kein einziger Mann mehr da, der dieses Wort spricht, dann sprechen es mit ihrer elementaren Macht die Schicksalszuugen der Ereignisse, wie dies in den Schlußsätzen des 59. Capitel des Jesaja ausgesprochen ist:

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